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"Fight against Abstraction" von 1947.

Fahrelnissa Zeid

Die osmanische Avantgardistin

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Prinzessin Fahrelnissa Zeids kosmische Bilder in der Berliner DB-Kunsthalle sind eine fulminante Wiederentdeckung.

Alle Konventionen liegen hinter ihr. Die Bildsprache ist so eigen wie universal. Ein Kosmos aus Farben und abstrakten Formen tut sich auf in der extra für ihre in Berlin noch nie gezeigten Bilder zu zwei Ebenen umgebauten DB-Kunsthalle. Fahrelnissa Zeids mosaikartiges „Fight against Abstraction“, 1947, etwa erinnert an den Fauvisten Matisse und dessen ornamental-abstrakte Phase.

Auch bei ihr bestechen die flächenhafte Farbgebung, die spannungsgeladenen Linien, der spielerische Bildaufbau und die Leichtigkeit des Sujets. Man möchte meinen, sie habe das Motiv für ein Glasmosaik entworfen. Nicht zu übersehen in der rätselhaften Szene ist die dickliche rechte Hand, darüber das maskenhaft-dekorative Männer-Gesicht, unten das halbverschleierte Antlitz einer Frau und rechts der Ringelmuster-Arm. Vermutlich gehört er zu einer (Bauch)Tänzerin. Zudem übers „Such“-Bild verstreut der ganze Tand mit Perlen, Steinchen, Schleiern, Fransen und Zimbeln. 

Ein nächstes Bild hat die aus Istanbul stammende Malerin Fahrelnissa Zeid (1901-1991) im Jahr 1948 gemalt, als sie zwischen Paris und der britischen Insel pendelte. Sie nannte ihr Bild nach dem schönsten See Schottlands: „Loch Lomond“. Wasserfläche, aufgeteilt in Ornamente, Schiffe, winzige Menschlein, die der opulent zelebrierten „Regatta“ zuschauen. Malerei der „Inneren Worte“ könnte man zu Motiven wie diesem sagen, zumal sie zu dieser Zeit auch furios-enigmatische Bilder zu Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ malte. Auf einer der „Alice“-Tafeln glüht Rot aus Schwarz, Kohleglut oder Raubtier-Augen aus dem Nacht-Dunkel.

Seit einiger Zeit wird diese türkische Prinzessin als Pionierin der Moderne endlich wiederentdeckt. Die Tate Modern hat daran Anteil, die Sammlung Ludwig in Aachen ebenso. In Berlin aber ist dieses fulminante Werk der emotionalen Abstrakten ein Novum. Denkwürdigerweise bewundert und ehrt die internationale Kunstszene vor dem Hintergrund von Präsident Erdogans restriktiver Politik damit eine türkische Kosmopolitin, eine Europäerin, die ganz in Atatürks aufklärerisch-demokratischem Sinne eine osmanische Kosmopolitin war. In den zwanziger Jahren verheiratet mit dem Dichter Melih Devrim, war sie eine der ersten Frauen ihres Landes, die Kunst studierte. Geprägt von Paris, damals das Epizentrum der Moderne, vom intensiven Kontakt mit Expressionisten, Fauvisten, Kubisten und Surrealisten, wechselte ihre Stilistik flugs in die Abstraktion. 

Nur war diese nie kühl vergeistigt, sondern immer pulsierten Emotionen durch die Farbstrudel und -splitter. 1934 ließ sie sich scheiden und wurde die Frau des haschemitischen Prinzen Zeid Al-Hussein, bis 1938 Botschafter in Berlin. Danach lebte sie mit ihm bis 1946 in Bagdad. Der Irak sandte ihn als Botschafter nach London. 

Fortan malte sie wechselweise in Ateliers in London und in Paris, fühlte sich der „Nouvelle École de Paris“ zugehörig, schuf allerdings weit spielerischere Abstraktionen, verglichen mit den „harten“ Bildsprache eines Soulage, Poliakoff oder Hartung. Spontanes Agieren ging bei ihr einher mit emotionalem bis lyrischem Formgefühl. Zeid malte kaleidoskopische, den Bildraum förmlich zersplitternde, pixelartige Szenen. „Meine Hölle“, so interpretierte sie eins der fünf Meter breiten Bilder von 1951 selbstironisch. Bisweilen gleichen die leuchtend sogartigen, gleichsam ins Dreidimensionale tendierenden Formungen Architekturen aus einer utopischen Welt. Dann wieder glaubt man Florales zu sehen oder kosmische „schwarze“ Löcher, fast wie Augen aus dem All. Oder Mosaiken aus Byzanz. 

Jäh aber bricht dieses schwungvolle, privilegierte Schaffen ab, als 1958 fast die gesamte haschemitische Königsfamilie bei einem Staatsstreich im Irak ermordet wird. Zeid und ihr Mann müssen daraufhin London verlassen. Für Jahre versiegt der Malfluss. Erst später, zur Ruhe gekommen im jordanischen Amman, arbeitet sie wieder. Das Trauma bekämpft sie mit melancholischen Porträts naher Menschen – im anti-naturalistischen Stil der byzantinischen Kunst – und auch von sich selber. Und sie beginnt mit Tierknochen in Kunstharz zu experimentieren. Eigentümliche Skulpturen, jetzt hinter Glas zu sehen als Artefakte, wie in Bernstein eingeschlossen. Beuys’ frühe anthropologische Bilder kommen einem in den Sinn.
Alles, was wir jetzt in Berlin erstmals von dieser einzigartigen Künstlerin sehen, vereint internationale Kunstströmungen, europäische Malerei der Moderne und orientalische wie byzantinische Tradition. Es gibt kaum abstrakte Kunst, die derart stofflich, somit enorm sinnlich und lebendig ist. Etwas selten Schönes. 

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