Ausstellung

Hannah Ryggen in der Schirn: Mussolinis Kopf, eingerollt

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Die große politische Teppich-Kunst der Schwedin Hannah Ryggen in der Frankfurter Schirn Kunsthalle.

Der erste Blick fällt auf ein kreischend schrilles Motiv: ein flauschiges Bild, das in der linken Hälfte scheinbar ein grafisches Muster mit roten Streifen in wucherndem Grün zeigt. Rechts steht ein Mann mit pinkfarbenem Cowboyhut und Hund. Der Titel „Blut im Gras“ macht unmittelbar deutlich, dass auf dem Bild kein Muster zu sehen ist, sondern ein Verbrechen. Tatsächlich hat Hannah Ryggen dieses Werk – es handelt sich wie stets bei ihr um einen Wandteppich – 1966 als Reaktion auf den Vietnamkrieg gewebt; der Cowboy stellt den amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson dar. Aus seiner Richtung fliegen blaue Geschosse ins Grün.

Als Ryggen dieses Protestbild schuf, war sie bereits 72 Jahre alt. Hinter ihr lagen ein engagiertes Leben und eine ganze Reihe höchst ungewöhnlicher Werke. Jahrzehntelang webte die gebürtige Schwedin, der jetzt eine beeindruckende Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt gewidmet ist, Geschichten, mit denen sie Unrecht und Gewalt anprangerte. Dass jemand mit Handarbeiten gegen Kriege und Armut angeht, hatte es bis dahin noch nicht gegeben: Wandteppiche kannte man damals vor allem als ornamentale Dekorationsgegenstände. Noch heute erstaunen die Unmittelbarkeit der Kompositionen und die Deutlichkeit (bisweilen auch Heftigkeit) der dargestellten Szenen. Noch immer erscheint es geradezu verrückt, eine Technik, die aus dem volkskundlichen Handwerk kommt, als Agitationsinstrument zu verwenden.

Ursprünglich wollte Hannah Ryggen, die 1894 als Hanna Josefina Maria Jönsson im schwedischen in Stortorget geboren wurde, Porträtmalerin werden. Sie nahm Unterricht an der Abendschule in Lund bei dem deutschstämmigen Maler Fredrik Krebs, der sie ermutigte, den Sommer 1922 in Dresden zu verbringen. Dort lernte sie nicht nur die Werke von Goya, El Greco und Jan Vermeer kennen und lieben, sondern auch ihren späteren Mann Hans Ryggen. Mit ihm zog sie 1923 ins norwegische Ørland auf seinen Bauernhof und bekam eine Tochter. Direkt nach ihrem Aufenthalt in Deutschland begann Ryggen zu weben. Auch wenn sie zunächst wenig Ahnung hatte, wie das ging. Sie improvisierte, scheiterte, machte trotzdem weiter. Ihr Mangel an Fachkenntnis verlieh ihr zugleich eine große Freiheit: Sie webte wie sie wollte und was ihr in den Sinn kam – auch wenn sie Jahre brauchte, um schließlich eine Souveränität zu erlangen, die nicht perfektionistisch, sondern sehr authentisch wirkt. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das Fehlen jeglicher Perspektive, die Geometrisierung der Figuren und die Klarheit und den flächigen Einsatz der Farben.

Ryggens Motive waren von Anfang an sozialkritisch. Auch wenn ihr erster monumentaler Wandteppich „Die Sünderin“ von 1926, den sie damals noch in klassischer Gobelintechnik ausführte, eine biblische Szene zeigt. Fortan änderte sie ihre Technik, verzichtete auf rahmende Ornamente und wählte Motive der Gegenwart. Etwa in dem 1933 entstandenen Bild „Fischen im Schuldenmeer“, das unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise entstanden ist, die Norwegen Anfang der 1930er Jahre erreicht hatte. Es zeigt Menschen, die in einem blutroten Meer ums Überleben kämpfen. Die Künstlerin, damals selbst mittellos und verschuldet, beschreibt mit dieser aufwühlenden Szene nicht nur die verheerenden Zustände unter Arbeitern und Arbeitslosen, sie klagt auch die Banken an, die aus dieser Misere Profit ziehen.

