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Emil Nolde: „Kriegsschiff und brennender Dampfer“, o. D. (vor/um 1943).

Nolde-Schau in Berlin

Emil Nolde: Säulenheiliger und Antisemit

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Expressionist, „Entarteter“, Antisemit, NS-Gläubiger: Emil Nolde. Heute beginnt eine Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie.

Drei martialische Wellen brechen sich auf der Leinwand, darüber dräuende Gewitterwolken, vermischt mit bedrohlich flammendem Abendrot. Emil Nolde malte diese hochdramatische Nordmeer-Metapher im Jahr 1936.

Sie hing, eine Leihgabe der Staatlichen Museen, jahrelang im Amtszimmer der Bundeskanzlerin. Vor Tagen hat Angela Merkel die Tafel zurückgegeben, nicht nur vor allem für die heute beginnende Nolde-Ausstellung der Berliner Nationalgalerie. Sie will es nicht wiederhaben, weil es über den vielgefeierten Expressionisten weitere neue Erkenntnisse gibt. Sechs Jahre Forschungsarbeit von Aya Soyka und Bernhard Fulda im Archiv der Nolde Stiftung Seebüll bestätigen ein sehr anderes Bild des Schleswiger Meisters der koloristischen und sinnlichen Übersteigerung, des Zusammenklangs der Farbe, dem die Malerei, wie er es bekundete, ein farbiges Gleichnis der Welt gewesen ist.

Emil Nolde (1867-1956) und ab 1906 für kaum ein Jahr Mitglied der Expressionistengruppe „Die Bücke“ (bis zum Zerwürfnis), hat in seinem Malerleben etliche der gefährlichen Sturzwellen der Nordsee gemalt. Naturschauspiele lagen dem Expressiven genauso wie monumentale Blumen, gleichnishafte biblische Szenen, urbildliche Menschenkinder, wie er, nachgerade apotheotisch die „Wilden“ auf seiner Südseereise malte. Und er setzte, als der an die Macht gekommene Sonntagsmaler Hitler seine Motive, sogar die grandiosen „Sonnenblumen“ verabscheute, Nolde gar als entartetes „Schwein“ bezeichnete, umso mehr Mythen-Motive der Germanen und Wikinger mit Aquarell auf Papier.

Joseph Goebbels in der Schau „Entartete Kunst“, Berlin 1938.

Diese „Ungemalten Bilder“, die der Legendenbildung des Malers Nolde, befördert durch Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“, als NS-Opfer dienten, hängen jetzt gereiht in einer erhellenden, klar gegliederten, akribisch erarbeiteten, dokumentenreichen und ganz unaufgeregten Schau der Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof.

Großartige Malerei streitet da heftig mit unwiderlegbaren Beweisen, das Nolde Antisemit war, sich den Nazis andiente, obwohl sie ihn doch ablehnten – und dennoch bis zuletzt an sie glaubte. In einem Brief aus den Vierzigern macht der Maler die „Weltverschwörung der Juden“ verantwortlich für den barbarischen Krieg. Schon im Sommer 1933, das ergaben die Forschungen, hatte Nolde sogar einen „Entjudungsplan“ entworfen: Den wollte er Hitler vorlegen. Dieser rassistische Hass dürfte aus einer Grundverletzung gewachsen sein. Nolde war 1910 mit seinem Bild „Pfingsten“ für die Sezessionsschau von jüdischen Malern um Max Liebermann strikt abgelehnt worden.

