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Buddhafiguren aus Speckstein.
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Buddhafiguren aus Speckstein.

Provenienz

Museen & Herkunft von Objekten: Der neue Blick auf alte „Seemannsmitbringsel“

  • VonAndreas Förster
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Ostfriesische Museen fragen nach der Herkunft ihrer chinesischen Schätze.

Westrhauderfehn hat ein eigenes Schifffahrtsmuseum, obwohl die kleine ostfriesische Stadt gut 60 Kilometer von der Nordseeküste entfernt liegt. Aber in den vergangenen Jahrhunderten gab es hier mehrere Werften, die Transportsegler bauten. Zudem reisten zahlreiche Männer aus dem Ort als Seeleute und Kapitäne auf den Meeren und brachten Souvenirs und Erinnerungsstücke aus aller Welt mit nach Hause. Viele dieser Mitbringsel sind später dem Museum in Westrhauderfehn übereignet worden, das sich auf seiner Internetseite dieser „eindrucksvollen Sammlung“ rühmt.

Aber diese Sammlung könnte sich möglicherweise auch als problematisch entpuppen, wenn einige dieser „Seemannsmitbringsel“ als Kriegsbeute oder Plünderungsgut aus damaligen deutschen Kolonien nach Ostfriesland gelangt sein sollten. Denn auch kleine Regionalmuseen wie das in Westrhauderfehn stellen sich inzwischen die Frage, welche ihrer Exponate sind einstmals rechtmäßig erworben worden und welche wurden geraubt.

Museumsleiter Marcus Neumann spricht von vorerst 60 „Verdachtsobjekten“. Diese Stücke waren um 1900 herum von Seeleuten aus China mitgebracht worden, wo das deutsche Kaiserreich die Region Kiautschou um die Hauptstadt Tsingtau von China gepachtet und faktisch als Kolonie verwaltet hatte. Einige der „Verdachtsobjekte“, darunter Plastiken aus Speckstein, Elfenbeinschnitzereien, Seidenstickereien und Porzellanvasen, stammen zudem aus der Zeit des brutalen Boxerkrieges, in dessen Verlauf westliche Kolonialsoldaten – darunter auch deutsche – Morde, Plünderungen und Vergewaltigungen begingen. „Die Herkunft unserer aus China stammenden Objekte muss vor diesem Hintergrund dringend erforscht werden“, sagt Neumann.

Das Museum in Westrhauderfehn hat sich daher mit drei anderen kleinen ostfriesischen Museen – dem Deutschen Sielhafenmuseum Carolinensiel, der Naturforschenden Gesellschaft zu Emden und dem Ostfriesischen Teemuseum in Norden – zusammengetan, um in einem gemeinsamen Forschungsprojekt die Provenienz der aus der Kolonialzeit stammenden chinesischen Exponate in ihren Sammlungen zu untersuchen. In Carolinensiel etwa betrifft das die 300 Objekte umfassende ostasiatische Sammlung, unter der sich auch die Nachlässe zweier in Tsingtau stationierter deutscher Seesoldaten befinden. Die Familien der Männer hatten dem Museum unter anderem Möbel, Teegeschirr, Alltagsgegenstände und eine wertvolle Porzellanschale aus Tsingtau überlassen.

Auf Kontaktsuche

In Emden will man die Provenienzgeschichte von 65 Exponaten erforschen, die Seeleute und Kolonialbeamte aus China mitbrachten. Dazu gehören etwa religiöse Plastiken, Schmuck, eine hölzerne Mondlaute und ein aus Menschenhaar geflochtener Zopf. Das Teemuseum in Norden schließlich konzentriert sich darauf, die ursprüngliche Herkunft von rund 100 Objekten aus der Asiatika-Sammlung wie Teegerätschaften und Teeporzellan aus China zu untersuchen, die ab Mitte der 1980er über den Kunsthandel ins Museum gelangten.

Finanziell unterstützt wird das auf zwölf Monate angelegte Projekt durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, das vor zwei Jahren den Fachbereich „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ geschaffen hat. Er fördert Forschungsprojekte zur Herkunft solcher kritischen Sammlungsbestände. Mit der Provenienzrecherche in den Museen wurde das Berliner Forschungsinstitut Facts & Files beauftragt.

„Wir müssen herausfinden, bei welchen der Verdachtsobjekte handelt es sich um normale Handelsware, die damals rechtmäßig in China erworben wurde, und was war Raubgut oder Kriegsbeute“, sagt Hajo Frölich von Facts & Files. Die in den Museen vorhandenen Dokumentationen seien nur bedingt aussagekräftig. Zwar seien alle zu untersuchenden Sammlungsobjekte inventarisiert und beschrieben, auch gebe es zum Teil Angaben zu den Erwerbsumständen der Stifter. „Dennoch aber lässt sich eine solche Recherche nur im geschichtlichen Kontext durchführen, weshalb wir bei diesem Projekt eng zusammenarbeiten mit chinesischen Wissenschaftlern, die sich mit der deutschen Kolonialgeschichte in Kiautschou beschäftigen“, so Frölich.

Die Ergebnisse sollen im November in einer öffentlichen Veranstaltung in Aurich vorgestellt werden. Außerdem sollen Objekte, die als Raub- oder Beutegut identifiziert werden konnten oder deren Herkunft weiterhin unklar bleibt, in die Datenbank des DZK und in die niedersächsische Verbunddatenbank Paese für postkoloniale Provenienzforschung eingespeist werden. „In dem Forschungsprojekt geht es aber auch nicht zuletzt darum, Kontakte zu Herkunftsgesellschaften und im Idealfall zu Nachfolgern von Objekteigentümern herzustellen“, so Rico Mecklenburg, Präsident des Kommunalverbandes Ostfriesische Landschaft. Er stellt weitere Forschungsvorhaben zur Kolonialkunst in seiner Region in Aussicht. „In den kommenden Jahren können wir uns weitere Projekte mit ostfriesischen Museen vorstellen, etwa zu anderen deutschen Kolonien in Afrika oder Ozeanien“.

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