Heute hat Luz kaum noch Kontakt zu den anderen Überlebenden. Foto: Alain Bujak / Editions Futuropolis

„Charlie Hebdo“

Neues Comicbuch von Luz: Wer war „Charlie Hebdo“?

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Und wer ist es heute? Der französische Zeichner Luz lässt in seinem Buch über das französische Satiremagazin hinter die Kulissen blicken. Eine Begegnung.

Wer oder wie „Charlie Hebdo“ heute ist, das weiß Luz nicht. Er liest das Satiremagazin nicht, so wie er die französische Presse generell nur noch überfliegt. „Das alles ist weit weg von mir“, sagt er. Es kommt aus einer anderen Welt, einem alten Leben, das unbeschwerter war. Es endete am 7. Januar 2015.

Wer und was „Charlie Hebdo“ vor diesem Datum war, das wiederum wissen wenige Menschen so gut wie Luz, der eigentlich Rénald Luzier heißt, aber in Frankreich unter seinem Künstler- und Spitznamen bekannt ist. 23 Jahre lang arbeitete der 47-Jährige für das Blatt, das für seinen respekt- und schamlosen Humor, seine bissigen Karikaturen, die vulgären Provokationen berüchtigt war.

Seit dem 7. Januar 2015 kennt man „Charlie Hebdo“ weltweit in Verbindung mit einem der schlimmsten Terroranschläge in Frankreich, bei dem die Brüder Chérif und Saïd Kouachi elf Menschen töteten, davon acht Redaktionsmitglieder. Luz entging dem Attentat, weil der 7. Januar sein Geburtstag ist. Er kam damals zu spät zur Redaktionskonferenz und fand seine Freunde und Kollegen tot oder verletzt vor. Allmählich, sagt er heute, fange er wieder an, seinen Geburtstag zu feiern. „Ich hole mir das Datum zurück.“ Mehrdeutig wird es immer bleiben.

Luz: Wir waren Charlie. A. d. Franz. v. Vincent Julien Piot /Tobias Müller/ Karola Bartsch. Reprodukt 2019. 320 S, 29 Euro.

Wenige Monate nach dem Anschlag veröffentlichte Luz das Comicbuch „Katharsis“, eine sehr berührende und persönliche Aufarbeitung des Traumas. Im vergangenen Herbst brachte er einen weiteren Erwachsenen-Comic über „Charlie Hebdo“ heraus, der am morgigen Mittwoch auf Deutsch unter dem Titel „Wir waren Charlie“ erscheint. „Unauslöschbar“ heißt er auf Französisch – unauslöschbar wie die schwarze Farbe auf den Fingern von Charb, dem früheren Chefredakteur, einem der Todesopfer. Ihn stieß einmal sogar eine Frau, die er mit nach Hause nahm, von sich, als sie seine befleckten Hände sah und dachte, sie seien ungewaschen.

Luz gibt die Szene in seinem neuen Buch wieder, weil sie zeigt, wie stark Charb mit „Charlie Hebdo“ verwachsen war. Unauslöschbar sind heute die Erinnerungen an ihn und die anderen ermordeten Zeichen-Ikonen wie Georges Wolinski oder Jean Cabut, den man liebevoll Cabu nannte.

Luz’ Buch ist eine Hommage an das Magazin und jene, die es ausmachten. Er erzählt, wie er selbst als unerfahrener Provinzler in die Hauptstadt gestolpert kam und auf sein Idol Cabu stieß. Nervös unterbreitete er ihm noch auf der Straße seine Karikaturen-Entwürfe – sie brachten Cabu zum Lachen, der ihn mit in die Redaktion nahm. „Ein einziger Blick von Cabu auf meine Zeichnungen hat mein Leben verändert“, sagt Luz. Fortan gehörte er zum Team, das zugleich eine Clique von Kumpels war.

Im Gespräch über das Buch in den Räumen seines französischen Verlags wirkt Luz abgeklärt, spricht viel, lacht manchmal, in Erinnerungen schwelgend. Anders als „Katharsis“, sagt er, habe er „Wir waren Charlie“ nicht für sich selbst geschrieben, sondern für jene, die nach dem Attentat aus Solidarität „Ich bin Charlie“ riefen: Sie sollten wissen, wer und wie „Charlie Hebdo“ eigentlich war, einen Blick hinter die Kulissen bekommen und sehen, wie viel Arbeit und Energie in jedem Heft steckten.

Politisch unkorrekt waren sie und scharfe Kritiker von allen Religionen – das wurde ihnen zum Verhängnis, denn die Attentäter brüllten, sie wollten mit ihrer Bluttat Allah rächen. Dass der Name „Charlie Hebdo“ seitdem für ein Drama steht, bedauert Luz. „Man hat es in einen symbolischen Tresor eingeschlossen, dabei war Charlie kein Symbol, keine Wikipedia-Seite, kein Datum, kein Aufkleber. Sondern es war Arbeit, es waren Begegnungen, es war fast ein Vierteljahrhundert meines Lebens. Das will ich in meinem Buch zeigen.“

Wilde Traumwelten: Blatt aus „Wir waren Charlie“.

Nebenbei lässt der Zeichner auch ein Stück französische Zeitgeschichte Revue passieren. Zeichnend begleitete er den politischen Kampf zwischen Ex-Präsident Jacques Chirac und dem Rechtsnationalisten Jean-Marie Le Pen. Er beschreibt, wie sie fieberhaft nach einer peppigen Karikatur für die Titelseite suchten, über eine Fetischisten-Party berichteten, bei einer Kommunisten-Feier einen Penis signierten. Immer wieder unterbricht Luz seine Erinnerungen mit einem harten Blick auf sich selbst heute, wie er nachts schweißgebadet aufwacht und sich tiefe Sinnfragen stellt: „Warum zeichnen wir? Warum lieben wir das? Umwelt? Die Einsamkeit? Um das Mysterium der Welt zu durchstoßen?“

Luz zeichnete im Januar 2015 noch die Titel-Karikatur für die „Ausgabe der Überlebenden“, die eine Woche nach dem Anschlag erschien und eine Auflage von drei Millionen erreichte. „Alles ist verziehen“, wurde einem weinenden Propheten Mohammed in den Mund gelegt. Er nahm noch am großen Solidaritätsmarsch in Paris teil, zu dem rund vier Millionen Menschen sowie zahlreiche Staats- und Regierungschefs kamen. Er ging noch zu all den Beerdigungen seiner Freunde.

Seither hat er aber kaum mehr Kontakt zu seinen früheren Kollegen, die wie er das Drama überlebten. Er habe damals vorgeschlagen, nach einer Pause von sechs Monaten einen Neubeginn zu machen. „Ich fand, man sollte dazu stehen, dass wir verletzt waren. Aber die Herausgeber wollten sofort weitermachen, um zu zeigen, dass wir nicht besiegt wurden.“ Das sei mutig gewesen, aber nicht sein Weg. Der besteht heute darin, Comicbücher zu machen, Zeit mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter zu verbringen und, wie er sagt, irgendwie eine Brücke zwischen der Vergangenheit, dem tragischen Moment, der Gegenwart und der Zukunft zu schlagen. „Ich war Charlie“, sagt Luz. „Aber ich bin nicht mehr Charlie.“

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