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Núria Quevedo in Frankfurt (Oder): Der Weg entsteht beim Gehen

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Von: Ingeborg Ruthe

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Núria Quevedos „Unferne“-Bilder der einst aus Spanien geflohenen Malerin sind in Frankfurt (Oder) zu sehen

Geheimnisvoll ist diese Bildsprache noch immer. Sie lässt sich nicht ganz ergründen, nicht gültig erklären. Das ist heute nicht anders als damals, zu Zeiten der DDR. Núria Quevedo war und bleibt eine Malerin des Auf-sich-Zurückgeworfen-Seins. In ihren expressiven, fast monochromen Profilköpfen mit den schwarzen Loch-Augen und den übergroßen, ins Leere greifenden Händen, diesen wie aus Vulkangestein geschälten, abstrahierten Gliederpuppen vor kaltem Licht oder düsterem Bildgrund steckt eine uralte menschliche Tragödie: Exil. Einsamkeit. Bildhaft weitergeschrieben von einer Nachfahrin des Sonderlings Don Quijote, Miguel de Cervantes‘ „Ritter von der traurigen Gestalt“.

Zu den raren Ausstellungen dieser so introspektiv malenden Frau strömten in den 70er- und 80er-Jahren die Leute. Auch in Quevedos heute noch selteneren Ausstellungen ist es rappelvoll. Die Halle des Alten Frankfurter Rathauses in Frankfurt (Oder) ist überfüllt zur Eröffnung. Die Retrospektive war überfällig. Berlins Nationalgalerie, in deren Depot sich Hauptwerke (so das einzigartige, nach einer Sowjetunion-Reise entstandene Vater-Sohn-Bildnis „Fischer am Baikal“) befinden, machte keinerlei Anstalten. Nicht mal zum 80. Geburtstag der Malerin im Jahr 2018. Das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst holt in dieser von Linn Kroneck feinsinnig kuratierten Schau nun also einiges nach.

Ohnehin besitzt die Sammlung Schlüsselwerke Quevedos, etwas aus der an Max Beckmanns Stil geschulten Folge „Kopf-Hand“ von 1990. Und gerade bekam sie den Chemnitzer „Schmidt-Rottluff-Preis 2022“. Das ermöglicht eine weitere Ausstellung und endlich einen umfassenden Katalog.

Vor den Bildern der 1938 in Barcelona geborenen Tochter republikanischer Exilanten, 1952 vor dem faschistischen Terror zum bereits emigrierten Vater, einem andalusischen Franco-Gegner, nach Ost-Berlin geflohen, weiß man sofort: Sie sieht die Welt um sich her etwas anders. Ihr Bildpersonal verkörpert das Gefühl der Entwurzelung und Verlorenheit. Aber die Gestalten sind stark und trotzig. Eins der Gemälde mit einer Gruppe befreundeter Exilanten in Ost-Berlin, sozusagen die spanische Diaspora, hat der Liedermacher Wolf Biermann auf seiner Platte „Es gibt ein Leben vor dem Tod“ besungen.

Quevedo studierte Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Arno Mohr, Klaus Wittkugel, Werner Klemke waren ihre Lehrer. 1968 wurde sie Klemke-Meisterschülerin an der Akademie der Künste. Im Präsidium des Verbandes Bildender Künstler der DDR war sie eine der „Quotenfrauen“. Ihr Befremden im eitlen Männerklub verschaffte sich Ausdruck in spröden Kohlezeichnungen für Mappenwerke und eine unverwechselbare Buchkunst, so den elf „Kassandra“-Motiven zum Roman von Christa Wolf, den Blättern zum „Prometheus“ Franz Fühmanns.

Und in den gleichnishaften und tragikomischen Motiven zu Don Quijote, ihrem Alter Ego, dem gegen die raue Lebenswirklichkeit ankämpfenden Idealisent. Auch er ein Fremdling in seiner Welt.

Gepackt stehen die Leute vor ihren Bildern. Den Ausstellungstitel „Der Weg entsteht beim Gehen“ habe sie sich geliehen von dem spanischen Lyriker Antonio Machado, auch er einst ein Migrant. Ein Motiv malte sie 1983 zum Machado-Zitat „Jeder, der seinen Weg geht, wandelt wie Jesus auf dem Meer“. Die starren Gestalten sind beharrlich unterwegs auf der Suche nach einem Ort zum Bleiben. „Nur sind da so viele Kreuzungen, Abzweigungen, Nebenpfade und Gratwanderungen.“ Welch aktuelle Metaphorik in heutigen Zeiten von Krieg, Flucht, Vertreibung.

Eine Landschaft unter silbergrauem Himmel heißt „Der Weg“: flache Felder, am Horizont Hochspannungsleitungen, karges Buschwerk, ein schlammiger Pfad. Kein Ort, nirgends hat Quevedos Freundin Christa Wolf solch unwirtliche Gegenden in ihren Reflexionen über den Dichter Kleist genannt.

Die Berliner Malerin wurde 1938 in Barcelona geboren. Ihr Vater war ein andalusischer Republikaner und Franco-Gegner, wie die ganze Familie. Er floh in die DDR, die Familie folgte ihm nach Ost-Berlin. Núria Quevedo studierte Grafik in Weißensee und wurde AdK-Meisterschülerin von Werner Klemke. Sie heiratetet den Berliner Filmemacher Karlheinz Mund. In den Neunzigern lehrte sie an der Uni Greifswald. Heute lebt sie in Berlin und Sant Feliu de Guixols

Bezwingend sind Quevedos Regenlandschaften, wegen dieser eigentümlichen Stimmung, keine dystopische, eher ein diffus-poetische, eine wattierte Melancholie im Kontrast zu den eher existenzialistischen Gestalten. 1981 malte sie fürs Leipziger Gewandhaus „Eine Art, den Regen zu beschreiben. Für Hanns Eisler“, angeregt von dessen Kammermusikwerk „14 Arten, den Regen zu beschreiben“- eine Reminiszenz auf sein Exil in den USA während der Nazi-Herrschaft. Das Gemälde ist ein Meisterwerk, das auf der nächsten Quevedo-Ausstellung nicht fehlen darf und zu dem ihre Wortschöpfung passt, die nur erfinden kann, wer weiß, was Exil bedeutet: „Unferne“.

Rathaushalle Franfurt (Oder): bis zum 12. Februar 2023.

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