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Wesaam Al-Badry, „Chanel #VII“ aus der Serie „Al-Kouture“, 2018

„Contemporary Muslim Fashions“

Blick auf eine kontroverse Schau

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Das MAK Frankfurt macht die Vielfalt muslimischer Mode sichtbar. 

Wir müssen einen Umweg über Moskau nehmen. Auch dort wurde die Frankfurter Ausstellung vergangene Woche zum Thema. Zahlreiche Redakteurinnen und Redakteure, von der britischen „Elle“ über die japanische „Harper’s Bazaar“ bis zur indischen „Vogue“, vom „Guardian“ oder der „Washington Post“, waren zur Modewoche nach Russland gereist. Einige haben bereits selbst über „Contemporary Muslim Fashions“ geschrieben, von der Schau gehört haben sie alle. 

Die hitzige Diskussion über die Ausstellung aber, wie sie in Deutschland nicht nur von politischen Akteuren des rechten Spektrums, sondern auch von Fürsprecherinnen eines überholten Altfeminismus dominiert wird, sorgt für Ratlosigkeit. „All white girls, I guess“, sagt die Kolumnistin des „Mumbai Mirror“, Namrata Zakaria, bloß – „alles weiße Frauen, nehme ich an“.

Konservativ-feministisches Lager kolonialisiert Modestil muslimischer Frauen

In der internationalen Mode hat man begriffen, was im konservativ-feministischen Lager Deutschlands noch nicht angekommen ist: In einer freien Gesellschaft ist kein Platz für Stimmen, die die Mündigkeit muslimischer Frauen infrage stellen und so ihre Privatsphäre, ihre Religiosität, ihren Modestil kolonialisieren. In Anbetracht dieser leidigen, eurozentrisch geführten Debatte wirken die Bilder junger muslimischer Bloggerinnen, die nun im Museum Angewandte Kunst ihren Platz gefunden haben, geradezu beschämend auf westliche Besucherinnen und Besucher der Schau.

Die Frauen auf den Fotos aus dem Buch „Modest Street Fashion“ (2014) von Langston Hues etwa, oder dem Band „Young, British & Muslim“ (2012) von Alessia Gammarota – sie brauchen keine Beistand. Sie brauchen keinen Vormund. Sie brauchen nicht die Aufmerksamkeit jener Kritikerinnen und Kritiker, die ihnen verlässlich die Opferrolle zuschreiben. So entfaltet die Ausstellung gerade dort ihre Stärke, wo sie die Lebensrealität vieler muslimischer Frauen dokumentiert, die sich heute aus verschiedenen Gründen für eine bedeckende Bekleidung entscheiden – persönliche Frömmigkeit ist nur einer davon, auch individueller Geschmack oder politisches Statement gehören mittlerweile dazu.

Schau will Facettenreichtum muslimischer Mode zeigen

Dass diese Vielfalt im englischsprachigen Raum viel selbstverständlicher wahrgenommen wird, weiß auch Mahret Ifeoma Kupka. Gemeinsam mit Direktor Matthias Wagner K betreut die Kuratorin die Schau, die als Übernahme aus den Fine Arts Museums of San Francisco nach Frankfurt gekommen ist. In den USA habe es zwar auch Vorbehalte gegeben. „Die Kuratorin der Ausstellung, Jill D’Alessandro, hat uns allerdings erzählt, dass auf der Pressekonferenz auffallend viele kritische und kontroverse Fragen von deutschen Journalisten kamen“, sagt Kupka. „Das hat uns verdeutlicht, dass der Diskurs im deutschsprachigen Raum oder auch in Europa ganz anders gelagert ist als in den USA.“ Aus Frankreich, wo es verschiedene Gesetze gibt, die Kopftuch oder Burkini verbieten, war gleich gar kein Journalist zur Eröffnung gekommen. Dabei hat sich die Schau zur Aufgabe gemacht, erstmals den Facettenreichtum muslimischer Mode zu zeigen, die eben nicht dem menschenrechtswidrigen Verschleierungszwang Folge leisten will, der in einigen Staaten der Welt existiert.

„Die Ausstellung begreift als Muslim Fashion sogenannte ‚Modest Fashion‘“, sagt Kupka. Diese Form der vestimentären Zurückhaltung gebe es aber auch in anderen Religionen. So werden in der „Vogue Arabia“ ganz selbstverständlich Entwürfe muslimischer und jüdischer Marken miteinander kombiniert, und das Jüdische Museum in Berlin initiierte 2017 eine Podiumsdiskussion zum Thema. Mittlerweile ist die Modest Fashion nicht nur zu einem religionsübergreifenden, sondern zu einem religionsunabhängigen, transnationalen Trend geworden. „Meriem Lebdiri vom Mannheimer Label Mizaan, die in der Ausstellung vertreten ist, merkt an den Bestellungen, dass vermehrt auch nichtmuslimische Frauen bei ihr einkaufen“, sagt Kupka. „Frauen ganz egal welcher Religion haben ähnliche Wünsche und Bedürfnisse an die Mode und fühlen sich bei einer Designerin anderen Glaubens verstanden und aufgehoben.“ Das zeige, dass auch über Mode religiöse Grenzen aufgeweicht würden.

