„Die Kinder reden über ganz alltägliche Sachen, das gehört ja zu der spielerischen Unvorhersehbarkeit dazu: Also über Fußball, nervige Eltern, Hausaufgaben.“  
+
„Die Kinder reden über ganz alltägliche Sachen, das gehört ja zu der spielerischen Unvorhersehbarkeit dazu: Also über Fußball, nervige Eltern, Hausaufgaben.“  

„Earth Speakr“

Olafur Eliasson: „Was wir uns klarmachen müssen: Kinder wissen Bescheid“

  • vonIngeborg Ruthe
    schließen
  • Hanno Hauenstein
    schließen

Die Stimmen sind da, man muss sie aber hören: Olafur Eliasson über sein länderumspannendes Kunstwerk „Earth Speakr“, das die deutsche EU-Ratspräsidentschaft begleiten soll.

Olafur Elisasson, 53, ist Däne mit isländischen Eltern. Er verbrachte seine Kindheit in Island und studierte an der Königlich Dänischen Kunstakademie Kopenhagen. Seither beschäftigen ihn physikalische Phänomene in der Natur, der Klimawandel und soziale Fragen. Vor 26 Jahren kam er nach Berlin, gründete hier sein Studio, in dem mehr als 40 Künstler, Architekten, Wissenschaftler und Techniker arbeiten. Er lehrte mehrere Jahre an der UdK, unterrichtete in seinem Labor für Raumexperimente. Der mit Kunstpreisen Geehrte pendelt zwischen Berlin und Kopenhagen, wo seine Ehefrau mit den Kindern lebt.

Herr Eliasson, was ist „Earth Speakr“?

Eine App für und mit Kindern, in 24 Sprachen, in der viele Ideen stecken. Letzten Sommer war das Durchschnittsalter der Besucher in meiner Ausstellung in der Londoner Tate so jung wie noch nie zuvor in diesem Haus. Dazu kommt, dass ich sehr beeindruckt bin von den Jugendbewegungen, die in den letzten ein bis zwei Jahren aufgekommen sind, etwa „Fridays for Future“ um Greta Thunberg oder „Extinction Rebellion“. Es ist inspirierend zu sehen, wie dehnbar die Zivilgesellschaft ist. Und dazu bewegt mich die Idee des öffentlichen Raums und die Frage, wem er gehört. Ich begreife den öffentlichen Raum als eine Art zivilgesellschaftliches Vertrauenssystem. Ich möchte gern wissen: Wie schaffen wir gesellschaftliches Vertrauen und Inklusion, und wie setzen wir diese Werte auch um?

Und Sie setzen dabei mehr auf die Kinder als auf die Erwachsenen?

Der Großteil der Kunst ist heute sehr beschäftigt damit zu zeigen, was für tolle Werte sie hat, aber es ist doch Tatsache, dass die Umsetzung dieser Werte nicht so einfach ist. Hier kommt die Idee mit den Kindern ins Spiel: In meiner Arbeit habe ich mich immer viel mit Psychologie und Neurowissenschaften auseinandergesetzt, wobei mir als Künstler dabei eher die Rolle eines DJs zukommt, der so eine Art Sample Replay mit den existierenden Ideen kreiert. Schon in den 70er Jahren wurde über Expertenkinder geschrieben, was wiederum die Pädagogik beeinflusste. Die Idee war, den Erfolg eines Kinds in der Schule nicht an guten Noten zu bemessen, sondern daran, wenn das Kind nach Hause kommt und sagt: Ich habe etwas beigetragen. Ich habe etwas Sinnliches für uns alle geschaffen.

Sie meinen das Handeln für die Gesellschaft anstatt nur für sich selbst?

Ich wünsche mir, dass Verantwortung dezentralisiert wird, dass das Zentrum an Bedeutung verliert und man auch der Peripherie zutraut, aktiv mitzugestalten und Verantwortung zu tragen. Daraus entstand die Idee, den multilateralen Charakter von Europa für Kinder zu übersetzen. Gefordert ist ein Über-die-Grenzen-hinweg-Denken, das ich ja in meiner Rolle als UN-Botschafter im Bereich Klima und nachhaltige Entwicklungsziele verfolge.

„Earth Speakr“ war der Auftrag des deutschen Außenministeriums. Gab es Vorgaben?

