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Sitzende mit Bühnenmaske im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer, um 1926, fotografiert von Erich Consemüller.  

Bauhaus-Jubiläum

„Original Bauhaus“ in Berlin: Von Menschen und Dingen

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Die Jubiläumsschau des Bauhaus-Archivs in der Berlinischen Galerie erzählt 14 Fallgeschichten.

Vielleicht ist das Bauhaus deswegen noch immer so faszinierend, weil es durch und durch fortschrittsoptimistisch war. Während das Verschwinden des Individuums hinter Technik, Material und Massenphänomenen heutzutage Angst macht, gehörten das Verständnis des Menschen als optimierbares System einerseits und die fast religiöse Erforschung des Dinglichen andererseits damals zum von allem Repräsentationszwang befreienden Grundbesteck des gestalterischen Schaffens.

Die „Frau im Klubsessel B3 von Marcel Breuer“, fotografiert von Erich Consemüller im Jahr 1926, ist eine Ikone dieser Idee. Hinter der von Oskar Schlemmer geschaffenen Maske noch heute nicht identifiziert, in einem Kleid, dessen Webstoff (von Lis Beyer) der Linie des Sessels nachspürt, scheint sie den Sessel mehr zu befüllen als sich seiner zu bedienen.

Auch Schlemmers als „Ganzkörpermasken“ bezeichnete Kostüme für das „Triadische Ballett“ und die darin möglichen Tänze sind ein fröhliches Hineinspüren in die Verdinglichung: Welche Bewegungen sind noch möglich, wenn ein Bein in einem Kegel steckt? Was macht die Hand, wenn sie plötzlich eine Glocke ist? Das kurze Filmstück, das 1926 auf der Bauhausbühne in Dessau aufgenommen wurde und Schlemmer selbst als Tänzer zeigt, erinnert durchaus an das belebte Mobiliar in der Disney-Verfilmung von „Die Schöne und das Biest“ von 1991.

In der Jubiläumsausstellung des Bauhaus-Archivs in Berlin, die mitten im 100-Jahre-Bauhaus-Jahr und gerahmt von einer Berliner Bauhaus-Woche leider (oder auch zum Glück und im Dienste einer zumindest minimalen Vielfalt in der Einheit) nicht in der örtlichen Bauhaus-Dependance stattfinden kann, sondern am Donnerstag in der Berlinischen Galerie eröffnet wird, in dieser sehr schönen und von Nina Wiedemeyer kuratierten Ausstellung von über 1000 Objekten auf über 1200 Quadratmetern geht es nicht explizit um das Verhältnis von Mensch und Ding. Aber alle Positionen zeugen von einer spielerischen Unbefangenheit, die es diesbezüglich – behaupte ich, beobachte ich – nicht mehr gibt. Denn inzwischen gilt es nicht mehr, mit den Dingen Freundschaft zu schließen. Sondern es gilt, in Konkurrenz mit ihnen noch ein wenig weiterzubestehen.

Einige Fakten mehr zur Jubiläumsausstellung: 80 Prozent der Exponate stammen, wie Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs in Dessau, beim Pressetermin erläuterte, aus eigenen Beständen, 20 Prozent wurden dazugeliehen, unter anderen von der Obdach gebenden Berlinischen Galerie. Diese Kooperation hat auch ein eigenes Kapitel der Ausstellung hervorgebracht, die Begegnung von Bauhaus und Dada in der Technik der Fotomontage, speziell am Beispiel von Hannah Höch, die im Bauhaus Dessau ihre erste Einzelausstellung haben sollte, die Werke waren schon gehängt, die Einladungskarten verschickt – als die in Dessau neu an die Stadtmacht gekommenen Nazis die Ausstellung verboten.

Kleiderschrank auf Rollen für Junggesellen, Entwurf Josef Pohl, 1930.  

Das erwähnte Schöne an der Ausstellung „Original Bauhaus“ ist nicht allein die lichte Architektur, die schöne Über- und Zusammenblicke ermöglicht, sondern vor allem die Fokussierung auf 14 Themen, die jeweils in Ruhe erzählt werden. Außer diesen „Fallgeschichten“ gibt es auch zwölf Neuproduktionen von Kunstwerken, die auf Bauhaus-Werke Bezug nehmen. So rekonstruierte Juliane Laitzsch zeichnerisch einen handgeknüpften Teppich aus gelb-blau-grauen Farbquadraten aus der Werkstatt der Bauhäuslerin Gertrud Arndt, der verschollen ist und an den nur eine kolorierte Fotografie erinnert. Als Original-Objekt ist dazu ein anderer Teppich von Gertrud Arndt ausgelegt, grün-blau-grau-rosa, den sie für eine Hamburger Familie anfertigte und der von deren Gebrauch so gezeichnet ist, dass der Anblick geradezu intim wirkt. Rollte hier der Schreibtischstuhl? Erbrach der Hund dort unauslöschbar die Osterschokolade?

Die Frage nach dem Original unter dem Umstand der Feier des Seriellen bleibt im Bauhaus dadurch relevant, dass es sich zumeist um Handarbeit handelte. Der Fallgeschichte der Teppiche von Gertrud Arndt sind Farb- und Materialproben beigeheftet, und für sehbehinderte Besucher gibt es eine befühlbare Straße von Materialien, die für Wohnräume genutzt wurden: von Wolle über Holz bis Kunststoff.

Vermittlung ist großgeschrieben bei dieser Ausstellung, eine benachbarte Halle ist als Werk- und Konferenzraum ausgewiesen, Fachkräfte der Kulturstiftung des Bundes (Bauhausagenten) und beider Kunst-Institutionen sind am Start, was natürlich auch damit zu tun hat, dass das Bauhaus selbst eine Schule war, deren legendäre Vorkurse der weiten Öffnung des Geistes und einer umfassenden handwerklichen Bildung dienten. Zunächst geleitet von dem asketisch-spirituellen Johannes Itten, waren es ab 1923 László Moholy-Nagy und ab 1928 Josef Albers, die die Neulinge prägten und ihnen Aufgaben stellten wie „Atemstenogramm“ oder „Eislaufen auf Papier“ oder „Kamerabalg falzen“.

Umgeben von Nachbauten historischer Vorkurs-Werke, großzügigen Formstudien in Papier oder Metall, lädt im Zentrum der Ausstellung ein Kreis digital-künstlerischer Arbeitsplätze die Besucher ein, selbst tätig zu werden. Die Ergebnisse werden auf einer Leinwand in Echtzeit noch einmal collagiert. Was, siehe oben, aber eben nicht mehr dasselbe ist, nicht einmal das Gleiche. Zwar liegen, etwa bei der Materialmix-Challenge, echte Stoffe auf dem Tisch. Aber sobald man sie auf den Scanplatz gelegt hat, geht es nur um Tippen und Wischen und der weitere Kreationsprozess ist Sache der digitalen Oberfläche. Die das ohne Zweifel besser kann.

Moholy-Nagy war übrigens ein besonders begeisterter Visionär der Optimierung des Menschen. In einem Aufsatz von 1922 schwärmt er davon, dass die Kunst die bestmögliche Ausbildung aller menschlichen Funktionsorgane bewirken könne, „indem sie zwischen den bekannten und noch unbekannten optischen, akustischen und anderen funktionellen Erscheinungen weitgehendste neue Beziehungen herzustellen versucht und deren Aufnahme von den Funktionsapparaten erzwingt“. Der Chip im Hirn wurde hier fraglos schon mit vorgedacht.

Berlinische Galerie, Berlin: bis 27. Januar 2020. www.berlinischegalerie.de

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