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Zweifelsohne mythenhaft: Tea Mäkipääs „Atlantisz“.
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Zweifelsohne mythenhaft: Tea Mäkipääs „Atlantisz“.

Kunstfreiheit

Der okkupierte Stadtpark

In Budapest demonstriert die Aktion „Art on Lake“ so poetisch wie provozierend die Freiheit der Kunst. Sogar ein schwimmendes Papamobil kann sich der geneigte Besucher ausleihen.

Von xxir

Alles dreht sich ums Wasser bei diesem Kunstprojekt im Budapester Stadtpark, einer Oase in der lebhaften Zwei-Millionen-Stadt. Wasser satt gibt es nach einem heftigen Gewitter in der fast tropisch heißen ungarischen Metropole. Der Donnergott zieht grollend die Donau hinauf- und hinab. Es regnet Blasen und die Leute am Erzsébet Ter laufen mit C&A-Tüten auf dem Kopf von einem Unterstand zum nächsten. Radfahrer – im altehrwürdigen Budapest gibt es neuerdings schnurgerade Radwege und an etlichen Straßenecken sogar in Gelbrot werbende Bike-Ausleihstationen – flüchten sich unter Bäume.

Wer sich aber über die Regenbäche fast kindlich freut, sind die Künstler und Ausstellungsmacher des ehrgeizigen, anlässlich der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft möglich gewordenen Projektes „Art on Lake“. Zu langsam nämlich ist in den letzten Tagen der künstliche See im Stadtpark am Hösök Ter (Heldenplatz), nach der aufwändigen Generalsanierung des Betonbettes, vollgelaufen. Nun zeigen sich die Podeste oder Stützen der Skulpturen auf dem Wasser noch immer ein bisschen zuviel. Die Illusion von der „schwimmenden Kunst“ ist noch nicht ganz perfekt. Man muss sich schließlich die Wasserzufuhr mit dem berühmten Gellért-Bad auf der Buda-Seite teilen. Und die vielen ausländischen Touristen dort sollen ja nicht im Seichten baden. Da passt die Wasserbehörde genau auf.

Küss die Hand, schöne Frau

Am Abend der Eröffnung sind die zuvor so verregneten Straßen und Plätze wieder völlig trocken. Festlich gekleidet, mit Musik und vielen im altösterreichisch-ungarischen Stil ausgeführten Männerbegrüßungen auf Frauenhände – „Küss die Hand, schöne Frau“ – beginnt die Vernissage. Der Stellvertreter des Kulturministers sagt feierliche Worte. Die Budapester nehmen zuerst von der schönen alten Brücke zum Park aus Besitz von dem ungewöhnlichen Geschenk – und fahren eine halbe Stunde später schon mit Ruderbooten gemächlich an den Skulpturen im Wasser vorbei.

Sogar ein schwimmendes Papamobil kann man sich ausleihen für diese Exkursion, vorbei an einem nur scheinbar untergehenden grünen Holzhaus der Finnin Tea Mäkipää, an einem Turm aus handgeflochtenem Korb der nach Ungarn emigrierten Iranerin Róza El-Hassan. Und auf den metallenen Streben des „Towers“ der in Berlin lebenden Londonerin Heather Allen, scheinen sich drei menschliche Gestalten vor einer imaginären Flut durchs Hoch-Klettern zu retten. Was für eine Symbolik im neuerlichen Zeitalter der Katastrophen.

Moderne, sperrige, nicht idealisierende Kunst im öffentlichen Raum ist in Budapest eine Neuerung. Krisztina Jerger und Alexander Tolnay bilden, zusammen mit dem Budapester Museumsmann Peter Fitz, das Kuratorentrio für die ehrgeizige, mit 500?000 Euro vom Staat und etlichen privaten Sponsoren – etwa von der österreichischen Esterhazy-Foundation – finanzierte Schau: „Wo man auch hinschaut in Budapest“, sagt der in Deutschland lebende Kurator Tolnay, „auf Schritt und Tritt begegnet man Monumenten der ungarischen Monarchen, der k.u.k-Ära.“ In Bronze oder Eisenguss erstarrte Geschichte. Moderne Kunst im Stadtraum hat hier noch keine Tradition.

