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Aus der Videoarbeit "Road to Tate Modern" von Sener Özmen und Erkan Özgen.

Ausstellung kurdischer Kunst

Mit dem Muli in die Moderne

Eine Ausstellung in Berlin zeigt, warum es nicht einfach ist, die Welt in 90 Tagen zu retten: Vertreten ist eine kurdische Künstlergruppe aus der Provinz Diyarbakir, die in der Türkei nur "der Osten" heißt. Von Mely Kiyak

Von Mely Kiyak

Von Europa aus betrachtet, ist Diyarbakir eine arme Provinz. Sie liegt im Südosten der Türkei, und der gleichnamige Ort wird von den Kurden als heimliche Hauptstadt gehandelt. Diyarbakir ist der Gradmesser des seit Jahrzehnten andauernden Konfliktes zwischen der türkischen Regierung und der mehrheitlich kurdisch-sunnitischen Bevölkerung.

Diyarbakir taucht in den Meldungen der in- und ausländischen Presse in den Überschriften zumeist mit den Worten Terror, Tote, PKK, Rebellen oder Aufstand auf. Diyarbakir teilt das Land in Kurden und Türken. Beide Hälften kennen sich nicht. Niemand fährt freiwillig in den Osten, und wer die Möglichkeit hat, in den Westteil der Türkei zu reisen, der geht für immer.

Wer wissen will, wie es um die Türkei wirklich steht, der schaue also auf die Millionenmetropole am Tigrisufer; denn dahinter befindet sich ein Gebiet, aus dem in den letzten zwanzig Jahren fast drei Millionen Menschen westwärts gewandert sind. Es handelt sich um einen Landstrich, der im Türkischen "der Osten" genannt wird, in dem im gleichen Zeitraum mehr als 3000 Dörfer durch die türkische Armee zerstört worden sind und 40.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Der Osten Anatoliens dient, wie in Europa so auch im Westen der Türkei, als Synonym für archaische Rückständigkeit.

Unbekannte kurdische Kunst

Man muss das alles wissen, wenn man sich in Berlin auf den Weg zur Galerie Tanas macht. Gerade zu dieser Jahreszeit, wenn man hinter dem Hauptbahnhof die Heidestraße entlang läuft, kriegt man ein Diyarbakir-Feeling. Hinter tristen, unsanierten Fassaden einer teilweise unasphaltierten Niemandsgegend betreut René Block Tanas, die Galerie für zeitgenössische türkische Kunst.

Der erfolgreiche Kurator, der fast zehn Jahre lang künstlerischer Leiter der Kunsthalle Fridericianum in Kassel war und einst Größen wie Gerhard Richter, Sigmar Polke und Joseph Beuys entdeckte und ausstellte, widmet sich seit einiger Zeit der im westlichen Kunstbetrieb nahezu unbekannten türkischen Kunstszene. In der aktuellen Ausstellung, "Nicht einfach, die Welt in 90 Tagen zu retten", kuratiert Block zehn kurdischstämmige Künstler aus der Türkei und dem Ausland.

Eine herausragende Rolle spielt dabei eine Gruppe aus Diyarbakir, die aus 40 Künstlern besteht, von denen in der Berliner Gruppenausstellung vier vertreten sind. Die bloße Existenz dieser Kunstschaffenden ist deshalb spektakulär, weil es ohne Kontakte und Geld fast unmöglich ist, in einem Land ohne nennenswerte staatliche Kulturförderung künstlerisch tätig zu sein.

Sener Özmen und Erkan Özgen greifen genau diesen Gedanken der Unüberwindbarkeit von lokaler und sozialer Herkunft in ihrer Arbeit "Road to Tate Modern" auf. In ihrer Videoarbeit sieht man die beiden Männer im Anzug auf Eseln gemächlich durch die Steppe reiten. Einem vorbeigehenden Bauern fragen sie nach dem Weg zur Tate Modern. Erstaunlicherweise weiß dieser Bescheid: "Bis vor zum Berg und dahinter links". Man sieht den beiden Reitern an, dass sie den Blickkontakt zueinander vermeiden, um nicht loszulachen. "Ist der Weg lang?", hakt Özmen nach. "Ja sicher", weiß der Bauer, "allein bis zum Berg dauert es schon eine Weile."

Globalisierung in der Türkei

Gemeinsam mit Fikret Atay und Cengiz Tekin sind sie zu Gast in Berlin. Die Vier sind miteinander befreundet, und wenn sie nicht gerade zur documenta, Manifesta oder irgendeiner Biennale eingeladen sind, verdienen sie ihr Geld als Lehrer, engagieren sich im Kunstverein Diyarbakir oder hinterfragen die Zustände. Ihre Kunst beschäftigt sich mit den Konsequenzen einer zunehmend globalisierten Türkei, die zeitgleich um die Idee einer Identität als Einheitsstaat mit einer Sprache, einer Religion und einer Kultur ringt, weil sie laut Verfassung existiert und als modern zu betrachten ist, und den Widerständen dagegen.

Was bedeutet es, in Diyarbakir ein Kind zu sein? Was passiert, wenn ein Kurde und ein Türke gemeinsam in der Wildnis aufeinander treffen? Was tun sie an einer Kreuzung? Und wie kann man in der einen Hälfte des Wohnzimmers auf dem Sofa sitzen und gedankenverloren ruhen, während in der anderen Hälfte ein Bauarbeiter in aller Seelenruhe ein Loch gräbt. "Normalizasyon" nennt Cengiz Tekin diesen Vorgang, der stellvertretend für viele Gräben steht.

Um von Menschen zu erzählen, die bislang nur zu politischen Manipulationszwecken ins Zentrum gerückt wurden und ansonsten am Rand der öffentlichen Wahrnehmung lebten, muss man selbst in der Peripherie leben, um mitten unter ihnen zu sein. Ob damit Weltrettung naht, ist nicht gewiss, wohl aber Kenntnis der Verhältnisse.

Galerie Tanas, Berlin: bis 13. März. www.tanasberlin.de

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