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Naturfotograf Fred Koch: So frappierend erotisch

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Von: Ingeborg Ruthe

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Gips-Kristalle (Eisleben, vergrößert), vor Februar 1931. Foto: bpk-Bildagentur/Fred Koch
Gips-Kristalle (Eisleben, vergrößert), vor Februar 1931. © bpk-Bildagentur/Fred Koch

Die Berliner Alfred Ehrhardt Stiftung entdeckt Fred Koch, den vergessenen Naturfotografen der Neuen Sachlichkeit.

Großmutter hätte mir eine Lupe in die Hand drücken sollen. Damals, als ich auf kindlicher Entdeckungsreise in ihrem Schrebergarten herumkroch und mich freilich am allermeisten für die noch viel zu grünen quietsch-sauren Stachelbeeren interessierte, die dann Bauchweh machten. Ich hätte mit dem Vergrößerungsglas stattdessen ein Wunder des Lebens erlebt, wie die beutelartige Blüte gerade aus ihrem Unterleib ein kugeliges Kind gebar, aus dem später ein stattlicher gelb-orangener Kürbis werden würde, nach der Ernte gewürfelt und süßsauer eingelegt. Ich hätte auch nicht die rötlichen Rhabarberstauden übersehen, deren gleichsam „gefaltete“ Blätter gold-bronzen ins Licht krochen und jenen Klingonen-Wesen aus dem Science-Fiction-Film „Star Trek“ ähnlich sind, die ihre Hirnmasse außen auf dem Schädel tragen.

Vor über 90 Jahren schwärmte der Schriftsteller Will Vesper von Fred Kochs „meisterhaften Pflanzenaufnahmen, die den fantastischen Bau dieser Lebewesen wie unter der Lupe zeigen, so, als sähe man zu, wie Pflanzen sich bewegen, sich formen, sich freuen, kämpfen, siegen, leiden und sterben, wie lebendige Wesen, die sie ja auch sind“. Kochs faszinierende Fotos solcher Gebilde der Natur reihen sich jetzt an den Wänden der Alfred Ehrhardt Stiftung in der Berliner Auguststraße. Die Kuratorin Stefanie Odenthal führt uns die Wiederentdeckung des Naturfotografen Fred Koch (1904–1947) in seiner ganz eigenwilligen Ästhetik der Neuen Sachlichkeit der Zwanziger- und Dreißigerjahre vor Augen.

Der Mann hatte diese Fotos nur anonym veröffentlicht, sein Brot verdiente er mit Pressefotografie und war nach seinem frühen Tod rasch vergessen.

Dank aufwendiger Recherchen können nun 100 atemberaubende Fotografien gezeigt werden. Der Namensgeber der Stiftung, Alfred Ehrhardt (1901–1984), hatte Kochs Leidenschaft für Naturformen geteilt und sich vor allem von dessen Kristall-Aufnahmen inspirieren lassen. Durch Beleuchtung und optische Vergrößerung – heute würde man sagen: durchs Heranzoomen – hatte Koch aus eigentlich unscheinbaren Steinchen-Strukturen unglaubliche Kunstwerke hervorgezaubert. Wie Grüße aus einem anderen Universum.

Fred Kochs schwarz-weiße Detail-aufnahmen von Pflanzen, Kristallen, Mineralien, von Eisblumen, Korallen, Muscheln, Schnecken, auch Insekten bringen uns die wundersamsten Formen nahe, von denen man kaum glauben mag, dass sie irdischer Herkunft sind. Wer, außer biologisch Gebildeten, weiß schon, wie kämpferisch männliche Maisblüten aussehen? Oder wie raffiniert die fragilen Samen einer Distel in den stachligen Blütenkörben hängen, beim nächsten Windstoß zur Fortpflanzung bereit?

Dieses Bild ist übrigens eine Leihgabe der Sammlung FC Gundlach. Kein Designer könnte diese Pflanzenwesen derart erotisch nachformen, nicht die sich geil ins Licht reckenden Triebe der Zaunrebe, nicht die zu einem Beeren-Körper wie den der Venus von Willendorf aufschwellenden Traube des – giftigen – Aronstabs. Auch nicht den wabenartig zerklüfteten Kopf der Morchel.

Fred Koch war nicht der einzige. Auch die Großmeister der neusachlichen Fotografie widmeten sich der Natur. Karl Blossfeldt etwa nahm Pflanzen nüchtern, streng sachlich auf. Selbst Albert Renger-Patzsch gestattete sich weit weniger Emotion und Inszenierungslust „vor der Natur“ als der gelehrige „Schüler“ Koch, der bald sein Nachfolger im Bildarchiv des Folkwang-Verlags wurde. Fred Koch aber machte aus jeder Pflanze, jedem Käfer, jedem Steinchen vor seiner Kamera ein bemerkenswertes Porträt, lud das Geschaute beinahe wie mit einem Charakter, einer eigenen Geschichte auf.

Dafür entwarf er Spezialkameras für extreme Tiefenschärfen im Makrobereich, optimierte seine Apparaturen, studierte und perfektionierte die Ausleuchtungsmodalitäten bis ins winzigste Detail. Fred Koch betont die florale Schönheit, Anmut und Pracht von Pflanzen. Er richtet den Blick frontal auf die Pflanze, fotografiert in Untersicht, dramatisiert mit gezielter Lichtführung, durch Reflektion und starke Schatten bis zur surrealen Verfremdung und abstrahiert durch extreme Ausschnitte. Er reizte die Stilmittel der neusachlichen Fotografie maximal aus. Dramatisierend, beinahe theatralisch und so frappierend erotisch.

Alfred Ehrhardt Stiftung, Berlin: bis 24. April. Der Katalog ist im Verlag Snoeck, Köln, erschienen. www.aestiftung.de

Crassulaceae Sempervivum tabulaeformis. Foto: LVR Landesmuseum Bonn
Crassulaceae Sempervivum tabulaeformis. © LVR Landesmuseum Bonn

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