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Käthe-Kollwitz-Haus im Rüdenhof Moritzburg.
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Käthe-Kollwitz-Haus im Rüdenhof Moritzburg.

Käthe-Kollwitz-Haus

Moritzburg: Wo Käthe Kollwitz nur noch die Wolken zählte

  • vonIngeborg Ruthe
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Der Sterbeort der großen deutschen Grafikerin und Bildhauerin in Moritzburg bei Dresden ist gerade noch der Schließung entgangen. Doch die Zukunft ist keineswegs gesichert.

Ein ungewöhnlicher Lebensweg ging am 22. April 1945 in dem alten Türmchenhaus am Rande des Moritzburger Schlossteiches, nahe dem völlig zerbombten Dresden, zu Ende. Hier starb die Zeichnerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz 17 Tage vor der Kapitulation Hitlerdeutschlands. Getrennt von der Familie und von ihren von den Nazis verfemten Bildwerken.

Die bescheidenen Stuben unterm Dach des Rüdenhofes nahe dem Schloss Moritzburg, wo einst Sachsenkönig August der Starke und seine Nachkommenschaft die Hunde für die Jagd in den umgebenden Wäldern hielten, waren der altersgebrechlichen Käthe Kollwitz‘ letztes Domizil. Ihr Fluchtort vor den Bomben und der inneren Emigration am Ende des NS-Terrors.

Hier im Rüdenhof von Moritzburg hat Käthe Kollwitz keine Kunst mehr gemacht

Hier hat sie keine Kunst mehr gemacht. Körperkraft und das Augenlicht nahmen rapide ab. Doch sie beobachtete stundenlang die vom Aprilwind gejagten Wolken überm Teich, da, wo die Brücke-Expressionisten einst ihre freien, wilden Akte malten. Enkelin Jutta Kollwitz (Gründerin des Kölner Käthe-Kollwitz-Museums) erzählt in ihren Aufzeichnungen davon.

Aus der Moritzburger Zeit ab 1944 gibt es von der Kollwitz keine Tagebuchnotizen mehr. Die letzte stammt vom 7. Mai 1943. Sie war in Berlin ausgebombt und nach Nordhausen in Thüringen geflohen; ein bezeichnendes Bekenntnis: „Goethe an Lavater 1779: ‚Aber unsere partikularen Religionen wollen wir ungehudelt lassen. Ich bin aus der Wahrheit der fünf Sinne‘.“

Käthe Kollwitz, deren Zeichnungen der Kaiser „Rinnsteinkunst“ nannte

Seit dem 22. April 1995 wird im Moritzburger Rüdenhof, dem einzig erhalten gebliebenen authentischen Aufenthaltsort, Kollwitz’ bewegende Biografie lebendig gehalten. Originale Grafiken, Plastiken, Fotos, Briefe vermitteln viel vom Wesen dieser aus Königsberg stammenden, in Berlin zu einer der wichtigsten deutschen Künstlerinnen und Kriegsgegnerinnen gereiften Frau, deren Zeichnungen einst Kaiser Wilhelm als „Rinnsteinkunst“ beschimpfte. Die Frau des Armenarztes Karl Kollwitz brachte ihr humanistisches Credo in die Preußische Akademie der Künste ein. Sie war Weggefährtin von Ernst Barlach und Max Liebermann.

Aber noch ist der – finanzielle – Fortbestand der Gedenkstätte nach 2021 weitgehend ungeklärt, auch wenn die Fraktion Die Linke des Sächsischen Landtages zumindest die Finanzen bis Jahresende mit zähen Debatten und Hilfe einer deutschland- und sogar europaweiten Petition, organisiert vom Haus der Demokratie Berlin, durchgesetzt hat. Der Landkreis und die über viel zu knappe Mittel klagende Gemeinde Moritzburg wollten die Förderung für 2021 einstellen.

Als Grund wurden die versiegenden regionalen Steuereinnahmen durch die Corona-Pandemie und protektionistische Einwände, vor allem seitens einiger AfD- und CDU-Politiker, angeführt: Käthe Kollwitz sei eine Berliner Künstlerin gewesen, keine sächsische. Man stelle sich vor, Weimar würde verlangen, dass künftig Frankfurt am Main die Goethe-Gedenkstätten finanzieren müsste.

Das Käthe-Kollwitz-Haus soll gerettet werden

Aus dem mecklenburgischen Schwerin kommt ebenfalls Unterstützung, und zwar ganz private. Die Opernsängerin Sophia Maeno und die Schriftstellerin Jutta Schlott, beide nennen das Wirken von Käthe Kollwitz prägend für ihren eigenen Weg, reagieren demnächst mit einem offenen Brief mit der Mahnung, wie fatal eine künftig ausbleibende Förderung der Kollwitz-Gedenkstätte für das kollektive kulturelle Gedächtnis wäre.

Langsam mahlen die Mühlen der Politik, doch vor wenigen Tagen wurde bekannt, das der Konvent des Kulturraumes Meißen, Sächsische Schweiz, Osterzgebirge ein Einsehen hat und zumindest zu einer teilweisen Förderung bereit sei. So kann die Gemeinde Moritzburg, die das Land Sachsen in der Pflicht sieht, den Gedenkort wenigstens dieses Jahr, vielleicht auch noch 2022, mit 30 000 Euro halbwegs erhalten. Doch das alte Rüdenhaus muss dringend saniert werden.

Um wenigstens inhaltlich richtig zu arbeiten, braucht das kleine Museum 52 000 Euro im Jahr. Das privat unterhaltene und mit knappen Mitteln arbeitende Berliner Kollwitz-Museum kann nicht helfen. Seit Jahren steuert die Kreissparkasse Köln – Trägerin des dortigen Käthe-Kollwitz-Museums – Mittel bei. Jetzt stockt sie die Unterhaltshilfe auf, obwohl sie nach dem erneuten Lockdown das Geld selbst dringend brauchen würde.

Vor aller Welt geht das peinliche politische Feilschen um den Erhalt der Moritzburger Kollwitz-Gedenkstätte und der Verweis an die alleinige Zuständigkeit der Stiftung Käthe-Kollwitz-Haus in Moritzburg weiter. Was, so muss man angesichts dieser Halbherzigkeiten fragen, ist dem Kulturland Sachsen mit seinem riesigen Weltkulturerbe-Besitz die Erinnerung an die große deutsche Künstlerin und Humanistin Käthe Kollwitz eigentlich wert?

Infos: www.kollwitz-moritzburg.de

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