Nein, keine. Es war eine sehr progressive Einladung, die mich überrascht hat. Es gab zum Beispiel nie Zweifel darüber, ob dieses interaktiv-disparate Projekt überhaupt Kunst ist. Ich habe in der Entwicklung öfter mit Außenminister Heiko Maas gesprochen, der hat sich sehr interessiert. Und zwar nicht nur fürs Was und Wie, sondern auch fürs Warum, also nicht die Daseinsberechtigung, sondern den ideellen Hintergrund. Alles lief professionell effizient.

Welche Kunstform wählen Sie, um junge Menschen anzusprechen?

Ólafur Elíasson. Foto:  

Wir haben anfangs vor allem Videos gedreht, in insgesamt 20 europäischen Ländern. Wir haben Gespräche mit Kindern geführt, unter Anleitung von Interviewexperten, etwa einer Psychologin, die uns beigebracht hat, wie man Kinder anspricht. Ich selbst habe dabei viel dabei gelernt. Die Erfahrung zeigt: Kinder lügen nicht. Ein Kind würde etwa sagen: ‚Guck, da laufen 20 Elefanten über die Straße.‘ Die Frage ist nicht, ob das stimmt oder nicht, sondern vielmehr: Warum sagt das Kind das? Offenbar nimmt es die Realität ja genau so wahr. Was wir uns klarmachen müssen: Kinder wissen Bescheid. In Polen auf dem Land haben wir Kinder befragt, die unglaublich viel zu Klimafragen wussten, also wer Greta Thunberg ist, was der Treibhauseffekt bewirkt und vieles mehr. Kinder wissen so viel, sie haben aber oft nicht wirklich die Gelegenheit, etwas zu sagen. Es geht darum, ihnen zuzuhören.

Wie würden Sie die Botschaft der Kinder in Ihrem Projekt zusammenfassen?

Kürzlich sagte ein Journalist, ich würde mit „Earth Speakr“ den Kindern eine Stimme geben. Aber das stimmt nicht. Ich anerkenne, dass die Kinder ohnehin eine Stimme haben! Kinder sind fantastisch. Sie haben eine tolle Stimme! Wir Erwachsenen, die Eltern, die Lehrer, Gesellschaft und Politiker müssen den Kinder einfach richtig zuhören und sie wahrnehmen lernen.

Die Filme werden also aufs Telefon geladen, und daraus entsteht Interaktion?

Ja, das ist genau die Idee der App. Das Telefon kann Stimmen wahrnehmen. Kinder bis 16 Jahren brauchen für die Nutzung die Genehmigung der Eltern. Das ist nicht wie bei Facebook oder Instagram, wo man sich einfach so anmelden kann. Wir wollen einen anderen Standard etablieren für das Vertrauen zwischen Kindern und Erwachsenen. Ich hoffe, dass dadurch eine Art unorganisierte, aber dennoch vernetzte Struktur entsteht. Europa ist ja nicht ein eigener Planet, sondern Teilnehmer in einer durch das Digitale extrem vernetzten Welt.

Inwiefern beeinflusst diese Art der Vernetzung die Kunst?

Zum Werk

Die Arbeiten Olafur Eliassons bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik: Er machte in Bremen den Weser-Fluss grün funkelnd, vereiste Autos mit Verbrennungsmotoren, ließ in Museen mahnend Gletscher abschmelzen. Sein Projekt „light lab“ im Dach des Portikus war 2006 die erste Arbeit am damals neugebauten Frankfurter Haus. Für die deutsche EU-Ratspräsidentschaft realisierte er mit seinem Team das digitale Kinderprojekt „Earth Speakr“, das Anfang Juli freigeschaltet worden ist: earthspeakr.art

Das Digitale verändert die Rezeption von Kunst grundlegend. Ich erlebe zum Beispiel, wie extrem viele Leute sich meine Ausstellungen in erster Linie über ihre Handykamera angucken und das dann direkt auf Instagram posten. Ich will mich darüber auch nicht nur beschweren. Wenn das alle machen, heißt das, dass ich es einfach besser untersuchen muss. „Earth Speakr“ funktioniert jedenfalls selbst wie eine Kamera, nur eben aber spielerisch und mit viel Fröhlichkeit. Integriert ist ein kleiner Produktionsablauf: Das Kind, das die App benutzt, sagt zum Beispiel: „Dieser Stuhl ist aus Edelholz. Ich erkenne an, dass dieser Stuhl eine Stimme hat.“ Für ein Kind ist das ja kein Problem. Es sagt: „Ja, ich fühle mich als Edelholz im Stuhl einfach nicht so gut, als wenn ich im Wald wäre.“ Vielleicht hat das Kind ein Gedicht oder ein Lied parat. Dann kann es das als Video aufnehmen und auf die App laden.

