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Camille Pissarro: „Raureif, eine junge Bäuerin macht Feuer“, 1888.

Impressionismus

Der Widerschein von Blau und Licht

  • vonIngeborg Ruthe
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Das Museum Barberini in Potsdam hat seine bereits exquisite Impressionismus-Sammlung um mehr als 100 Gemälde erweitern können.

Spiegelungen auf der Wasseroberfläche, Blumenwiesen, Berghänge mit Zedern, Felswände am Mittelmeer, Pariser Boulevards. Und Schnee auf den Feldern der Normandie. Der erste Eindruck entscheidet. In flüchtigen Momentaufnahmen lösen sich Gegenstände und Gestalten in Licht auf, übertragen sich in Formen und Farben. Man spürt förmlich den Wind auf der Haut beim Anblick der Segelboote bei der Seine-Regatta.

Der Sammler dieser Gemälde ist passionierter Segler. Naheliegend, warum Sammler Hasso Plattner diese Motive seit 20 Jahren auf Auktionen erstand. Der Gründer des Museums Barberini ist seit Jahren ein Liebhaber der Impressionisten und deren Nachfolger, der Pointillisten mit ihrem farbpunktartigen, geometrisch-ornamental durchkomponierten Bildaufbau sowie der Fauves, der „Wilden“, der Vorgänger des französischen Expressionismus. „Die Impressionisten beziehen uns Betrachter unmittelbar mit ein. Sie sind Kommunikationsgenies“, erklärt Plattner seine Leidenschaft für diesen Stil.

Im Impressionismus sind Schatten statt traditionell schwarz und grau, in Rot, Grün und Blau gemalt. Der Wandel der Tages- und Jahreszeiten ist, je nach Stimmung und Atmosphäre, farblich frei wiedergegeben. Und die Dinge wurden in kleinsten Flecken, Punkten, Strichen zu schwebenden Gewebeflächen verknüpft. Heutzutage, wo die alte Königsdisziplin Malerei viele Verstörungen und Demontagen überlebt hat, gilt der Impressionismus als Kunst für Schönheitssucher. Für Bilderhungrige und Liebhaber des Sublimem. Wir können sehen, wie revolutionär dieser vom Akademismus abtrünnige Stil war, verzichtete er doch auf historische und ideologische Bildinhalte. Die Maler verließen ihre Ateliers, gingen mit Staffeleien und den nunmehr käuflichen Farbtuben in die lichtüberflutete Natur.

Soeben überließ Plattner dem Barberini mehr als 100 Gemälde der französischen Lichtmalerei als Dauerleihgabe. Darunter sind nicht weniger als 34 Monets, darunter der „Getreideschober“ von 1890, ein Motiv aus der berühmten, geradezu konzeptionellen Serie der „Heuhaufen“. Der Sammler ersteigerte auch ein Themse-Schiffsmotiv von Berthe Morisot, der einzigen Frau im Impressionisten-Zirkel. Und kürzlich einen völlig ungewöhnlichen Picasso von 1901. Diese Boulevard-Clichy-Ansicht ist eine Rarität. Denn bald darauf begann die Blaue Periode des Spaniers, nie wieder seitdem malte er impressionistisch.

Das Museum könnte zu einem Wallfahrtsort für Impressionismus-Fans werden. Außerhalb von Paris sind fortan nirgendwo in Europa noch mehr (Landschafts-)Bilder dieses Stils an einem Ort versammelt und ebenso einzigartig in Deutschland ist der Bestand der Gemälde von Caillebotte, Cézanne, Pissarro, Signac, Sisley, Renoir, Manet oder dem „Wilden“ Vlaminck. Und mehr Monet-Gemälde als im Barberini gibt es somit nur in Paris auf einem Fleck zu sehen.

Potsdam hält nun, nach Paris, Chicago und Washington D.C., eine der erlesensten Impressionisten-Kollektionen bereit. In acht Sälen wird Kunstgeschichte erzählt: Boote und Dampfschiffe auf der Seine, Paris und seine Boulevards, Kaffeehäuser und Parks, Landschaft in einem neuen Realismus: Kornfelder, Feldwege, Pappelreihen, Heuschober. Die Impressionisten, gerade Monet, nahmen das Agrarland Frankreich ganz anders wahr als die harten, pragmatischen Landleute. Und es waren die rauen Küsten der Bretagne und Normandie, die ruppigen Häfen und auch die Küsten Europas, von England über Venedig bis zur Campagna, die von den Pariser Malern in lichtüberflutete oder geheimnisvoll dunstige Kunst verwandelt wurden.

Ein großer Saal ist den Künstlergärten gewidmet. Monet mit seinen japanisch angehauchten Seerosenteichen und Caillebottes exotische Pflanzen wetteiferten geradezu in ihrer Vorliebe für die Flora im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten. Und wie geblendet vom Weiß steht man im Raum der eisigen Winterlandschaften, die in unseren Breiten durch die Klimaveränderung und ausbleibenden Schnee und Frost zunehmend zu einem Leuchten der Erinnerung werden. Maler wie Sisley thematisierten allerdings nicht mehr das Heroische dieser Jahreszeit, wenn sie bei Minusgraden „vor der Natur“ malten. Ihnen ging es um die visuelle Verschränkung von Himmel und Erde, dem Widerschein von Blau und Sonnenlicht. Reflektionen im Schnee werden zu fast abstrakter Malerei.

Der Epilog des Rundgangs schließlich zeigt eine radikal neue Variante des Impressionismus um das Jahr 1905 herum, sozusagen schon den Übergang zum Expression. Die „Fauves“ (Wilde) um Vlaminck und Derain, zu denen dann auch Cross und Matisse zählten, lösten sich damals vom impressiven und pointillistischen Stil, wählten eine flächige farbintensive Malerei, wie sie auch für die deutschen Expressionistengruppen „Blauer Reiter“ und „Brücke“ typisch ist.

Die Fauves experimentierten zudem bereits mit der Zergliederung der Form, das war die Überleitung zum Kubismus. So wird im Museum Barberini avantgardistische Kunstgeschichte weitererzählt. Und im November gibt es in einer Sonderschau einen spannenden Dialog – mit „Impressionismus in Russland“, darunter auch mit dem legendären Maler Ilja Repin.

Museum Barberini, Potsdam: bis auf weiteres als Dauerausstellung. www.museum-barberini.com

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