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Die Neue Nationalgalerie in Berlin öffnet für Publikum erstmals wieder am Sonntag. Hier die Schau „Trauma und Zerstörung“ mit Wilhelm Lehmbrucks „Der Gestürzte“ (1915/16) und dem Gemälde „Flandern“ (1934-36) von Otto Dix (r.).
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Die Neue Nationalgalerie in Berlin öffnet für Publikum erstmals wieder am Sonntag. Hier die Schau „Trauma und Zerstörung“ mit Wilhelm Lehmbrucks „Der Gestürzte“ (1915/16) und dem Gemälde „Flandern“ (1934-36) von Otto Dix (r.).

Wiedereröffnung

Neue Nationalgalerie in Berlin: Aug’ in Aug’ mit der Moderne

  • VonIngeborg Ruthe
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Die sanierte Neue Nationalgalerie in Berlin steht endlich vor der Wiedereröffnung.

Die Zeit mit Bauplane war lang, die Lücke in der Berliner Museumslandschaft empfindlich. Nun lässt die Einzigartigkeit der Architekturikone Mies van der Rohes (1886-1969) die Kritik wegen der Kosten – 140 Millionen Euro – verstummen. Die Neue Nationalgalerie ist nach fast sechs Jahren Rekonstruktion zurück, die Bilder sowie Skulpturen haben die Depots verlassen. Dazu der Skulpturengarten, als eigenes kleines Museum.

Von einer Zäsur „für einen Neuanfang“ spricht Joachim Jäger, der Leiter der Neuen Nationalgalerie. Die Bestände mit etwa 1800 Werken seien, aus seiner Sicht, in der Vergangenheit „männlich geprägt und auch nicht global“ gezeigt worden. Immerhin erreicht die neue Präsentation nun einen Künstlerinnen-Anteil von 14 Prozent. Auch die Provenienzen sind geklärt. Kein Fall von verfolgungsbedingt entzogener Kunst. Nur noch ein kleiner Teil der Depot-Bestände bedarf der Nachforschung, da Unterlagen fehlen.

1986 wurde das Haus mit den Mobiles und Skulpturen des amerikanischen Nachkriegsavantgardisten Alexander Calder in der gläsernen Oberhalle eingeweiht. Gründungsdirektor war der Documenta-Impresario und Calder-Fan Werner Haftmann. Neueste Forschungen belegen, dass der wirkmächtige Modernist mit dem NS-System verstrickt war.

Mies’ Neue Nationalgalerie – die angestammte Nationalgalerie befand sich ja in Ostberlin, im Alten Museum am Lustgarten – ist wieder Wallfahrtsort für die westliche und nach der Wiedervereinigung auch östliche Moderne. Ein Kunsthaus für Offenheit, Toleranz und „versöhnende Leichtigkeit“, wie es sich der von den Nazis in die USA vertriebene und 1969 verstorbene Bauhausmeister gewünscht hatte. Sein Grundentwurf für den lichten Pavillon mit Sockelgeschoss hatte keinem Museumsbau gegolten, sondern der Bacardi-Zentrale in Santiago de Cuba. Die Revolutionäre um Fidel Castro enteigneten Bacardi 1960. Die Familie emigrierte samt der Rum-Rezepte auf die Bermudas.

Am Sonntag stehen wir also wieder in der Oberhalle, quasi einer überdachten Piazza, vor den großen, nicht nur die kindliche Fantasie begeisternden Calder-Gebilden. Was damals spektakulär war, wirkt heute eher klassisch, als kunsthistorische Geste. Nichts gegen den Altstar Calder, von dem es in Berlin seit 50 Jahren keine Ausstellung mehr gab. Besser wäre etwas Aktuelleres gewesen. Vielleicht hätte der in Berlin lebende Welt-Künstler Tomas Saraceno seine denkwürdigen ökosystemischen „Raumkapseln“ unter den Vorzeichen von Klimawandel, Krisen, Krieg und enthemmtem Bevölkerungswachstum in die Halle hineinbauen können. Werke, die nicht das Vergangene feiern, sondern die Unabdingbarkeit globaler Interaktionen einfordern. Womöglich ein Gedanke, der Mies bewegt hätte.

Unten im wieder mies-typisch mit Teppich ausgelegten Sockelgeschoss hingegen ist der Rückblick unverzichtbar, um deutsche, europäische Kunstgeschichte zu erzählen. Frühe und klassische Moderne belegen Zeitgeist und Zeitkritik. Sinnlich packend der Wechsel von Bildern, Skulpturen, Objekten, allesamt Zeugnisse der Avantgarde-Strömungen und -Stile von 1900 bis 1945. Wir schauen gleichsam in den Spiegel der Gesellschaft in ruhelosen Zeiten. Krise war immer, und zweimal führten die unvereinbaren Widersprüche und aggressiven Machtansprüche zu Weltkriegen. Wir erleben einen gelungenen Exkurs durch Dada, Expressionismus, sozialkritischen Realismus, Neue Sachlichkeit, Kubismus und Surrealismus. Die Bildwerke erzählen von Kaiserreich, Kolonialzeit, den „Goldenen Zwanzigern“ der Weimarer Republik, NS-Verfemung, Holocaust und Exil.

