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Nichts ist für immer

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Von: Judith Köneke

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Sascha Weidner, "Run II".
Sascha Weidner, "Run II". © The Estate of Artist Sascha Weidner, Courtesy: Conrads, Düsseldorf

Das Fotografie Forum Frankfurt erinnert mit seiner neuen Ausstellung an den verstorbenen Sascha Weidner.

Es sind 1001 Fotos, aufgereiht, dicht an dicht, die oberen fast gar nicht mehr zu erkennen. Die Farben verlaufen von hell nach dunkel. Ein kleiner Vogel in einer Hand, Schatten aneinandergedrängt, nackte Beine auf nassen Stufen, immer wieder Farbtupfer: Blut in einem Waschbecken, eine rote Jacke zwischen roten Beeren auf dem Asphalt, braunes Laub auf grünem Moos, ein gelber Mantel zwischen schwarzen Jacken. Alltägliches: Kippenreste in einem Plastikbecher, geschnittene Haare auf nackter Haut, eine Scheibe Brot auf der Straße, bei der das Innere fehlt, aber auch Besonderes: Wassertropfen wie glänzende Steine auf einer Oberfläche, oder Adern, die einem Fluss-Delta gleichen.

Was auf den ersten Blick wie Schnappschüsse wirkt, sind in Wahrheit höchst konzipierte Arbeiten des Berliner Fotografen Sascha Weidner. Perfekt ausgeleuchtet, wohldurchdacht. Seine Werke sind bis Ende Januar im Fotografie Forum Frankfurt in der Ausstellung „Was übrig bleibt“ zu sehen. Das „Archiv I“, von Weidner selbst so genannt, umfasst Bilder in den Formaten 13x13 und 13x18 Zentimeter, die auf Regalen angeordnet sind. Weidner hielt seine Welt fotografisch fest, alles was ihm wichtig war, egal wie banal oder klischeehaft es auch sein mochte.

Mit der Schau soll an das Leben und Werk Weidners erinnert werden, der 2015 im Alter von 40 Jahren überraschend an einem Herzleiden verstarb. Kuratorin Luminita Sabau lernte Sascha Weidner bereits vor zehn Jahren kennen. Als damalige Leiterin der fotografischen Sammlung der DZ-Bank kaufte sie als eine der ersten seine Bilder. Sie ist nicht nur begeistert von seinen Arbeiten, sondern auch von der Zusammenarbeit mit dem Künstler gewesen. Sabau beschreibt ihn als perfektionistisch sowie warm und angenehm. „Manchmal hatte man den Eindruck, er sei ein Traumtänzer – nicht von dieser Welt.“ Weidner habe etwas Melancholisches an sich gehabt, sagt Sabau, das spiegele sich auch in seinen Fotografien wider. Seine Bilder als auch die von ihm gewählten Titel zu seinen Ausstellungen wie „bleiben ist nirgends“ oder „last song“, trügen Todesahnungen in sich. Ihn verfolgten zudem Unfälle, und viele Aufnahmen zeigten Trümmer.

Darüber hinaus bezögen sich viele seiner Fotos auf die Kunstgeschichte, sagt Sabau. Weidner studierte an der Hochschule für Bildende Kunst in Braunschweig und war Meisterschüler bei Professorin Dörte Eißfeldt. Ein Hemd, das über einer Lampe hängt, spiele auf die Madonnenbilder an. Die Darstellung der Faltenbildung weise auf den Übergang der Renaissance zur Frührenaissance und der Befreiung des Geistes hin. Formelle Konnotation gebe es in seinen Fotografien zu Hauf, auch zum romantischen Bild der Deutschen, etwa Caspar David Friedrich.

Bei seinen Ausstellungen wollte Weidner immer in den Dialog treten. So wartet auf die Besucher des Fotografie Forum ein Clou: Jeder darf sich ein Bild der Sammlung aussuchen und mit nach Hause nehmen. Die einzige Bedingung ist, eine Begründung über die Auswahl aufzuschreiben. Für jedes Foto, das die Ausstellung verlässt, wird ein Foto an der anderen Wand aufgedeckt, dem „Archiv II“. Hier hängen ebenfalls alle 1001 Bilder, allerdings anders angeordnet. So entsteht einerseits ein zweiter Teil der Ausstellung, andererseits eine Textsammlung voller Gedanken über das, was Kunst im Betrachter bewegt. Mal sehen, was übrig bleibt.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 29. Januar. www.fffrankfurt.org

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