Und was passiert mit dem Video online?

Alles ist so organisiert, dass es den rechtlichen Anforderungen entspricht. Das geistige Eigentum des hineingeladenen Videos liegt zu 100 Prozent beim Kind selbst. Wenn das Kind einen Film macht, gehört dieser Film ihm und keinem anderen, auch nicht mir. Das ist ganz anders als etwa bei Instagram, wo ja alle Bilder der Plattform geschenkt werden. Ich habe mit „Earth Speakr“ eher eine Art Malkasten gestaltet.

Wovon handeln die bisher aufgenommenen Filme?

Die Kinder reden über ganz alltägliche Sachen, das gehört ja zu der spielerischen Unvorhersehbarkeit dazu: also über Fußball, nervige Eltern, Hausaufgaben. Viele sprechen auch über Covid-19, Kinderrechte und ihre Ängste, als sie monatelang nicht in die Schule oder raus zum Spielen durften. Und auch über die Erwachsenen und deren Debatten während des Lockdown.

Machen Sie sich mit dieser Arbeit zum Kinderrechtler?

Ein bisschen schon. Mir ging es um die Frage, wann und inwiefern ein Kind gesehen, gehört und wahrgenommen fühlt. Ich glaube, in einer erfolgreichen parlamentarischen Demokratie sollte man sich unbedingt auch mit den Jüngeren so befassen, dass man ihnen das Gefühl gibt, dass man sie gesehen und gehört hat. Aber die Parlamente in der EU sind leider nicht sehr kinderfreundlich. Kinder sind unsere Zukunft. Aber die Politiker, die heute folgenreiche Entscheidungen treffen, fragen die Kinder nicht genug um Rat. Vor diesem Hintergrund hoffe ich, dass wir Tausenden von Stimmen eine Öffentlichkeit geben können. Ich habe auch Kanzlerin Angela Merkel angeschrieben und sie gefragt, ob sie sich nicht ein paar der Filme angucken will. Ich begreife das als meine Beweislast. Politiker müssen auch zuhören.

Glauben Sie, dass Kinder die App so nutzen, wie Sie es sich denken?

Ich habe großes Vertrauen darin, dass Kinder sich einfach grundsätzlich ausdrücken wollen. Aber nicht unbedingt so, wie ich denke. Wir haben in der Vorbereitung viele Assoziationsspiele mit Kindern gemacht. Einen Elfjährigen fragten wir: „Welcher Bereich der Umwelt würde dich interessieren?“ Und er sagte prompt: „Die Ozeane!“ Dann konnte er einen Testfilm für die App drehen. Vor ihm standen 20 Objekte, eins war ein Fisch. Wir fragten ihn: „Womit würdest du deinen Film assoziieren?“ Und er sagte, der Fisch interessiere ihn überhaupt nicht. Stattdessen setze seine Botschaft über die Ozeane auf ein kleines blaues VW-Auto. Im Video sagt der VW: „Ich finde es total scheiße, wie ihr mit den Ozeanen umgeht!“ – das war genial! Ich als Erwachsener hätte das natürlich den Fisch sagen lassen. Aber die Volte mit dem kleinen, blauen Auto, das war überraschend.

Wo und wie können wir diese Filme sehen?

Es gibt eine Homepage. Das ist wie eine Karte, die Filmbotschaften sind da gewissermaßen wie Murmeln verteilt. Ich wollte aber kein Marketing über Facebook und vergleichbare Kanäle, um zu vermeiden, dass ich durch diese lieblosen Apparate gehen muss.

Würden Sie sagen, die Kinder geben dem Klima und der Natur in Ihrem Projekt eine Stimme?

Ich würde sagen, nein. Die Kinder geben nicht dem Baum oder der Blume eine Stimme, sie nehmen einfach wahr, dass der Baum sowieso schon eine Stimme hat.

Interview: Ingeborg Ruthe und Hanno Hauenstein

Kommentare