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Habib Yazdi, Still aus dem Video „Somewhere in America“, 2013.

Islamische Kleidertradition

Muslim wirkt wie ein Signalwort

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Ab April zeigt das Frankfurter Museum Angewandte Kunst muslimische Mode. Heftigen Protest gibt es schon vorher. 

Sie muss auf ihre Liste sehen. „45“, liest die Ankleiderin im Frankfurter Museum Angewandte Kunst vor, so viele der 70 Kleiderpuppen tragen eine Kopfbedeckung, 20 davon einen Hijab, die anderen Turbane, Hüte, Hauben. Die Ankleiderin kommt von den Fine Arts Museums of San Francisco. Seit ein paar Tagen packt sie die Exponate der Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“ aus, die aus San Francisco nach Frankfurt kommt, arbeitet sie auf, drapiert sie an die Puppen.

20 Kopftücher im Museum. Dazu Bilder von Bloggerinnen mit Hijab, islamkritische Positionen der Aktivistin Hoda Katebi, Hochglanzfotografien von Models mit Kopftuch, Bilder von Hengameh Golestans, die 1979 Iranerinnen in Teheran fotografierte, die gegen die Zwangsverschleierung protestieren. Und Dutzende Exponate, die überhaupt nichts mit dem Kopftuch zu tun haben. In der Frauenzeitschrift „Emma“ wird trotzdem die „Schleierausstellung“ daraus, in der „Welt“ die „Schau zum Kopftuch“. Und die „FAZ“ missinterpretiert Seiden-Niqabs – kritische Arbeiten des irakisch-stämmigen Künstlers Wesaam Al-Badry – tendenziös zur hübschen Alliteration „bunte Burkas“.

Die Ausstellung im Museum Angewandte Kunst eröffnet erst am 4. April. Noch arbeiten die Ankleiderinnen am Aufbau, noch steht keine Puppe, hängt kein Bild. Heftige Kritik hat das Museum trotzdem seit Wochen erreicht. „Die bildet das komplette politische Spektrum ab“, sagt Kuratorin Mahret Ifeoma Kupka, die gemeinsam mit Direktor Matthias Wagner K die Ausstellung betreut. In vielen Zuschriften sei ersichtlich, welche Texte die Kritikerinnen und Kritiker gelesen hatten, dass sie in politisch aufgeladenen Zeiten eben anspringen auf Begriffe wie „Schleierausstellung“ und „Kopftuch-Schau“. Den Ausstellungsmacherinnen um den damaligen Leiter der Fine Arts Museums of San Francisco, Max Hollein, sei es jedoch um regionale Prägungen der „Modest Fashion“ gegangen, darum, auch jene weltoffenen und selbstbestimmten Arten zu zeigen, in denen muslimische Kleidertraditionen heute gelebt werden.

Terre des Femmes schreibt von der „Kopftuch-Ausstellung“

„Modest Fashion“ – etwa „bescheidene“ Mode – ist zum Schlagwort geworden. Nicht nur in Museen, sondern auch in Modemagazinen. Es beschreibt eine zurückhaltende, bedeckende Art der Bekleidung, die sich zwar mit muslimischen Kleidertraditionen trifft, aber nicht zwingend aus dieser Tradition stammt, nicht von Muslimen, nicht für Muslime gemacht sein muss. „Aspekte des ‚Modest Clothing‘ existieren auch im christlichen oder jüdischen Glauben“, sagt Kupka. Die eigentliche Provokation steckt für viele Kritikerinnen und Kritiker offenbar bereits im Titel. „Wenn die Ausstellung ‚Contemporary Modest Fashions‘ hieße, dann hätte sich vermutlich kaum jemand dazu geäußert“, sagt die Kuratorin. „Ich glaube ‚Muslim‘ wirkt wie ein Signalwort.“

Dass es in der Schau nicht primär um den Hijab geht, sondern um „Modest Fashion“, ist für Inge Bell kein Argument. „Anständige Kleidung“, sagt sie und nutzt damit eine einseitige, schlagwortartige Übersetzung, „da haben wir ja schon einen Kampfbegriff des politischen Islam.“ Inge Bell ist Aktivistin bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die auf Facebook selbst mit Kampfbegriffen jongliert und von der Frankfurter „Kopftuch-Ausstellung“ schreibt. Damit bewegt sich Terre des Femmes gefährlich nah an einem populistischen Sprech, den nicht nur Muslime kritisieren. Die Linken und Linksliberalen etwa hätten „einen sehr liebgewonnenen Antirassismus kultiviert“, sagt Bell. „Da kommt jetzt immer schneller die Keule, man sei rassistisch, islamophob oder rechts.“ Ein Paradox: Bell spricht von einem Totschlagargument, Kritikerinnen und Kritikern wiederum schneidet sie das Wort durch den Vorwurf einer „Rassismus-Keule“ ab. Um ein klärendes Gespräch beim Museum hat Terre des Femmes bisher jedenfalls nicht gebeten.

