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Der Luma-Turm in Arles.
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Der Luma-Turm in Arles.

Museum Luma in Arles

Museum Luma: Die Turmbauerin zu Arles

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Die Pharmaerbin Maja Hoffmann schenkt dem französischen Arles ein pharaonisches Kunstzentrum. Das neue Wahrzeichen der Camargue stößt allerdings nicht bei allen auf Anklang.

Wer heute durch die Camargue fährt, staunt nicht mehr über die wilden Pferde, die Stiere und die Bewässerungskanäle der Reisfelder. Auf der Fahrt nach Arles wird der Blick neuerdings von einem glitzernden Ungetüm angezogen, das sich am flachen Horizont aus dem Dunst schält. Beim Näherkommen erweist sich, dass es die malerischen Dächer der regionalen Metropole überragt. Es ist ein Turm, 56 Meter hoch und fast ebenso breit; futuristisch, lichtspiegelnd, emporgewachsen aus topfbodenebenem Land – ein absoluter Kontrapunkt zur antiken mediterranen Stadt. Ein Markstein, gemacht, um unübersehbar zu sein.

Angekommen in Arles, wo das wuchtige Bauwerk immer imposanter, höher geworden ist und sich als Teil eines riesigen Bau- und Parkgeländes erwiesen hat, drängt sich die erstaunlichste Erkenntnis auf: Dieses kühne und – sagen wir es – höchst unbescheidene Ensemble hier im Süden Frankreichs stammt von einer Auswärtigen.

Auch wenn Maja Hoffmann, gebürtige Schweizerin und Erbin des Basler Pharmakonzerns Roche, seit ihrer Kindheit in Arles lebt und arbeitet. Ihr Vater Hans Lukas Hoffmann – Enkel des Roche-Gründers und Verwaltungsratsmitglied, später Zoologe und Philanthrop – war mit seiner Familie zu ornithologischen Feldstudien in die Camargue gezogen, weshalb Maja großenteils in Arles aufwuchs. Dort wurde sie über die Jahre zu einer bestimmenden Figur der lokalen Kulturszene. Heute ist sie eine international bekannte Förderin zeitgenössischer Kunst.

In Arles schafft sie in einem Außenviertel seit mehr als zehn Jahren ein Kunst- und Kulturzentrum namens „Luma“. Im Juni wurde das Kernstück, der vom US-Architekten Frank Gehry gezeichnete, aus 11 000 Aluminiumboxen gebildete Turm, offiziell eröffnet. Während des Sommers konnten Besucher aus nah und fern erstmals das elf Hektar große Gelände besichtigen, auf dem die französische Eisenbahn SNCF früher Lokomotiven repariert hatte. Hoffmann nennt das Ensemble einen „Creative Campus“. Publikumsmagnet ist die Hauptgalerie mit ihrer eigenen Sammlung, darunter Installationen von Urs Fischer, Etel Adnan, Fischli/Weiss oder Fotografien von Diane Arbus und Annie Leibovitz.

Als eines der größten privat finanzierten Kunstzentren geht „Luma“ aber viel weiter. Einzelne Künstler erhalten Wohnungen im Gehry-Turm, um ihre Werke vor Ort zu schaffen. Der sich drehende Dachspiegel von Olafur Elíasson ist zum Beispiel gleich in das Gebäude integriert.

Dazu kommen Galerien, Tagungsräume und „lebende Archive“, umgeben von einem immensen Park, der auch eine Einladung an die 54 000 Einwohner der Stadt darstellt. Hoffmann gibt sich undogmatisch, ja volksnah: Die Koreanerin Koo Jeong A hat für sie einen Skatepark geschaffen, der Deutsche Carsten Höller eine als Kunstwerk getarnte Doppelrutschbahn im Inneren des Turms. Das Kreischen der Kinder wird dort nur übertönt von einer regelmäßig vorgetragenen Laut- und Gesangs-Performance dreier Frauen des Empfangspersonal.

Bei einer ersten Besichtigung im August drängten sich Anwohnerinnen und Anwohner allerdings noch nicht in den generösen Gartenanlagen. In der Avenue Victor Hugo sagt ein junger Passant naserümpfend, die Turm-skulptur erinnere ihn an eine zerknüllte Blechdose. „Für ein neues Wahrzeichen der Stadt ist es ziemlich hässlich, finden Sie nicht?“, so der im Ort geborene Maurer. Gewiss schaffe das Projekt auch Arbeitsplätze. Dass die altrömische Stadt mit ihrem intakten Amphitheater plötzlich von einem klotzigen Kunstwerk dominiert werde, störe aber viele, meint der Mann, der seinen Namen nicht nennen will.

