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Die Kinderwiege des Bauhaus-Schülers Peter Keler von 1922 im Bauhausmuseum Weimar.

Kunstgeschichte

Wer nicht artig war, kam ins Bauhaus

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Die weltberühmte Institution Bauhaus wird 100. Hoffentlich wird das Jubiläum zu mehr als nur weiteren euphorischen Legendenbildungen genutzt.

Dem Bauhaus war der Erfolg nicht in die Wiege gelegt. Allerdings machte das Bauhausbabybett auch einen alles andere als kommoden Eindruck. Kein Gedanke an ein anmutiges Bettchen, natürlich nicht, erst recht kein süßes, bewahre! Vielmehr war die Absicht ein geometrisch durchkalkuliertes Gestell. Schon das Wickelkind sollte an Rechteck, Kreis und Dreieck gewöhnt werden. Das Bett hatte der Konstrukteur Peter Keler an den Kopf- und Fußteilen für Mann rechtwinklig konstruiert, das der Frau halbkreisförmig. Daraus folgte, dass das Babybett der Zukunft eine Kombination der beiden Formen war, ergänzt um ein Dreieck. Die Wiege ein Exerzierfeld der Funktionalität.

Ob sich auch wegen der Wiege die Konflikte um das Bauhaus so sehr aufschaukelten, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall ging in den 1920er Jahren in Deutschland ein düsterer Satz um, dazu gedacht, Kinder zu erschrecken: „Wenn du nicht artig bist, kommst du ins Bauhaus.“ Das Bauhaus als Buhmann, so war es von den ersten Tagen an. Vorurteile, Misstrauen seit 1919, bis hin zum offenen Ressentiment – vierzehn Jahre ging das so. Aber gerierte sich das Bauhaus nicht, bei allem, tatsächlich als so etwas wie eine ästhetische Erziehungsanstalt und soziale Weltverbesserungswerkstatt?

Heute wird in Berlin das hundertjährige Bauhausjubiläum mit einer Großveranstaltung eingeläutet. Man wird sicherlich auf die Erfolgsgeschichte zu sprechen kommen, und das nicht etwa verschämt. Das Bauhaus als Marke wird auf alle Fälle eine Rolle spielen. Vielleicht nicht unbedingt die Wiege Kelers, aber doch die Wagenfeldlampe, die Türklinke von Hannes Meyer, der Armlehnstuhl TI 244 von Josef Albers, die Meisterhäuser von Walter Gropius in Dessau, Paul Klees Vermessene Felder. Ikonen!

Auch wird es sicherlich einen Hinweis auf die Widerstände gegen diese Einrichtung geben, die, 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, vom ersten Tag an eine Institution war, die der Mehrzahl der Bürger nicht geheuer war. Schon wegen der Kleidung der Bauhäusler nicht, wegen deren Habitus. Machten sie den Mund auf, befremdete ihr ästhetisch-soziales Anliegen. Die Bauhaus-Schülerinnen trugen wild ihre kurzen Haare. Wer nicht artig war, ging ins Bauhaus. Das nach dem Ersten Weltkrieg nach Sicherheit suchende Deutschland sah sich durch das Bauhaus provoziert. Das 1919 auf einigermaßen intakte vier Wände hoffende Deutschland fühlte sich angesichts der Bauhaus-Doktrinen wie heimatvertrieben.

Schon deswegen war das Bauhaus ein Skandal. Zumal es seine Grundsätze kompromisslos verfocht. Dabei war das Fundament, auf dem die Bauhaus-Ideologie gründete, so wenig neu wie die konstruktiven Voraussetzungen. Diese wurzelten in den Ingenieursleistungen des 19. Jahrhunderts – und das Weltbild wiederum wollte noch ganz andere Bezüge herstellen. Schon die offizielle Bezeichnung der Institution, Bauhaus, von Walter Gropius einer widerstrebenden thüringischen Staatsregierung abgerungen, sollte den Gedanken an die mittelalterliche Bauhütte wieder aufleben lassen. Obendrein beriefen sich die Unkonventionellen auf eine Tradition, die bereits die Kunst- und Architekturtheorie des 19. Jahrhunderts bewegt hatte, nämlich das mit dem Einbruch der Industrialisierung neu zu definierende Verhältnis von Kunst und Handwerk, von Handwerk und Industrie.

