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Edward Poynter beschäftigte das Theme Israel in Ägypten um 1897.
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Edward Poynter beschäftigte das Theme Israel in Ägypten um 1897.

Ausstellung über das Morgenland

Der Orientmonolog

Eine große Schau in München demonstriert die westliche Sehnsucht nach einem pittoresken Morgenland, das kein Kopfzerbrechen bereitet sondern Sinnenfreuden. Doch die Bilder verraten statt dessen viel über den Westen - Opulenz garantiert.

Von K. Erik Franzen

Für Generationen von Erstlesern war Kara Ben Nemsi der heiß geliebte Türöffner zu einer fremden, abenteuerlichen Welt. Auf seinen Spuren wurden Wüste, Harem und das wilde Kurdistan durchschritten, streifte man von Bagdad nach Stambul und ins Land der Skipetaren. Der Orient-Zyklus von Karl May aus dem 19. Jahrhundert transportierte Bildwelten, die träumen und im Kinderzimmer mitkämpfen ließen. Bilder, die zunächst ohne persönliche Reiseerfahrung des Autors entstanden: fremd und eigen zugleich. Dass nicht nur die idealisierte Naturverbundenheit der stolzen, edlen Wilden ein bisschen peinlich war, merkte man erst später.

Edward Said, in Jerusalem geborener Palästinenser, kritisierte energisch den diskursiven Machtzugriff der Europäer. Mit seiner vor drei Jahrzehnten erschienenen Studie „Orientalismus“ öffnete er den Blick auf den Konstruktionscharakter einer europäischen Bilderwelt, die sich den „Orient“ angeeignet hatte: allein schon durch die Teilung der Welt in ein Morgen- und ein Abendland. Die Definitionsmacht des Westens erzeugte dabei laut Said – vor dem Hintergrund kolonialistischer Leitvorstellungen – immer wieder exotistische, ja offen rassistische Bilder der Anderen.

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Gnadenlos romantisiert

In der Kunstgeschichte spielte der Orientalismus seit dem Siegeszug der Moderne eher die Rolle des verschrobenen, grenzdebilen Verwandten, dessen Erbe man längst ausgeschlagen hatte. Im 19. Jahrhundert hingegen hatte die Beschäftigung besonders der akademischen Malerei mit Motiven aus 1000 und mehr Nächten geboomt. Die Beeinflussung der europäischen Kunst durch „orientalische“ Elemente stand dabei in engem Zusammenhang mit dem schleichenden Niedergang des Osmanischen Reiches und den aufbrausenden imperialistischen Herrschaftstechniken Europas: Der „Orient“ wurde gnadenlos romantisiert und zum historisch befreiten Sehnsuchtsort stilisiert.

Gegenwärtig scheint die Salonmalerei in der Kunst ein Comeback zu erleben: Neben der Alexandre-Cabanel-Ausstellung in Köln zeigt die Hypo-Kunsthalle in München nun eine umfassende Schau zum Thema „Orientalismus in Europa“ mit 150 Werken von 100 Künstlern aus 14 Nationen. Eine Exposition, die somit weit über die Präsentation französischer Maler hinausgeht und den Blick öffnet für die internationale Dimension des Phänomens. Auch Gemälde weithin unbekannter Künstler werden gezeigt, was grundsätzlich verdienstvoll ist.

Problematisch ist es dagegen, wenn die Ausstellung kaum neue Erkenntnisse und Einsichten in Bezug auf die dominierende Einordnung des Orientalismus als schwelgerische, pittoreske Kunstrichtung kolonialer Couleur anbietet. Im Goetheschen Sinne den Westen und den Osten auf „heitere Weise“ verbinden: Was bringt das heute angesichts einer politischen, ökonomischen und kulturellen Entwicklung, die zeigt, wie viel Kolonialismus im Post-Kolonialismus steckt? In einer Gegenwart, in der sich spätestens nach dem 11. September 2001 die Reste der fremden Traumwelt gegen das Feindbild Islam im Rückzugsgefecht befinden.

Orient in Ruhe betrachten

Sollen wir uns wirklich, wie es der Kurator der Ausstellung, Roger Diederen, fordert, der Faszination der Historienmaler für die Welt des „Orients“ einfach hingeben? Wenn man als Tourist die Ausstellung durchschreitet, kann das funktionieren. Es hat mithin eine eigene Logik, gerade Jean-Léon Gérôme mehrfach zu präsentieren, der durch seinen stereo-typisierenden Blick das männliche, weiße Orientbild für lange Zeit mit zementiert hat. Dadurch besitzt die recht naiv angelegte Schau vielleicht doch noch einen nicht intendierten Mehrwert. Denn es zeigt sich, dass bei aller Entzauberung des Blicks auf den „Orient“ im Zuge der Dekolonialisierung ganz tief in uns die Sehnsucht nach dem Exotischen weiter glüht. Hinter ihr verbirgt sich jedoch selten echtes Interesse, sie bleibt Ich-bezogen und monologisch. Und so hoffen in der westlichen Welt dieser Tage viele darauf, dass der Despotie im Morgenland nach und nach ein Ende gesetzt wird: damit man wieder in Ruhe mit eigenen Augen die gelobten Länder sehen und noch mehr Handel treiben kann.

Manchmal reagiert der Orient auf den westlichen Monolog. Im oberbayerischen Geretsried, einer Vertriebenenstadt mit mehrdimensionaler Geschichte, unter anderem als Standort eines NS-Zwangsarbeiterlagers, soll nun der Exotismus aufs platte Land gepflanzt werden. Hier entsteht Aladin, das größte Day-Spa der Welt, eine Wellness-Oase mit orientalischer Kulisse. Der saudi-arabische Investor aber hat das Vertrauen in den Euro verloren und wartet erst mal ab. Also müssen wir doch wieder nach Bad Segeberg zu den Karl-May-Spielen, um unser Orientbild zu zelebrieren. „Der Ölprinz“ mal anders: mit Spannung, Romantik und jeder Menge Spaß.

Hypo-Kunsthalle München: bis 1. Mai.

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