Hannah und Hans Ryggen sicherten sich ihren Lebensunterhalt, indem sie Tiere hielten, Getreide anbauten und einen Garten anlegten. Kunst verkauften sie kaum. Es war ein arbeitsintensives Leben, ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Auch weil die Künstlerin ihr Arbeitsmaterial selbst herstellte: Sie kardierte, spann und färbte die Wolle. Hierfür sammelte sie Pflanzen, Flechten und Rinden, trocknete und verarbeitete sie aufwendig. Spätestens hier auf dem Hof entwickelte Ryggen ein intensives Gefühl für Gerechtigkeit. Jeder, so fand sie, sollte in der Lage sein, sich selbst zu versorgen, keiner über den anderen herrschen. Ausbeutung, auch die der Tiere, war ihr verhasst. 1934 webte sie das mit knapp 1,88 Metern enorm breite „Wir und unsere Tiere“, auf dem sie sich selbst und ihre Familie auf ihrem kleinen Hof porträtiert hat. Im Mittelteil sieht man Gänse, denen die Köpfe abgehackt wurden, daneben die Künstlerin, die offensichtlich darunter leidet. Ein Dilemma, das heute aktueller anmutet denn je.

Hannah Ryggen wohnte zwar jenseits irgendwelcher Kunstzentren, den ein oder anderen Erfolg konnte sie trotzdem verbuchen: 1937 hing ihr Wandteppich mit dem Titel „Äthiopien“, den die Künstlerin zwei Jahre zuvor als Reaktion auf Benito Mussolinis Überfall auf das nordostafrikanische Land gewebt hatte, im norwegischen Pavillon auf der Weltausstellung in Paris – in unmittelbarer Nähe zu Pablo Picassos „Guernica“, das im benachbarten spanischen Pavillon gezeigt wurde. Zehntausende Menschen kamen bei dem Überfall der Italiener brutal ums Leben, Kaiser Haile Selassi floh ins Exil nach Großbritannien. Auf Ryggens Teppich, der wie ein Fries aufgebaut ist, sieht man weder das eine noch das andere. Die Künstlerin zeigt den äthiopischen Regenten im Prachtgewand, umgeben von zahlreichen Händen. Daneben Mussolinis Kopf, der auf einem Speer aufgespießt ist – ein Detail, das in der Ausstellung jedoch zensiert wurde: „Die Organisatoren fürchteten, die italienische Staatsmacht zu beleidigen, und rollten deshalb den Teil des Teppichs ein, auf dem Mussolinis Kopf zu sehen war“, schreibt Marit Paasche, die die Ausstellung zusammen mit Esther Schlicht kuratiert hat, im Katalog.

„Äthiopien“ ist das erste in einer Reihe von Werken, in denen Ryggen Faschismus und den Terror des Nazi-Regimes verarbeitete. Mit „Tod der Träume“ von 1936, auf dem Nationalsozialisten wie Hitler, Göring und Goebbels auftreten, setzte Ryggen sich mit dem Thema politische Gefangenschaft auseinander. Im oberen rechten Viertel steht die Figur des eine Violine haltenden Albert Einstein (der bereits 1933 aus Deutschland geflohen war), während links der deutsche Pazifist Carl von Ossietzky in Handschellen dargestellt ist. Von Ossietzky wurde 1931 wegen Landesverrats und Spionage verhaftet und ab 1933 in unterschiedlichen Konzentrationslagern gefoltert. „6. Oktober 1942“ wiederum handelt von der summarischen Hinrichtung einer Reihe von Personen aus dem eigenen sozialen Umfeld durch die Besatzungsmächte. Hier hat Ryggen auch sich und ihre Familie ins Bild eingewebt.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Ryggen sich für Frieden und Gerechtigkeit ein, lehnte sich mit ihren Werken gegen Atomkraft und Nuklearwaffen auf oder gegen den Vietnamkrieg, dem sie ein so berührendes wie aufrüttelndes Protestbild gewidmet hat. „Ich kann“, schrieb sie damals an ihre Nichte, „diesen miserablen Präsidenten in Lincolns Land der Freiheit nicht begreifen. Aber die meisten stehen auf seiner Seite, weil sie glauben, dass die USA sie vor dem Kommunismus schützen.“ Hannah Ryggen, die 1970 starb, hatte auch im Alter nichts von ihrer klugen Weltsicht verloren.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: Bis zum 12. Januar 2020. www.schirn.de

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