Tate Museum London

Ein Naturereignis aus dem Norden

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Maria Balshaw wird neue Chefin der Tate-Galerien in London, Liverpool und St. Ives.

Eigentlich ist der Auswahlprozess noch „im Gange“, wie es bei den zuständigen Stellen heißt. Aber längst pfeifen es die kulturell interessierten Nachtigallen von allen Londoner Museumsdächern: Maria Balshaw wird die neue Generaldirektorin der vier Tate-Museen, wenn Premierministerin Theresa May nicht in letzter Minute noch Einwände erhebt. Die knapp 47-Jährige wurde von dem Moment an als Favoritin gehandelt, in dem Nicholas Serota, der Pate der britischen Kulturszene, im September seinen Rückzug vom Tate-Posten ankündigte.

Die neue Chefin der beiden Londoner Häuser, Tate Modern und Tate Britain, sowie der beiden Ableger in Liverpool und St. Ives wird von Bewunderern als „Naturereignis“ beschrieben, enthusiastisch, charmant, fokussiert. Sie selbst hat sich einmal als „resolute Frau aus dem Norden“ beschrieben, was im englischen Kontext so viel heißt wie: außerhalb des Londoner Mainstreams. Balshaw wuchs in Birmingham auf, studierte Englisch in Liverpool und anschließend Kulturstudien in Brighton. Ihre Doktorarbeit behandelte schwarze Kultur im 20. Jahrhundert am Beispiel des New Yorker Stadtteils Harlem. Sie arbeitete knapp zehn Jahre als Unidozentin, ehe sie zunächst für das Arts Council, also in der Kulturverwaltung, tätig war.

Ein Förderungsprogramm für talentierte Nachwuchskräfte katapultierte die damals 36-Jährige vor zehn Jahren in die erste Reihe britischer Kulturinstitutionen. Balshaw übernahm die Leitung des traditionsreichen Whitworth-Museums der Uni Manchester. Dort glänzte sie mit intelligent kuratierten Ausstellungen zeitgenössischer Künstler und – vor allem – Künstlerinnen wie Lynn Hershman Leeson, Marina Abramovic, Mary Kelly, zuletzt Cornelia Parker. Eine glänzend gelungene Renovierung des ehrwürdigen Hauses brachte dem Whitworth vergangenes Jahr den Titel „Museum des Jahres“ ein.

Dass sie auch (kultur-)politische Untiefen zu meistern versteht, hat die Kulturwissenschaftlerin zur Genüge bewiesen. Manchester hat seit der Jahrhundertwende eine kulturelle Renaissance erlebt, die nicht zuletzt auf eine starke Labour-Stadtregierung zurückgeht. Balshaw war integraler Teil dieser Entwicklung: 2011 übernahm sie zusätzlich zur Uniinstitution Whitworth die städtischen Kunstgalerien, seit 2014 amtiert sie als offizielle Kulturbotschafterin der Stadt. Dass die Londoner Regierung 78 Millionen Pfund in die Umwandlung alter TV-Studios in ein neues Kulturzentrum investiert, geht nicht zuletzt auf Balshaws Konto.

Sie muss Interessen abwägen

„Für Tate ein Gewinn, für Manchester ein Verlust“, urteilt die einflussreiche örtliche Labour-Abgeordnete Lucy Powell. Im neuen Job muss die Generaldirektorin sorgfältig die Interessen der unterschiedlichen Häuser abwägen. Natürlich bleibt Londons Tate Modern das Zugpferd: Das 2000 eröffnete frühere Kohlekraftwerk mit der wunderbaren, 155 Meter langen und 35 Meter hohen früheren Turbinenhalle liegt auf einer bevorzugten Touristenroute längs der Themse, der im vergangenen Jahr eröffnete Anbau des Schweizer Architektenbüros Herzog & de Meuron ließ die jährliche Besucherzahl von mehr als fünf Millionen Menschen nochmals in die Höhe schnellen. Auch das flussaufwärts gelegene Stammhaus Tate Britain erhielt erst vor kurzem ein Facelift, in St. Ives ist der Umbau im Gang.

Ihrem Vorgänger Serota, 70, wird Balshaw auch zukünftig häufig begegnen: Die graue Eminenz der zeitgenössischen Kunst Großbritanniens thront künftig auf dem Chefsessel des Arts Council.

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