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„Ortswechsel“ – Sammlung der Bundesbank im Museum Giersch: Kunst am Gummibaum

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Von: Judith von Sternburg

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Corinna Wasmuht: „Monaco“, 2004. Bild: Corinne Wasmuht, Foto: Achim Kukulies
Corinna Wasmuht: „Monaco“, 2004. © Achim Kukulies

Die büroerprobte Sammlung der Deutschen Bundesbank ist erstmals zu Gast in einem Museum. „Ortswechsel“ ist im Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt zu sehen.

Kunst am Bau“, sagten die Erwachsenen mit ironischem Unterton, wenn man beim Vorübergehen nicht direkt verstand, woran man war. Dann geriet die Wendung etwas aus dem Blick. Dabei geht es um eine ganz kleine antikapitalistische Utopie, ein Immerhin-Förderprinzip und durchaus einen Zusammenprall der Kulturen: ein Spannungsfeld, in dem die Deutsche Bundesbank – auch sie naturgemäß etwas aus dem Blick geraten – eine reizvolle Position einnimmt.

Die Institution sei dem „Kunst am Bau“-Prinzip verpflichtet, sagt die Kuratorin der Bundesbank-Kunstsammlung, Iris Cramer, zugleich biete sie ihren Beschäftigten die Möglichkeit, mit Kunst zu leben. Für ihre Büros dürfen sie sich Werke aussuchen. Früher hieß das Depot Lager, heute heißt es „Artothek“. Und werde stark frequentiert, sagt Cramer.

Für Außenstehende gilt hingegen: Ein Museum ist viel einfacher zu besuchen als die Zentrale der Bundesbank in Frankfurt-Ginnheim. Dort wird nun aber kernsaniert, und das Museum Giersch der Goethe-Universität, das heutzutage MGGU heißt, kann für einige Monate als Gastgeber auftreten. „Ortswechsel“ heißt die Schau: Erstmals in der fast 70-jährigen Geschichte der Kunstsammlung ist eine Auswahl davon in einem Museum zu sehen. Eine Premiere, die beiläufig daran erinnert, dass Kunst lange vor der Erfindung des Museums existierte und sich die Frage, was ihre natürliche Umgebung ist, nicht so einseitig beantworten lässt. Denn an sich kommt einem im MGGU alles richtig vor: Kunst unter sich, auf weißem Grund, sinnfällig sortiert, ohne Ablenkung.

Gezeigt werden 93 von 5000 Werken, von denen sich der überwiegende Teil in der Zentrale befindet, andere sind auf die 40 Standorte der Bundesbank verteilt. 93 von 5000: Iris Cramer, MGGU-Leiterin Birgit Sander und Kuratorin Katrin Kolk berichten von langen Diskussionen und praktischen Gegebenheiten. Die Villa am Schaumainkai hat zu kleine, kabinettartige Räume, um viele der in Formaten für Säle anderen Ausmaßes geeignete Werke überhaupt in Erwägung zu ziehen. Der Wunsch nach einem möglichst repräsentativen Ausschnitt überlagerte dann auch die Überlegung, den – gar nicht so geringen – Frauenanteil in der Auswahl zum Beispiel auf 50 Prozent zu erhöhen. Das, findet Cramer, hieße, die Geschichte der Sammlung zu leugnen. Zu der gehöre, dass in den ersten Jahren praktisch nur Werke von Künstlern erworben worden seien. Heute sehe das anders aus. In „moderatem Ausmaß“ werde weitergesammelt. Im Schnitt stünden dafür 100 000 Euro im Jahr zu Verfügung.

Auf drei Stockwerken ist es, als wanderte man durch einen lebensgroßen Kunstband zur Nachkriegsmalerei. Gehängt wurde nicht chronologisch oder biografisch, sondern ausschließlich thematisch. Bei der „Informellen Freiheit“ liegen Arbeiten von Karl Otto Götz, Emil Schumacher oder Hans Hartung noch nah beieinander. Aparter ist es, gleich nebenan – „Formen des Gestischen“ – Anne Imhof und Arnulf Rainer zusammenzubringen, ihre Arbeit „I promised to be good“ (2018) mit seiner „Schwarzen Qualle“ (1956-60), ihre aggressiv, aber auch kalkuliert wirkenden Kratzlinien auf der schwarz-weißen Lackfläche, seine über einen schier unendlichen und dann bloß künstlich beendeten Zeitraum immer wieder und weiter vollzogene Übermalung einer nur noch zu ahnenden Radierung. Müßig, darüber nachzudenken, aber bei einem Ratespiel, welche Arbeit von einem Mann und welche von einer Frau ist, hätte man vermutlich falsch getippt.