Statt den direkten Kontakt sucht die Organisation den Weg über die Öffentlichkeit, so wie die Initiative „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“ auch, die sich in einem offenen Brief an Museumsdirektor Wagner K wendet. „Mit dieser Ausstellung ignorieren Sie den Kampf von Frauenrechtlerinnen in islamischen Staaten, die sich gegen den Zwang zu Verschleierung und Verhüllung einsetzen und dafür ihre Freiheit, ihre Unversehrtheit und ihr Leben riskieren“, heißt es darin. Inge Bell stimmt dem zu, obgleich sie sagt: „Ich habe die Ausstellung nicht gesehen.“ Aber: „Die macht Werbung mit einem Kopftuch-Bild.“ Tatsächlich zeigt die Modefotografie auf Postern und Flyern des Museums allerdings eine Frau mit Turban.

„Als Musliminnen in Deutschland sind wir sehr zermürbt, weil wir immer wieder auf die selbe Art und Weise über das Kopftuch diskutieren“, sagt Nabila Bushra. Bushra ist praktizierende Muslimin und studiert Gender Studies in Bielefeld. 2017 wurde sie für ihr Engagement im Kampf um die Rechte der Frau im Islam mit dem Laura-Maria-Bassi-Preis ausgezeichnet, nun organisiert sie mit Mahret Ifeoma Kupka ein Symposium zur umstrittenen Schau.

„Das Kopftuch, das ohnehin nur ein kleiner Teil der Ausstellung ist, wird dort weder als positiv propagiert, noch als negativ dargestellt“, sagt sie, „sondern als Lebensrealität vieler muslimischer Frauen.“ Für sie zeichne die Ausstellung aus, dass sie Raum für unterschiedliche Perspektiven und Gespräche lasse. Mit Kritik noch im Vorfeld der Eröffnung hatte Bushra trotzdem gerechnet. Für sie bilden die Zeitungstexte von Autorinnen und Autoren, die weder die Exponate gesichtet, noch mit einer Kopftuchträgerin über die Schau gesprochen haben, einen starren Diskurs ab: Eurozentrisch und bevormundend, kaum auf Augenhöhe, die weiße Feministin muss gehört, die bedeckte Muslimin gerettet werden. „Kritikerinnen und Kritiker der Ausstellung wollen diese dominanten Diskurse, bestimmte Bilder und Konzepte, die inzwischen unserer komplexen Lebensrealität nicht mehr gerecht werden können, aufrecht erhalten“, sagt Bushra, die in Pakistan geboren wurde.

Ignoriert die Ausstellung den Kampf der Frauen?

Musliminnen, die Kopftuch tragen und sich als aufgeklärte Feministinnen verstehen, werde so der Zugang zu einer Diskussion verwehrt, die sich ohnehin bloß auf emanzipatorische Ideen der 60er und 70er Jahre stützt. „Noch immer gilt die Annahme, dass alles, was mit dem Bedecken des Körpers zu tun hat, antifeministisch, und alles, was mit seiner Enthüllung zu tun hat, feministisch sei“, sagt Bushra. „Von diesen Vorstellungen müssen wir uns verabschieden.“

Im vergangenen Jahr sagte Max Hollein, der Macher der Ausstellung, dem „FAZ Magazin“ zur „Modest Fashion“: „Neue Idole wenden sich gegen sexualisierte Mode. Das hat wiederum Berührungspunkte mit der #MeToo-Debatte.“ Für Inge Bell klingt das wie Hohn. „Wird uns Frauen das, was wir uns in 40 Jahren erkämpft haben, uns freier anzuziehen, uns so zu kleiden, wie wir wollen, wird das jetzt zurückgedreht und mit dem Label ‚sexualisiert‘ versehen?“ Holleins Zitat sei der Inbegriff eines Rückschritts. „Vor einem halben Jahrhundert haben Frauen sich hierzulande mit der Minirock-Bewegung und dem öffentlichen Verbrennen von Büstenhaltern das Recht erstritten, ihren Umgang mit Kleidung frei zu wählen“, heißt es auch im Brief der „Migrantinnen für Säkularität und Selbstbestimmung“.