Die bis 2023 konzipierte Dauerausstellung beginnt mit zwei jüngeren Neuerwerbungen: Lotte Lasersteins „Abend über Potsdam“ von 1930. Das Bild ist die düstere Ahnung des baldigen Abschieds; die Jüdin floh vor den Nazis nach Schweden. Längst wurde sie als wichtige Künstlerin ihrer Zeit wiederentdeckt.

Ähnlich verhält es sich mit dem durch die Ernst-von-Siemens-Stiftung finanzierten Ankauf von Sascha Wiederholds theatralischem „Bogenschützen“ von 1928. Dann spiegeln sich gleich im ersten Saal die für Berlin als prägend empfundenen 20er Jahre wider. Mit „Stadtsplitter“ ist die Inszenierung der Bilder und Plastiken überschreiben. Dazwischen hängen Video-Leinwände mit Filmszenen vom „Tanz auf dem Vulkan“. Da sind Collagen von Hannah Höch und Plastiken von Renée Sintenis, Marg Moll, Rudolf Belling, von Archipenko, Lipchitz, Will Lammert und Georg Kolbe. An der nächsten Wand kubistische Bilder von Braque, Picasso, Gris. Die Kunst in Berlin und Paris nahm die Dynamik der durch die Industrialisierung anwachsenden, pulsierenden Großstädte auf, bis alles nur noch zersplitterte Wahrnehmung war.

Gegenüber hängen Straßenszenen des Brücke-Malers Ernst Ludwig Kirchner, so der „Potsdamer Platz“: Die Mitternachtsszene zeigt zwei Huren, eine mit Witwenschleier. Alles ist in stürzender Perspektive gemalt; der Blick rutscht ab: Prostitution quasi als Sinnbild der Moderne, einsam und beziehungslos. Dann stehen wir vor noch mehr Bildern der „Brücke“- Maler, wo an einer Tafel die Frage gestellt wird, ob etwa Pechsteins Lolita-Akte von Roma-Mädchen aus heutiger Sicht sexistisch sind und Noldes Papua-Jünglinge kolonialistisch, gar rassistisch. Die Antworten werden uns überlassen. Es folgen die Expressionisten des „Blauen Reiter“, lyrische Abstraktionen von Figur und Natur bei Kandinsky und Klee. Und immer wieder steht die Frage in den 13 Themenräumen im Mittelpunkt: Wofür steht die Moderne? Steht sie für Hodlers Lebensreformbilder, diesem „Zurück zur Natur“? Für Lehmbrucks „Gestürzten“? Für Munchs Reinhart-Fries oder für Dix’ „Mondweib“?

Wir sehen und begreifen: Sie steht für das alles, auch für Schads „Sonja“, deren Geheimnis in dieser Ausstellung gelüftet wird. Dieses faszinierende Abbild der „Neuen Frau“ von 1928 hieß Albertine Gimpel, eine Jüdin, die durch glückliche Umstände vor den Nazis gerettet wurde. Dann vertiefen wir uns in Beckmanns „Geburt“ und „Tod“, in den „Ecce Homo“ Josef Scharls, dessen von einem Geschoss zerfetztes Gesicht eines Mannes wie eine Vorlage für Francis Bacons Porträts wirkt. Da sind Dix’ unvergleichliche „Skatspieler“ und die „Stützen der Gesellschaft“, sein Kriegspanorama „Flandern“, Heinrich Ehmsens „Irrenhaus“ , dazu der „Der Turm der Mütter“ von Käthe Kollwitz. Und Wilhelm Lachnits „Der traurige Frühling“ von 1933 macht die politische, gesellschaftliche Zäsur schmerzhaft deutlich.

All diese Werke stehen für Aufbruch und Erschütterung der Moderne. Auch Heinrich Vogelers „Revolutionsbilder“, die nochmals eine ganz andere Geschichte erzählen. Deutschlands erfolgreichster Jugendstilmaler war Stalins Ideologie auf den Leim gegangen und in die Sowjetunion übergesiedelt. Dann malte er in der kasachischen Verbannung seinen Traum vom Kommunismus.

Neue Nationalgalerie, Berlin: erster Öffnungstag für Publikum ist der 22. August. „Die Kunst der Gesellschaft 1900-1945“ bis 2. Juli 1923, Katalog (DCV Verlag), 27 Euro. Calders „Minima/Maximal“ bis 13. Februar 2022.

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