Mit dem Bauhaus, anfangs in Weimar, von 1925 an in Dessau, 1932/33 dann noch in Berlin, erhielt die inständig angestrebte „Idee der Vermittlung zwischen kreativen Künstlern und der Welt der Industrie“ (Gropius) eine feste Bleibe. Mit dem Abstand von hundert Jahren darf man aber auch sagen, dass es nicht unbedingt eine in Serie hergestellte expressionistische Teekanne geben muss. Die Wandbehänge waren oft biedere Deko. Die Bauhausmoderne konnte ungemein muffig sein. Allerdings überlagerte das Sendungsbewusstsein nicht selten die Gestaltungsfinessen. Bauhäusler und Bauhäuslerinnen zeigten sich nicht nur selbstbewusst, sondern inszenierten sich auch verwegen. Die bald auch berühmte Bauhausfotografie konnte ungemein Suggestives leisten.

Unbestritten, dass das Bauhaus ein Laboratorium der sozialen und künstlerischen Fantasie war. Dabei zugleich eine Institution, die sich, mit der Architektur als kulturellem Leitmedium, dem kompromisslosen Ausdruck der strengen Formen unterwarf, mitunter dem Impuls zur Anmut nachgab, in aller Regel dem Gebot der Askese frönte. Im Zentrum stand das Bauhaus-Gebäude, eine Formvollendung nach geometrischen Prinzipien, eine puristische Konstrukten. Das hat auch andernorts manchmal geklappt, manchmal wurde es sehr lächerlich. Das Bauhaus, das in der Kunst, vor allem in der Architektur, Großtaten hervorbrachte, litt unter dem deutlichsten Makel der Architekturmoderne, dem Makellosigkeitswahn.

Was im Bauhaus entstand, erst recht unter dem Banner der Sozialpflichtigkeit der Kunst, war alles andere als einheitlich, weder stilistisch noch funktional. Schon das ist ein Mythos: dass das Bauhaus je einen homogenen Stil hervorgebracht hätte. Derartiges hat ihm dann später die oberflächliche Euphorie immer wieder nachgesagt. Dabei waren die Positionen der hier beschäftigen Künstler viel zu gegensätzlich, viel zu unterschiedlich deren Temperamente: Wassily Kandinsky und Paul Klee, Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer oder Georg Muche. Daneben agierten Johannes Itten und Lazlo Moholy-Nagy, Marcel Breuer, Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe. Der eine war esoterisch orientiert, imprägniert mit mystischen Geheimlehren (Itten); der andere ein Kommunist (Meyer); ein dritter Direktor, Mies, unerbittlich an den reinen Gesetzen einer tadellosen Moderne orientiert.

Sie alle hatten von ihrer Bauhütte eine fest umrissene Vorstellung. Sicherlich war das Bauhaus während seiner Zeit in Dessau, 1926 war das Hauptquartier mit dem berühmten Curtain-Wall von Gropius errichtet worden, vor allem ein durchrationalisiertes Gedankengebäude, so produktiv wie anstrengend, so einflussreich wie verhasst. Darin kamen auf engstem Raum Konstruktivisten und Vertreter der reinen Abstraktion zusammen, Reformpädagogen prallten auf Sozialisten, Architekten auf sagenhafte Anhänger des Eros. Die Widersprüche, für eine ganz kurze Ära wenigstens, waren die Hoffnung.

Sie führten zu der enormen Wirkung dieser im Grunde so kleinen Einrichtung, die als Gegenstück zur klassischen Kunstakademie gegründet worden war. Sie half bei einer umfassenden Reform der bestehenden Kunstschulen. Das erklärt den noch heute spürbaren Einfluss dieser Institution, trotz der jähen Zäsur von 1933, trotz der zwangsweisen Schließung des Hauses in Berlin durch Gestapo und SA. Die Nazis hatten den Modernismus des Bauhauses immer gehasst – und doch, wo es um Industriebau ging oder die imponierende Sachlichkeit industriell verfertigter Massenprodukte, haben sie immer wieder Bauhaus-Muster kopieren lassen.

Dies geschah übrigens, wie eine nicht abreißende Bauhaus-Diskussion in den vergangenen dreißig Jahren gezeigt hat, durch „Kollaborateure der Modernität“ (Milan Kundera). Bauhaus = Moderne. An dieser Legende sind die Bauhäusler, 1250 sollen es insgesamt gewesen sein, nicht unschuldig. Das Bauhaus hat zahlreiche Mythen produziert, daran beteiligten sich vor allem die Emigranten in den USA. Das hat dem Gedankengebäude leichtgläubige Bewunderung eingebracht und, einmal mehr, blinde Ablehnung, etwa in dem flott zu lesenden Buch von Tom Wolfe.