Vielleicht, weil Maja Hoffmann in der Stadt heute viel Einfluss hat? Die Lebenspartnerin des amerikanischen Filmproduzenten Stanley Buchthal leitete vor „Luma“ schon die lokale Van-Gogh-Stiftung, die aus dem 15-monatigen Aufenthalt des holländischen Malers ab 1888 hervorgegangen ist; auch sitzt sie im Verwaltungsrat der „Rencontres d’Arles“, des weltberühmten Fotofestivals. Besucherinnen und Besucher bewirtet und beherbergt sie ferner in zwei Hotels und zwei Restaurants, die sie im Verlauf der Jahre übernommen hat.

In Arles kommt niemand mehr an Maja Hoffmann vorbei. Bei ihrem Luma-Projekt erteilte sie auch dem früheren Staatspräsidenten François Hollande eine Abfuhr, als dieser eine staatliche Subvention vorschlug. Die stämmige, weltläufige Baslerin schultert die auf bis zu 200 Millionen Euro geschätzten Gesamtkosten lieber selber. Dass es ihr Projekt ist, zeigt sich schon darin, dass es nach den Vornamen ihrer beiden Kinder Lukas und Marina benannt ist.

„Maja Hoffmann hat etwas Imperiales“, so der langjährige Ex-Vorsteher der Region Provence, Michel Vauzelle, ohne jede Ironie zum TV-Sender France-3. „Sie weiß, was sie will. Und das setzt sie auch durch.“ Der lokale PR-Agent Christophe Cachera drückt sich milder aus: „Maja Hoffmann denkt oft zwanzig oder dreißig Jahre voraus. Deshalb verstehen sie viele Leute nicht.“

Im Café „Davidoff“ unweit vom Luma-Eingang entfernt findet der Barmann auch lobende Worte: „Viele Leute stören sich an ihrer Dominanz. Aber ich muss sagen, bei den Versammlungen der lokalen Hoteliers wirkt sie einfach und sympathisch. Niemand kann bestreiten, dass sie neues Leben in die Stadt bringt.“

Betonung auf neu: Im schmucken Stadtkern mit seinen engen Gässchen und mediterranen Düften mehren sich die Kunstgalerien, Bioläden und Hipsterbars. Urbane Trends mischen sich in die provenzalischen Traditionen dieser gut erhaltenen antiken Stadt, die noch heute dem Stierkampf frönt – die nächste Feria beginnt am 11. September. Auf dem berühmten römischen Gräberfeld von Arles, den Alyscamps, organisierte Gucci letzthin eine Modenschau. Und jetzt drückt Gehrys Aluturm der Stadt seinen Stempel auf.

Hoffmann – die für Interviews nicht zur Verfügung steht – versucht auf vielfältige Weise, das neue in das alte Arles zu integrieren. Der runde Sockelbau des Luma-Haupttrakts erinnert ihr zufolge an das perfekt erhaltene Amphitheater der Stadt. Allerdings höchstens aus der Vogelperspektive.

Überzeugender ist – wie meist – Hoffmanns finanzielles Argument. Der Oppositionspolitiker Mohamed Rafaï gesteht freimütig ein, dass die Schweizer Mäzenin dem deindustrialisierten, mittellosen Arles Impulse gebe, die sich die Stadt mit einer Arbeitslosenquote von mehr als zehn Prozent selber gar nicht leisten könnte. Andere Lokalpolitiker erinnern an das Beispiel der baskischen Provinzstadt Bilbao, der das spektakuläre – ebenfalls von Gehry entworfene – Guggenheim-Museum zu einem Aufschwung verholfen hat.

Die Kommentare zu dem neuesten Kunstbau in Arles fallen allerdings weniger enthusiastisch aus als 1997 in Bilbao. Aber vielleicht ist Maja Hoffmann ihrer Zeit wirklich ein paar Jahrzehnte voraus. So wie schon ihr Vater Hans Lukas Hoffmann zu den ersten großen Naturschützern Europas gezählt hatte. Der WWF-Mitgründer starb 2016 in Arles, ohne die Fertigstellung des Luma-Turms in seiner Lieblingsstadt noch erleben zu können. Im Einführungsvideo für die Luma-Besucher erzählt Tochter Maja, dass sie, wenn sie auf den Turm steige, am Horizont stets das Meer suche. Es ist zwar 30 Kilometer von Arles entfernt. Aber für eine Hoffmann ist nichts außer Reichweite.

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