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Ausstellung

Von der Notwendigkeit des Reisens

Ziemlich skurril und mit bohrenden Fragen: Das C/O ehrt den amerikanischen Fotografen Joel Sternfeld mit einer Retrospektive

Von Von Patrick Schirmer Sastre

Die Suche nach der Seele Amerikas ist ein bisweilen überstrapaziertes Unterfangen. Romantisierende Vorstellungen einer widersprüchlichen Nation zwischen Sehnsuchtsort und Feindbild dominieren dieses Klischee. Selten geht es dabei tatsächlich um das Land.

Der aus New York stammende Fotograf Joel Sternfeld hat sich nie auf diesen Kitsch eingelassen. Besonders seine frühen Bilder sind weit mehr als Momentaufnahmen der amerikanischen Gesellschaft. In der Summe, aber auch für sich allein, erzählen sie Geschichten. Es sind Novellen über die Absurdität des Alltags. Dies zeigt sich besonders in „Happy Anniversary Sweetie Face!“. Meisterhaft spielt Sternfeld, ein wichtiger Vertreter der „New Color Photography“, mit den Farben. Durch ihren Einsatz lässt er die ironische Komponente aufblitzen.

„Nags Head“ erzählt von unbeschwerten Stunden an der Küste North Carolinas, zwischen Surfurlaub, Partys und Sommerjobs. „Rush Hour“ zeigt gestresste Gesichter im Trubel der Stadt. Aus der Nähe und mit Blitzlicht fotografiert wirken die Menschen ausdruckslos und verloren. Doch Sternfeld gräbt tiefer. In „Stranger Passing“ kreiert er aus den großen Porträts einfacher Leute durch Inszenierung und Überspitzung eine Ansammlung von Prototypen der amerikanischen Gesellschaft. Diese verraten mehr über den Alltag, als es jede noch so auf starre Authentizität fixierte Straßenfotografie jemals könnte.

Suche nach dem echten Amerika

Auch „American Prospects“ besteht aus großformatigen Bildern. Sie suchen das echte Amerika in der Landschaft. Vom Menschenauflauf bei der Landung des Space Shuttle-Transportflugzeugs bis ins Niemandsland, vom Spaßbad bis zum Kaff im Nirgendwo. Die wenigen Menschen sind reine Staffage, Teil des Panoramas, austauschbar. Aber auch hier mangelt es den Bildern nicht an bitterer Ironie. Seelenruhig kauft ein Feuerwehrmann beim Bauern Kürbisse, während im Hintergrund ein Haus brennt.

Im Laufe seines Schaffens entfernt sich Sternfeld immer mehr von den Menschen, sucht seine Erklärungen nicht im Alltag, sondern in den Fassaden, hinter denen sich das Leben abspielt. Immer mehr reduziert er den Inhalt des einzelnen Fotos, nur mit dem Ziel, die eigentliche Botschaft stärker zu vermitteln. Seine sensationelle Serie „On this Site“, Fotos von Tatorten brutalster Verbrechen und von Ungerechtigkeiten, ist nur ein Beispiel für seine kluge Reflexion des Verhältnisses von Schein und Realität, von Idylle und Überlebenskampf.

Joel Sternfeld arbeitet stets in inhaltlich und stilistisch abgeschlossenen Serien. Die Ausstellung würdigt diese Arbeitsweise, indem auch die jeweils zu den Serien publizierten Bücher ausliegen. Sie erlauben es, weit über die ausgestellten Bilder hinaus die Tiefgründigkeit des Werkes zu entschlüsseln. In den Aufnahmen manifestiert sich die Notwendigkeit des Reisens. Kritisch, wachsam, doch mit pointiertem Blick aufs Skurrile. Sternfeld beschreitet wohl unbetretene Pfade, tut dies aber nicht mit Zynismus, sondern mit aufrichtigem Interesse.

Die Retrospektive im C/O bietet zur rechten Zeit einen Blick auf einen Künstler, der seit über 30 Jahren ein aufrichtiges Bild eines Landes freilegt, das sich inzwischen sozial wie politisch in einer schweren Identitätskrise befindet. Er mag darauf kaum Antworten haben, stellt aber die richtigen Fragen.

C/O, Oranienburger Str. 35/36. Bis 13. Januar 2013, tgl. 11–20 Uhr.

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