„Art on Lake“ will das ändern. Die Idee der Kunst auf dem See, zu der 25 Künstler aus ganz Europa eingeladen wurden, steht allerdings auch konträr zu einer bloßen Illustration der Straßen oder Plätze mit Kunst. „Mit netter Dekoration“, sagt die temperamentvolle Krisztina Jerger, „wecken wir kaum Lust auf Gegenwartskunst, schon gar nicht, wenn sie gesellschaftskritisch ist“. „Art on Lake“ ist keine gefällige Natur-Kunst-Beschau. Es gibt starke Momente von – gefährdeter – Schönheit, etwa die schwimmenden Blumengärten der Slowakin Ilona Németh – Metapher für die Schutzwürdigkeit der Natur. Auch die roten Perlen-Bojen der Wienerin Brigitte Kowanz, angeordnet wie ein Morsealphabet, leuchten als Versprechen aus der Wasserwelt. Und der schimmernde Metall-Wasservogel der polnischen Altmeisterin Magdalena Abakanovicz wird zum Zeichen einer eigenwilligen Natur.

Immer wieder aber provozieren gerade ironische Skulpturen die Phantasie des Betrachters. Josef Bernhardt aus Östereich etwa pflanzte eine Hundertschaft von Vogelhäuschen auf roten Stangen in den See, und der „Slowakische Eulenspiegel“ Erik Binder hat eine alte Parkbank samt historischer Straßenlaterne ins Wasser gesetzt. Unverkennbar zitiert er so den aus Budapest stammenden Foto-Klassiker André Kertész, dessen berühmtes Motiv von einem überschwemmten Boulevard mit Gaslaterne und Schwan, eine Paris-Impression, die soeben im Berliner Gropius-Bau gezeigt wird. Es ist aber auch, als wolle die Installation des Künstlers aus Bratislava besagen, dass der alte Donaumonarchie-Charme längst mit Globalisierung und Turbokapitalismus kollidiert, Ungarns derzeitige Staatsmänner dem aber nur altbackene, starre Konzepte entgegenzusetzen imstande sind.

Und so darf man grimmig lachen beim Anblick der weißen Seile, mit denen der Italiener Mimmo Roselli den Turm des am See stehenden Schlosses „an die Kette“ legt und im Seewasser – Panta rhei – vertäut.

Sobald Kunst den geschützten, auratischen, musealen Raum verlässt und in den öffentlichen Raum hineinwirkt, gelten andere Gesetze. Ausstellungsmacher Tolnay sagt: „Die Kunst ist ausgesetzt, freigegeben, den interpretierenden Experten entrissen.“ Projekte wie „Art on Lake“ sieht er als Möglichkeit, dass die Budapester und ihre Touristen die historienbeladene Donaustadt einmal völlig jenseits der konservativen Kulturszene sehen könnten.

Der Stadtpark ist seit dem 19. Jahrhundert die grüne Lunge im Zentrum, der See im Winter beliebte Eislauffläche. Und nun auf einmal „schwimmt“ da Kunst aus ganz Europa, schickt ihre fröhlichen, frechen und poetischen Botschaft von der Freiheit des Kreativen 30 Meter Luftlinie hinüber zum Platz der monumentalen bronzenen Helden, der magyarischen Fürsten und Könige, auf ihren Marmorkolonnaden.

Esprit trifft auf Pathos

Spielerischer Esprit trifft auf pathetische Rhetorik. Das gab es so noch nie in Budapest. Und ein Balkannachbar, der Bildhauer Daniel Knorr aus Bukarest, hat einen palmwedelbewehrten Schneemann aus Steinen aufs Wasser gesetzt. Als simples, mit kritischer Verve vorgetragenes Warnzeichen für die weltweite Klimaerwärmung. Zugleich aber auch scheint der kindliche „Bonhomme“ den Ungarn sagen zu wollen, dass sie in ihrer derzeitigen Staatspolitik keine neue Eiszeit, keine Isolation von Europa dulden dürfen. Via Lewandowski, gebürtiger Dresdner, montierte ein Toilettenhäuschen der international agierenden Sanitärfirma Dixi samt einer kakophonischen Soundcollage auf den See. Fast könnte, wer von Lewandowskis ohnehin immer subversiven Ansatz weiß, interpretieren, der Künstler wolle mit diesem blauen Herzhäuschen sagen, die Kunst scheiße auf die chauvinistische Politik der Fidesz-Partei, wie sie von der Regierung Orban geduldet wird.

Doch außerdem geht es hier, gerade nachts, wenn auf dem im Wasser stehenden Stillen Örtchen ein rotes Signal-Lämpchen leuchtet, wohl auch um die kuriose Situation von uns Erdenbürgern: Die Krone der Schöpfung, als einsames, nichtiges Wesen im Universum. Viel versöhnlicher mit der Welt, so wie sie halt ist, gibt sich die sanft auf dem See treibende Segel-Skulptur namens „Lohengrin“ des deutschen Bildhauers Günther Uecker. Sie wird von den Budapestern auch am allermeisten fotografiert.

Art on Lake, Budapest, Stadtpark am (Heldenplatz, bis 4. September

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