Muslimische Frauen im Westen, die Jeans und Hijab miteinander kombinieren, muslimische Frauen in Nahost, die ihre Abayas, die langen Überkleider, mit bunten Mustern und verspielten Details tragen – für Inge Bell ist das kein Beweis für eine Weiterentwicklung, für traditionelle Regeln, die weicher ausgelegt, kreativer umgesetzt werden. „Diese Mädchen wollen es einerseits ihrer kollektiv denkenden, vielleicht ultrakonservativen und reaktionären Familie recht machen, ein anständiges Mädchen zu sein, und auf der anderen Seite individuell und westlich leben, schick sein, ihre Schönheit zeigen.“ Eine Parallelität schließt diese Sicht aus, eine Gleichzeitigkeit von Modernität und Islam. Was bleibt, sind nur die einen auf der einen, die anderen auf der anderen Seite, nur die unterdrückte Kopftuchträgerin und die Feministin mit offenem Haar. „Das muslimische Kopftuch wird grundsätzlich nicht freiwillig getragen“, behauptet Bell.

„Ich finde das respektlos“, sagt Heiner Bielefeldt. Die pauschale Aussage, eine Kopftuchträgerin sei Opfer oder Komplizin frauenfeindlicher Strukturen, sei eine Variante von Autoritarismus und nehme den Frauen ihre Stimme. Bielefeldt hat den Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg inne und war sechs Jahre lang Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats. Er erinnert an die repressive Politik, die mit dem Hijab gemacht wird und wurde. An die islamische Revolution im Iran, die die Zwangsbedeckung mit Gewalt einführte – aber eben auch an jene Phasen unter dem Schah von Persien etwa oder Kemal Atatürk, in denen muslimischen Frauen das Kopftuch unter Druck weggenommen wurde. „Auch da haben sich viele Frauen in ihrer Freiheit verletzt gefühlt“, sagt Bielefeldt. „Das war kein Beitrag zur Stärkung der Frau, sondern ein Beitrag zum Zivilisationswechsel, also ein Beitrag dazu, westliche Zivilisation mit staatlichen Mitteln durchzusetzen.“

Braucht es auch einen Raum zu Steinigung und Scharia?

Inge Bell sagt indes, sie sei gar nicht per se gegen eine Ausstellung, die das Kopftuch thematisiere. Nur dürfe diese eben nicht das Hauptaugenmerk auf modische Aspekte legen, sondern müsse die Gewalt in den Fokus setzen, mit der in einigen Regionen der Welt die Bedeckung durchgesetzt wird. Die kritischen Arbeiten in der Schau, die Positionen Hoda Katebis, die Bilder protestierender Iranerinnen, die weiterführenden Texte in der Publikation, das dreitägige Symposium, das die Diskussion öffnen soll, diskreditiert sie als „kleine kosmetische Anstriche“. Und fordert einen übergeordneten Raum zur Darstellung von Steinigung und Scharia, der die muslimische Frau offenbar besser abbildet als Entwürfe und Designs von Musliminnen, die sich im Westen und in Nahost ein eigenes Unternehmen aufgebaut haben. „Wenn es diesen Raum nicht gibt, ist diese Ausstellung für mich nur ein Dolchstoß in den Rücken der Frauen und Mädchen weltweit, die das Kopftuch nicht tragen wollen und sich dieser Lebensgefahr ausgesetzt sehen“, sagt Bell. Und ignoriert einen ganz anderen Dolch im eigenen Gewande.

Wenn eine Ausstellung zu muslimischer Mode ein Schlag in die Gesichter von Millionen von Frauen ist, die ohne Frage unter dem Verschleierungszwang leiden, dann muss die Ignoranz jener Frauen, die sich freiwillig für den Hijab entscheiden, genauso als Fausthieb aufgefasst werden. „Der weibliche Körper ist immer ein Ort, über den Macht ausgeübt wird“, sagt Nabila Bushra. „Zum einen zwischen den Geschlechtern, aber eben auch direkt unter Frauen.“ Eine Frage, die sich stellt, ist also diese: Darf eine Frau ihre Freiheit auch ausleben, indem sie sich bedeckt – oder nur, indem sie den Vorstellungen eines Teils des europäisch-westlichen Feminismus entspricht? Welchen Beitrag „Contemporary Muslim Fashions“ zu dieser Debatte leisten kann, wird vom 4. April an zu sehen sein. Dann sind auch die letzten Kisten ausgepackt, stehen die Puppen, hängen die Bilder, die Ausstellung ist eröffnet. Und mit ihr vielleicht eine endlich konstruktive Diskussion.

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