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A K Dolven, Videostill aus „Melankoli“, 1998. 

Fotografie

Norwegisches Licht im Fotografie Forum Frankfurt

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Das Fotografie Forum Frankfurt stellt in seiner neuen Ausstellung drei Künstler des diesjährigen Buchmesse-Gastlandes vor.

Die Fotografie, so sagt Celina Lunsford, künstlerische Leiterin des Fotografie Forums, arbeite selbstverständlich immer mit Licht. Aber in der jüngsten Ausstellung, die dem diesjährigen Buchmesse-Gastland Norwegen gewidmet ist, eben doch ganz besonders: „Ethereal“, ätherisch, lautet der Titel der Ausstellung, in der das Licht flirrt, die Umrisse verschwimmen und Schatten sich strecken. Zwei Künstlerinnen, einen Künstler hat Lunsford ausgesucht, deren Arbeiten einerseits sehr unterschiedlich sind, die aber alle drei verstehen, das Licht zum Thema zu machen.

Am offensichtlichsten tut das Dag Alveng, Jahrgang 1953; die für Frankfurt ausgewählten Werke stammen aus seiner Serie „Sommerlys“, Sommerlicht. Über Jahre hat er im Süden Norwegens Freunde, Bekannte, Familie, vor allem aber das Draußen ohne Menschen fotografiert, ausschließlich in Schwarz-Weiß: Sonne, die durch Birkenblätter oder Fichtennadeln fällt, Sonne, die auf Miniwellenkämmen funkelt, die die Haut leuchten und unter Gartenmöbeln tiefe Schatten entstehen lässt, Sonne, die Grasstängel ausbleicht, aber auch jedes Samenkörnchen sichtbar macht.

In einer der im Fotografie Forum gehängten Reihen findet sich auch der Künstler selbst, steht auf Zehenspitzen, in Sneakern, aber sonst nackt auf einem Stein direkt am Meer, hält ein Fernauslöser-Kabel in der rechten Hand, kippt – und hat sich selbst in einem wortwörtlich ganz schrägen Moment erwischt. Gleich wird er ins Wasser platschen. Titel: „The Photographer Shoots Himself“. Das Bild ist ein Jux und macht einen ganz frohgelaunt.

Dag Alveng, „Watering Water“, aus „Summer Light“, 1979. 

Dagegen trägt A K Dolvens (Jg. 1953) fünfeinhalb-minütiges Video „melankoli“ die Schwermut schon im Titel: Es zeigt einen Sonnenuntergang am Meer mit den schwarz sich abhebenden Beinen der Künstlerin davor; die Beine klappen langsam auseinander und schließen sich wieder, klappen auseinander... Einmal sieht man rechts am Bein eine Mücke. Ab und zu durchquert ein Vogel den Himmel.

Sie sei in dieser 1998 entstandenen Arbeit von Bildern beeinflusst gewesen, so A K Dolven, die den Künstler nachdenklich aufs Meer blickend zeigen. Einst eine beliebte Pose. Damit man als Betrachterin von „melankoli“ etwas ähnliches imaginiert – eine auf dem Rücken liegende, sich eher träge bewegende, aufs dunkelnde Meer schauende Person – braucht es hier tatsächlich nur wenig mehr als die Silhouetten der Knie. Sie schaute, erzählt Dolven aber noch, bei dieser Aufnahme direkt Richtung Grönland. Und man solle sich nur mal vorstellen, was dort jetzt so los sei.

Eine zweite große Videoarbeit Dolvens hat Kuratorin Lunsford ausgesucht: „Vertical on my own“, 2011, zeigt knapp drei Minuten einen extrem langen und dünnen Menschenschatten auf Schnee. Lang und dünn, weil die Sonne im norwegischen Winter, wenn sie überhaupt erscheint, so schräg steht. Eine mit Dolven befreundete Performerin ist hier, nun ja, als Schatten zu sehen; sie hat danach auch die fast gespenstische Tonspur eingespielt, ein Ächzen, Knurren, Knarzen, Quietschen fast wie von einem Türscharnier. Unheimliche Geräusche, die einen nun schon beim Eintritt ins Fotografie Forum empfangen.

Aus ihrer Installation „Pupill“ in einem norwegischen Skulpturenpark entstand der Beitrag Linn Pedersens (Jg. 1982). Dort hatte sie eine überdimensionale Camera obscura aus geteerten Holzbrettern aufgebaut, einen primitiven Raum mit höchst primitiver Technik, in dem sie die mittels dieser „Kamera“ entstandenen Bilder auch entwickelte. So wurde der Verschlag zum Studio.

Vor ihre Bretterkamera stellten sich vorbeikommende Freunde, Familienmitglieder. Und waren oft nervös wie im Studio, erzählt Linn Pedersen. Sie aber nennt die so entstandene Serie „soft creatures“, denn in der Tat ist zwar die Landschaft mit Bäumen im Hintergrund einigermaßen scharf, sind aber die Gesichter der Menschen im Vordergrund ausgebleicht und verschwommen – ja, fast zu einer hellen Fläche ohne Merkmale geworden. An Geisterfotos lässt diese Reihe „weicher Kreaturen“ denken.

Norwegen und die Norweger also durchweg nicht als kalt und scharfkantig, vielmehr als im Licht flimmernde, fast verschwindende Präsenzen. In Dag Alvengs Ausschnitten von Natur, Garten, Wiese, Wald erinnert der Mensch nur an sich durch, zum Beispiel, Reste von Zaun, Brettern, Draht. Durch einen Weg. Gerade könnte da noch jemand drübergegangen sein, vielleicht der junge Mann mit dem Kind auf dem Arm von einer anderen „Sommerlicht“-Fotografie, vielleicht jemand aus der entspannten Liegestuhl-Gruppe.

Vom norwegischen Winterlicht berichtet schließlich A K Dolven, von einem indirekten, sanften, zaubrischen Licht, das jedenfalls den Schnee und damit auch die weißen Berge zum Leuchten bringen kann. Denn keineswegs, so die oft auf den Lofoten arbeitende Künstlerin, sei die Dunkelheit schwarz.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 12. Januar. www.fffrankfurt.org

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