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Norbert Bisky.
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Norbert Bisky.

Maler Bisky

Norbert Bisky: „Dass der andere auch recht haben könnte, wird einfach ignoriert“

  • vonIngeborg Ruthe
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Norbert Bisky malte im Berliner Lockdown, wie das Internet seine Junkies frisst. „Disinfotainment“ nennt er die erste Solo-Schau in seiner Geburtsstadt Leipzig

Im Atelier steht ein hoher Spiegel auf Rollen, wie Schneider ihn benutzen. An der Wand die jüngsten Bilder, gemalt in der Pandemiezeit. Ausgangssperren-Isolationsmotive. Kein einziges Mal Club Berghain für den Berghain-Gänger Norbert Bisky. Motive von abgerissenen Plakaten für Konzerte und Clubnächte, die 2020 und bis heute nie stattfinden durften. So wie „Matrix 66“. Alles Makulatur.

D raußen, rund um den Boxhagener Platz, erwacht gerade die ins Koma versetzte Partymeile im Kneipen- und Clubviertel Berlin-Friedrichshain. Nur hatte Norbert Bisky vorerst keine Zeit, das lang Entbehrte zu nutzen. Es galt, Bilder vorzubereiten für die Leipziger G2-Kunsthalle, sein erstes „Heimspiel“. Wohl die meisten identifizieren Bisky, einer der wichtigen zeitgenössischen deutschen Vertreter der figurativen Malerei, mit der Hauptstadt. Hier hat er in den Neunzigern an der Universität der Künste bei Baselitz studiert. In Berlin wurde er berühmt für seine Böse-Buben-Bilder, die Pioniere am Lagerfeuer, NVA-Soldaten und schwulen Jungs. Sie belegen sein eigenes frühes Coming Out und reflektieren zugleich DDR-Geschichte. Aber er ist gebürtiger Leipziger. Sein Vater war der Film-Mann und geachtete Linken-Politiker Lothar Bisky. Die Familie zog 1980 nach Berlin, da war Norbert zehn.

Er hat also nicht miterlebt, wie Ende der achtziger Jahre der Leipziger Dittrichring der VEB Datenverarbeitungszentrum errichtet wurde, als Krone des Fortschritts. Damals kursierte im DDR-Volksmund ein Witz. Warum, so persiflierte man Honecker, sei die DDR Weltmarkführer in der Mikroelektronik? „Weil wir die größten Chips haben!“ Und dann fiel die Mauer. Peng! Das Datenverarbeitungszentrum wurde nie eröffnet, war Geschichte, bevor das letzte Netzwerkkabel angeschlossen war. Heute steht da die Kunsthalle G2.

Bisky knüpft an diese Geschichte an. Er zeigt uns die Ausstellung am Miniatur-Modell. Mitten hinein will er eine heute vorsintflutlich anmutende Installation aus Robotron-Computern setzten. „Als Rückgriff zu unserer heutigen universalen Datenverarbeitungswelt.“ Dieser „Datenkrake“ solle wirken „wie ein Fossil, bevor das Internet seinen weltweiten Siegeszug antrat, in dem wir jetzt alle fast alles freiwillig verraten“. „Disinfotainment“ nennt er seine Schau.

Aber Bisky wäre nicht der alles in seiner Umgebung anzapfende, einsaugende und zeitkritische Maler, als den man ihn kennt, würde er die riskanten Nebenwirkungen der Digitalisierung ausklammern. Er bezieht sich auf die Internet-Abhängigkeit in der Pandemie-Isolation, die Shitstorms der Corona-Leugner in den Sozialen Medien, Fake News, Meinungskriege. „Einer sagt was und dann folgt eine Endloskette von Desinformationen, Beleidigungen, Hass und Verschwörungsphantasien.“

Kommunikation? „Die übernehmen Maschinen. So mancher wird zum Empfänger von Meinungen, die nicht seine sind. Aber sie dringen ins Hirn.“ Er will die aggressive Debattenkultur um die digitale Deutungshoheit thematisieren. „Das Zerstörerische dieses fatalen Zustands ist unwürdig und diametral entgegengesetzt der Demokratie. Dass der andere ja auch recht haben könnte, wird einfach ignoriert.“

Im Atelier ist es taghell. Doch auf dem Gemälde herrscht Nacht. Ein „Trollfarmer“, so nennt man jemanden, der im Internet verwirrende Infos verbreitet, sitzt am Laptop. Tunnelblick. Um ihn herum fliegen Farb-Fetzen, abstrakte und gegenständliche. Informationssplitter, die den Mann gleichsam fixieren. Bisky sagt, er habe das Phänomen des sogenannten „Doomscrollings“ gemalt. Diese zwanghafte Suche nach dystopischen Bildern und Informationen im Netz. Darum lässt der Maler aus dem Bildschirm einen linken Arm mit Stinkefinger fahren. Als Warnung. Bisky ist Linkshänder; es ist sein Arm. Und auf dem Laptopdeckel vor einem nächsten wie hypnotisiert auf den Bildschirm starrenden Jugendlichen prangt das Apple-Symbol. Rechts unten wird es zum Q: Querdenker-Symbolik. Dahinter Landkarten, der deutsche Corona-Flickenteppich der täglich vermeldeten Inzidenzen. Vor Jahren nannte ihn ein Kritiker „den Tarantino der Malerei“, wegen seiner orgiastischen Katastrophen-Motive. Alles fliegt, trudelt, wie in einer Zentrifuge. Gestalten, Häuser, Figuren. Jeder und Jedes kämpft und sucht zugleich nach Halt, Nähe, Berührung, in der Luft, im Wasser. Dazu sagt Bisky: „Bilder sind Kommunikation einer anderen Art. Das schließt Bereiche mit ein, die wir eben nicht in Worte fassen können. Ich auch nicht“.

Und nun macht er auch „Spiegelbilder“. So erklärt sich die Funktion des Standspiegels im Atelier, der ihm die Perspektive vom Bild im Bild ermöglicht. Schon die Alten Meister nutzten diese Methode. Als Leerstelle der Welterkenntnis bekamen Spiegel eine wissenschaftliche Perspektive vor allem jenseits ihrer eigenen Medialität in Bildern und Metaphern. Laut antikem Mythos entdeckte ein Narziss sein Spiegelbild im Wasser, er verliebte sich prompt darin. Dass es sich um sein Ebenbild handelte, war ihm nicht klar. Welch symbolische Aufladung hat dieses Mittel der Reflexion.

In einem zweiten Atelierraum liegen Berge bemalter, aber zerschnittener Leinwände auf dem Boden. Bisky collagiert die Schnitte auf Spiegel. Abstrakte farbige Fetzen und Details, aufgerissene Münder, riesige Zungen, abgetrennte Ohren, berstende Häuser, brennende Laptops und I-Phones, Figuren. Was gehört wohin? Ein schwules Paar hat Sex in der Luft; auf dem Hintern des einen klebt ein Dreieck, darauf das bunte Camouflage-Muster der BVG-Sitzbänke, die ausgemustert werden für ein neues Design.

Also macht Bisky das alte Design zum ironischen Denkmal. „So kann ich ausdrücken, dass wir in einer fragmentierten Welt leben. Ich spiele damit.“ Auf dem nächsten Spiegel klebt eine Gewaltszene, die sah er im Madrider Prado: Goyas „Duelo a garrotazos“. Ein Knüppel-Duell zweier grober Kerle unter dramatischem Himmel. Nun die De-Eskalation: Bisky hat aus dem Knüppel einen Pinsel gemacht.

G2 Kunsthalle, Leipzig: bis 26. September. Anmeldung: www.g2-leipzig.de

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