Was sich in den Entwürfen an rund 80 Kleiderpuppen, die im Museum durch Videoarbeiten und Fotografien ergänzt werden, ebenso verflüssigt, ist die Trennlinie zwischen traditionellem Handwerk und moderner Formsprache. Eine Symbiose, die gerade Designerinnen und Designer aus Nahost und Südostasien beherrschen, die oftmals von der westlich geprägten Modeindustrie marginalisiert und nun endlich sichtbar werden. Kaum fassbar etwa die Schönheit der Robe „Red Rose“ (2015) aus geprägter Jaquardseide mit Kristallen und Seidenkrinoline des malaysischen Designers Mohd Hafizi Radzi oder das perlfarbene Ensemble (2017) mit stilisierten Feder-Applikationen von Maha Abdul Rasheed aus Kuwait. 

Rebecca Kellett, 2017.

Ein zentraler Aspekt der Ausstellung sind aber auch jene westliche Marken, die mit entsprechenden Linien den äußerst lukrativen Markt für Modest Fashion erreichen wollen, auf dem jährlich etwa 44 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Dass zu den privaten Leihgaben von Sheikha Moza bint Naasser Al Missned, üppigen Roben von Christian Dior oder Jean Paul Gaultier, ein Video läuft, in dem die Unesco-Sonderbeauftrage für Bildung und Ehefrau des ehemaligen Emirs von Katar in prächtigen Kleidern wie eine Heilige zu päpstlichen Privataudienzen schwebt oder bettelarme Kinder in Afrika herzt, wird gerade jene Kritikerinnen und Kritiker bestätigen, die ohnehin hinter jeder Modeausstellung die Abhängigkeit von privaten Gönnern oder der Textilindustrie wähnen. „Eine Ausstellung zeitgenössischer, aktiver Modedesigner wäre ohne deren Unterstützung schlichtweg nicht möglich“, sagt Kupka. Sie würden wegfallen.

Das wäre gerade im Falle von „Contemporary Muslim Fashions“, für dessen Realisierung sowohl in den USA als auch in Frankfurt bewusst auf Geldgeber aus dem Nahen oder Mittleren Osten verzichtet wurde, besonders bedauerlich. Schließlich macht die Schau das Angebot, Klischees zu hinterfragen. Die Initialzündung hatte der damalige Leiter der Fine Arts Museums of San Francisco, Max Hollein, gegeben. „Auf verschiedenen Reisen in muslimisch geprägte Länder hat er festgestellt, dass das, was er dort gesehen hat, nicht mit seinem Stereotyp einer muslimischen Frau zusammenpasst“, sagt Kupka. 

Modest Fashion in einem sportiven Kontext

Erfahrbar wird das etwa in einem eigenen Raum, der sich mit Modest Fashion in einem sportiven Kontext auseinandersetzt. Zu sehen ist unter anderem der Burkini, den die libanesisch-australische Designerin Aheda Zanetti 2004 erfand, oder der „Pro Hijab“ (2017) von Nike. „In Kombination mit dem gezielten Sponsoring muslimischer Athletinnen wie der Säbelfechterin Ibtihaj Muhammad oder der Boxerin Zeina Nassar knüpfte sich daran letztlich auch eine politische Botschaft, über die Sichtbarkeit geschaffen wurde“, sagt Kupka. So dokumentieren gerade die Exponate aus dem Sportbereich, wie muslimische Frauen strenge Auslegungen des Islams zunehmend hinterfragen und sich einen Platz in allen Lebensbereichen erstreiten, ohne dabei ihre religiösen Überzeugungen aufgeben zu müssen. Kleidliche Vorstellungen übrigens, die in anderer Form auch für gläubige Männer gelten. So muss als einer der größten Kritikpunkte an „Contemporary Muslim Fashions“ gelten, dass sie muslimische Mode auf das weibliche Geschlecht beschränkt.