Auf Dokumente, die das belegen, hatte Jolanthe, Noldes zweite, 2010 verstorbene Frau (Gattin Ada starb 1946) in der Seebüller Stiftung eisern die Hand gehalten, auf Deutungshoheit gepocht, den Zugang der Forscher verhindert. Dass Nolde sein NSDAP-Mitgliedsbuch nie zurückgegeben hat, auch nicht, als seine Bilder in der Aktion „Entartete Kunst“ massenhaft verfemt, beschlagnahmt, verhökert wurden, war längst bekannt. Aber es spielte in der Rezeption bislang kaum eine Rolle. Auch nicht in der späten DDR, wo seine Südseebilder in den Achtzigern in einer Schau Hunderttausende begeisterten. Nach 1945 hatte der als Opfer der NS-Kulturpolitik anerkannte Maler vom nordfriesischen Seebüll, seinem Atelierhaus aus, begonnen, im Kunstbetrieb wieder auf sich aufmerksam zu machen. Das gelang, er wurde schleunigst „entnazifiziert, später mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Aber Emil Nolde war ein Zwiegespaltener, ein Farbmagier mit düsteren Seiten. Nun schwappen, um im Bild des „Brecher“-Motivs zu bleiben, die brachialen Wellen über die Maler-Legende. Dabei hängt das betreffende Gemälde ganz am Ende der Schau, die fairerweise mit fulminanten klassischen Expressionisten-Motiven beginnt. So mit der „Sünderin“ von 1926 und mit Adam und Eva im „Verlorenen Paradies“, 1921.

Emil Nolde: „Die Sünderin“, 1926.

Es ist unbegreiflich, aber Nolde hatte den Nazis die Feme offenbar nicht übelgenommen; er wollte deren Anerkennung, hatte nicht begriffen, dass er mit seinem expressionistischen Malstil diametral gegen das stand, was Hitler von der neuen deutschen Kunst verlangte. Und nie hat er sich deutlich von der NS-Ideologie und den antisemitischen Äußerungen distanziert. Auch stimmt es nicht, dass er die „Ungemalten Bilder“ heimlich, also in einer Art Inneren Emigration, gemalt hat. Die Nazis beschlagnahmten 1000 seiner Bilder, aber belegten ihn nicht mit Malerverbot. Jenes, so die Forscher, gehört ins Reich der Selbst-Stilisierung.

Muss jetzt also die Nolde-Kunstgeschichte neu geschrieben werden? Auf jeden Fall lesen wir seine vielbewunderte Kunst jetzt neu. Und sehr viel lesen müssen wir in dieser anspruchsvollen, unbequemen, die politische, moralische Widersprüchlichkeit einer Ikone thematisierenden Schau. Vor allem sehen wir die mythischen Opferszenen, die nordischen Sagengestalten ganz anders.

Nolde ist eben nicht nur deutsche Kunstgeschichte, sondern deutsche Geschichte als Kardinalfall. Das so lange unzugängliche Archiv wurde den Forschern zur bisweilen schockierenden Offenbarung, Waschkörbe voller Briefe und Tagebuchnotizen sprechen Bände von Noldes Anerkennungssucht und Zerrissenheit. Erst seit 2016 gibt es einen Archivar, der an die 30 000 Dokumente erfasst, digitalisiert, online stellt.

Die Forschung legt vor, was war (die Ergebnisse gingen umfassend ein in die große Städel-Schau, 2014 in Frankfurt, die die Ambivalenz Noldes veranschaulichte). Wir, das Publikum, müssen uns selbst ein Bild machen, moralisch wie ästhetisch. Eine Lese- oder Deutungsvorgabe, auch über das Verhalten von Künstlern in der Diktatur, gibt die Schau nicht: Emil Nolde, dieser Säulenheilige des Expressionismus, war unbezweifelt ein Mal-Genie. Aber er war auch ein Mensch mit fatalen Fehlern, ideologisch verbohrt, eitel, zerrissen, widersprüchlich.

Am Beispiel Nolde können wir viel über Deutschland und geschichtliche Verdrängung lernen. Wir können – müssen die Bilder befragen und mit den biografischen Dokumenten abgleichen, Antwort suchen, ob Kunst wirklich nur Kunst ist. Die Debatte ist eröffnet.

Hamburger Bahnhof, Berlin: bis 15. September. Der Katalog ist bei Prestel erschienen. www.smb.museum.de

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