Die Ausstellung

„Ortswechsel“ ist bis 8. Januar 2023 im Museum Giersch der Goethe-Universität am Schaumainkai in Frankfurt zu sehen. Der ökonomisch gestaltete, attraktive Katalog kostet 10 Euro.

Zum Begleitprogramm gehören neben Führungen auch Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern, darunter ein Atelierbesuch bei Michael Riedel. Laufende Aktualisierung des noch nicht vollständigen Angebots auf www.mggu.de

Das Imhof-Werk durch das Treppenhaus zu lotsen, sei eine der heikelsten Aufgaben gewesen, berichtet Kolk, und Fotografien aus der Bundesbank belegen eindrucksvoll, wie anders Kunst je nach Kontext wirkt. Einerseits sieht man, wie unbedrängt große Formate an noch viel größeren Wänden glänzen. Dass der Übergang von Kunst zur Raumdekoration fließend ist, muss sie hinnehmen, die Kunst.

Andererseits bekam der Fotograf Nils Thies den schönen Auftrag, die Kunst auch in unaufgeräumter und nicht katalogfreundlich ausgeblendeter Umgebung zu zeigen. Ein rotleuchtendes Hochformat von Norbert Prangenberg (2018) neben einem ähnlich geformten Heizkörper. Peter Krauskopfs „B 190409“ (2009) zwischen modernistischen Gummibäumchen. Und zwischen die Originale mogelt sich auch ein schmucker Druck. Das hat alles nichts mit Respektlosigkeit zu tun, ausschließlich mit dem Privileg, Kunst in den Alltag hineinnehmen zu dürfen.

In Videos kommen Beschäftigte zu Wort. Dass die Farben eines Bildes leuchten, egal wie draußen das Wetter ist, mag keine kunstgeschichtliche Expertise vermitteln, aber es ist Empirie. Neidisch wird man eh.

Mehrere Räume widmen sich den Farben, mächtig strahlt in der Tat Rupprecht Geigers „429/65“ (1965), dass einem heiß und kalt wird dabei. Monika Baer geht in „CMYK“ fünfzig Jahre später nicht so anders, aber mit Ironie vor. Prosaisch nicht nur die Kennzeichnung der Farbwolken als Bestandteile des Vierfarbendrucks, unten in der Ecke findet sich auch sehr unerwartet eine Zigarettenkippe. Naturalistische Malkunst muss sich mit einem Stück Abfall begnügen. „Körper“ und „Geschichte und Geschichten“ sind Themen, überhaupt die „Neue Figuration“ (mit Georg Baselitz, Jörg Immendorff) und natürlich die Landschaft. Hier schaut die „Saarschleife“ von Erich Heckel (1946) wie aus einer anderen Galaxie herüber. Über Wolfgang Mattheuers „Osterpaziergang I“ (1971) geht es zu Corinne Wasmuhts „Monaco“ (2004), wo alles Vertraute in eine berechnete knallfarbige Linien- und Ziffernwelt übergegangen ist.

Was in der Bundesbank möglich ist und schon fabelhaft umgesetzt wurde – etwa die berühmte Speisesaal-Installation von Victor Vasarely (1972) –, ist im Kleinen auch im Museum probiert worden: Eine Künstlerin und ein Künstler bekamen Gelegenheit, eine Rauminstallation einzurichten. Frauke Dannert verbindet erneut ihre feinen Collagen mit Teppichintarsien, die die zarte gerahmte Arbeit in die dritte Dimension schieben. Michael Riedel stellt seine „Riedels“ aus, eine für die Bundesbank-Ausstellung „Geldmacher“ entwickelte Währung aus Kunstscheinen. Theoretisch gingen dabei viele Überlegungen voraus – bedruckt sind die Scheine mit digital bearbeitetem Material aus einem E-Mail-Verkehr zwischen Riedel und einem Galeristen, denn Geld regiert auch die Kunstwelt. Praktisch will man vor allem gleich einige Riedels haben. Man sieht sie gestapelt hinter Glas, bestimmt Panzerglas.

Riedel hat aber auch einen Geldwechselautomaten entwickelt. Zu schwer für ein Museum, so ein Automat. Aber zum Begleitprogramm soll ein Atelierbesuch kommen, mit Umtauschgelegenheit.

Erich Heckel: „Saarschleife“, 1946. Bild: Nachlass Erich Heckel, 2022, Foto: Nils Thies
Erich Heckel: „Saarschleife“, 1946. Bild: Nachlass Erich Heckel, 2022, Foto: Nils Thies © Nils Thies

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