Auch an anderen Stellen geht die Kontextualisierung nicht ausreichend in die Tiefe. An wieder anderen eklatanten Punkten macht die Schau kritische Perspektiven klar und eindeutig lesbar. Die berührende Videoarbeit „Turbulent“ (1998) Shirin Neshats etwa erinnert daran, dass es Frauen im Iran nach der Islamischen Revolution nicht mehr erlaubt war, öffentlich zu singen: Auf einem Bildschirm trägt ein Mann vor großem Publikum ein sehnsuchtsvolles Lied vor, auf dem Bildschirm gegenüber summt eine Frau von einem Tschador verhüllt kaum hörbar ihre Melodie vor menschenleeren Sitzreihen. Besonders wirkungsvoll zeigt sich auch die Bilderserie „Al-Kouture“ (2017) Wesaam Al-Badrys, die gerade vis-à-vis üppiger Roben positioniert ihre volle Kraft entfalten. Aus seidenen Schals von Gucci, Chanel oder Fendi ließ der irakisch-stämmige Künstler Niqabs nähen, die er an Frauen fotografierte. So blickt die Serie nicht nur skeptisch auf die Gesichtsschleier selbst, die ihren Ursprung in der Beduinenkultur haben, sondern auch auf die westliche Kommerzialisierung orientaler Traditionen.

Inszenierung verherrlicht Unterdrückung der Frau? Eine Legende

Rein modisch lässt sich die Schau, zu dessen Etablierung in Frankfurt etwa Antidiskriminierungsworkshops mit Mitarbeitern oder Beratungsgespräche mit der Bildungsstätte Anne Frank durchgeführt wurden, nicht betrachten. Ob das Thema zu komplex, zu groß ist für eine Modeausstellung, ist auch eine Frage der persönlichen Perspektive. Dass durch die Inszenierung der radikale Islam allerdings gestärkt und die Unterdrückung der Frau verherrlicht würden, ist eine Legende, der sich nahtlos einreiht in die krude Behauptung einer „Islamisierung des Abendlandes“. „Dies ist eine Ausstellung über etwas, das existiert, und nicht über etwas, das herbeigesehnt wird“, sagt Frankfurts Kulturdezernentin, Ina Hartwig, zur Eröffnung am Donnerstagabend. Und: „Ein Bikini ist genauso wenig Ausdruck der Demokratie, wie sie ein Burkini zum Einsturz bringen könnte.“

Auf einer der Modenschauen in Moskau übrigens gab es auch eine Kollektion der Modest Fashion zu sehen. Besucht und besprochen wurde sie ganz selbstverständlich von muslimischen Frauen und der internationalen Modepresse gemeinsam. Es war eine großartige Show.

Museum Angewandte Kunst, Frankfurt, bis 15. September, Symposium vom 12. bis 14. April. 

Terre des Femmes: Jetzt wird’s persönlich

Dass sie für Terre des Femmes sprechen will, machte Inge Bell im Interview mit der FR nur allzu deutlich. Bleibt nur zu hoffen, dass sie im Nachgang zum Text „Muslim wirkt wie ein Signalwort“ (FR, 23. März) ganz unabhängig von der renommierten Frauenrechtsorganisation agierte. Nicht nur, dass Bell, die seit 2017 zweite Vorsitzende von Terre des Femmes ist, den Artikel, der verschiedene Perspektiven auf eine Frankfurter Ausstellung abbildet und diese im Sinne der Meinungsfreiheit kritisch einordnet, auf der Facebookseite der FR zu einem ‚geplanten Feldzug’ gegen ihre Person stilisierte. 

Sie ging sodann dazu über, auf die private Facebookseite des FR-Autors zu posten, der auch diese Zeilen schreibt. Dabei beließ sie es nicht bei dem Vorwurf, „nicht gründlich recherchiert“ zu haben, was ob des etwa einstündigen Interviews, das Bell zur finalen Freigabe vorlag, absurd genug erscheint. Sie attestierte ihrem nunmehr offenbar zum Kontrahenten gewordenen Gegenüber „so viel Bitterkeit“ und eine schlechte „Kinderstube“, während sie selbst auf private Emails anspielte, die eigentlich für den direkten Kontakt zwischen Interviewter und Interviewer gedacht waren. 

Als kleines Schmankerl zitierte Bell gleich mehrmals den Kulturblog „Perlentaucher“, der den Autorennamen durch den Zusatz „Dandy“ ergänzte und mit einem etwa zehn Jahre alten Modevideo hinterlegte. Ob „Dandy“ den persönlichen Stil oder gar die sexuelle Orientierung des Autors umschreiben soll, und was das eine oder das andere mit einem Text über muslimische Mode zu tun haben könnte, bleibt offen. Genauso offen wie die Anfrage an Bell zu einem weiteren Statement. Kommen wird das vermutlich trotzdem. Wahrscheinlich auf Facebook.

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