„Mit dem Bauhaus leben“ hieß die Polemik und das oberflächliche Pamphlet, das Büchlein, nicht das erste, nicht das letzte, das das Bauhaus verantwortlich machte für die Unwirtlichkeit der Städte, für die Vernichtung des öffentlichen Raums, für die Zumutungen eines öden Funktionalismus. Die Anklage lautete: Bauhaus = Stadtzerstörung. Die Gleichung sollte nach dem Krieg zum festen Repertoire der Städtebaudiskussionen werden, was auch daher rührte, dass das Bauhaus, immer schon unter schwerstem Verdacht, nun, in der Rezeption, noch nachdrücklicher als geschlossenes Ganzes aufgefasst wurde.

Mit der Arbeit am Mythos werden auch im Jubiläumsjahr drei Erben schwer beschäftigt sein: in Weimar die Hochschule für Architektur, in Dessau das Bauhaus-Institut, in Berlin das Bauhaus-Archiv und -Museum. Winfried Nerdinger hat auch zum hundertsten Jubiläum kritisch reagiert und in seinem Buch „Das Bauhaus, Werkstatt der Moderne“ (C.H.Beck Wissen) anschaulich gemacht, wie jeder ästhetische Konflikt zu einer ideologisch erbitterten Fehde führte: „Der mit der Berufung Moholys verbundene Kurswechsel und die Devise ‚Kunst und Technik‘ stießen bei den Meistern Feininger, Kandinsky, Klee, Muche und Schlemmer auf weitgehende Ablehnung. Sie befürchteten eine ‚Amerikanisierung‘, eine Vergötzung der Maschine, einen Verlust des ‚Gottesfunken der Kunst.“ Klee polemisierte gegen eine „Schablonengeistigkeit“.

Die Bauhausgeschichte ist schon seit Jahrzehnten in unzähligen Büchern dokumentiert, deren ambivalente Geschichte rekonstruiert worden. Nett, wenn in Artikeln zum Hundertjährigen so getan wird, als entdecke man die Schattenseiten und Schwächen der Bauhausprotagonisten erstmals. Jetzt aber mal! Etwa den sich alles andere als zurückhaltend äußernden Rassismus des vermeintlichen Asketen Johannes Itten. Der Gesinnungsüberschuss der großen Meister war stets gewaltig. Die Gewissenlosigkeit, die einen Mies veranlasste, sich noch einige Zeit durch Nazideutschland zu lavieren, ist so wenig eine neue Erkenntnis wie die Ignoranz eines Hannes Meyer in der UdSSR gegenüber dem stalinistischen Terror in seiner nächsten Umgebung. Zum Geltungsdrang und Gesinnungsüberschuss gehörte, dass die Kollaborateure einer kompromisslosen Moderne zu Kollaborateuren einer kompromittieren den Macht wurden. Das ist der schwarze Schatten, der über einigen Meisterwerken der weißen Moderne liegt.

Zu den Meisterwerken gehört unbedingt die ohne das Bauhaus nicht denkbare Berliner Nationalgalerie von Mies van der Rohe oder der Freischwinger Marcel Breuers, gehören das Design von Geschirr oder Lampen, hervorgebracht in den Werkstätten eines vibrierenden Gedankengebäudes. Winfried Nerdinger drückt es sachlich aus und spricht von einer Werkstatt der Moderne. Wenn das Bauhaus in diesem Jahr auf eine hundertjährige Geschichte zurückblickt, dann ist das eine sehr ernste Angelegenheit, die allein schon daran zu erkennen ist, dass bereits die Vorbereitungen zu den Feiern eine mehrjährige Vorlaufzeit haben. Beste Voraussetzungen? Oder verhärtete Fronten längst?

Das Bauhaus vor einhundert Jahren war eine mächtige Kopfgeburt. Dabei sollte es nicht bleiben. Architektur und Design an erster Stelle wurde tatsächlich reformiert. Zur Reform gehörte, dass bereits die Neugeburt einem durchdesignten Kalkül unterzogen wurde, ja, mehr als das. Allein die Bauhauswiege war nicht für den alten Adam oder die alte Eva gedacht, sondern für den Neuen Menschen gemacht. Das Design eines neuen Menschengeschlechts machte das Bauhaus so anspruchsvoll wie anstrengend, anmaßend und attraktiv gleichermaßen. Die Welt ist mit dem hundert Jahre alten Bauhaus bis heute noch nicht fertiggeworden.

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