Aus der Ausstellung im Sinclair-Haus: Karoline Hjorth und Riitta Ikonen, "Eyes as Big as Plates # Agnes II" (Norway 2011).
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Aus der Ausstellung im Sinclair-Haus: Karoline Hjorth und Riitta Ikonen, "Eyes as Big as Plates # Agnes II" (Norway 2011).

„Die zweite Haut“ in Bad Homburg

Mit Moos und Fleisch bedeckt

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Ein Mantel aus Steakfleisch, ein Badeanzug aus winzigen Blüten: Eine Ausstellung im Sinclair-Haus in Bad Homburg thematisiert, was wir auf der Haut tragen – und was nicht.

Die Sache mit der Bekleidung stellt durchaus vor Rätsel. Denn aus welchem Grund mag es die Evolution für praktischer gehalten haben, beim Menschen nicht den Ganzkörperpelz zu favorisieren, sondern die Nacktheit? Im überwiegenden Teil der Welt kommt ein fell- und federnloses Tier wie der Homo sapiens doch eher schlecht durchs Jahr. Und dann die Mühen der Kleiderherstellung. Der Aufwand des Scherens anderer Lebewesen, dann des Spinnens, Webens, Nähens. Des Tötens anderer Lebewesen, dann des Hautabziehens, Schabens, Gerbens, wiederum Nähens. Man sollte meinen, dass jener im Vorteil war, der sich auf das Herbeischaffen von Ernährung konzentrieren konnte. Und doch entwickelte sich der Mensch zum haarlosen Affen und erfand sich was zum Anziehen. Oder eher: raubte sich was zum Anziehen.

In einer feinen, Anstöße gebenden Kunstausstellung, die „Die zweite Haut“ heißt und im Bad Homburger Museum Sinclair-Haus stattfindet, wird mehr als einmal darauf Bezug genommen, dass der Mensch sich anderer Lebewesen schnöde, ja grausam bedient, um sich selbst zu schützen und bedecken. Oder einfach nur zu schmücken. Am offensichtlichsten weist Deborah Sengl auf Absurditäten hin, etwa den Fuchskragen inklusive Kopfteil, der einst zur eleganten Dame gehörte. In Sengls Werkserie „Killed to be dressed“ stolziert ein Hermelin hochnäsig in einem Menschenfingermantel und trägt ein Fuchs stolz einen Kragen aus Menschenarmen, eine Kappe aus Menschenhaut, eine schweinchenrosa Handtasche, in deren Mitte auch noch eine Nase prangt. So könnte es uns gehen, wenn wir auf der anderen Seite, der des Schwächeren stünden.

Jana Sterbak hat einem Model ein Kleid aus Steakfleisch angezogen („Vanitas: Flesh Dress for an Albino Anorectic“), die junge Frau sitzt auf einem hellen Holzboden, man meint, darauf noch blass braun-blutige Spuren zu sehen. Adidal Abou-Chamats „Swimming Suits“, Badeanzüge, sind ebenfalls aus rohem Fleisch, aber auch aus den Zitzen junger Schweine und Kalbseutern genäht. Das wirkt befremdlich und obszön, gerade weil Haut und Zitzen recht menschenähnlich sind. Auf einer der im Stil alter Meister arrangierten und getönten Fotografien Sarah Coopers und Nina Gorfers bilden glänzende Fischleiber für ein ernstes Mädchen einen Rock wie aus bauschiger Seide („Ena Holds the Sea“). Jedenfalls, wenn man mit Abstand schaut und ehe man die Fischköpfe und ihre starren Augen sieht. Und im Halbdunkel weitere Leiber, die davonzuglitschen scheinen.

Es überwiegt aber in der Bad Homburger Ausstellung die gewissermaßen vegetarische Kunst. Auf Nathalia Edenmonts Fotografien sind festlich anmutende Kleider aus einem Überfluss an frischen Callas („Only Me“) oder trockenen, verblassten Blütenstängeln („Bouquet“) hergestellt. Bilder von Reinheit und Vergänglichkeit. Dietmar Busse plündert und zerlegt Zimmerpflanzen und bunte Schnittblumen; und obwohl alle Pflanzenteile auf seinen Fotografien echt sind, wirken sie in ihrer geometrischen Anordnung am Menschenkörper künstlich – und wirkt der dick geschminkte Mensch dahinter wie ein trauriger Clown.

Die hängenden Objekte der Wiesbadenerin Ulla Reiss sind die fragilsten, zartesten der Schau, da sie aus trockenen Pflanzenteilen geflochten, gesteckt vielleicht auch sind: Da baumelt ein beigefarbener Badeanzug aus Echtem Mädesüß, der durch die winzigen Blütchen eine leichte Schaum-auf-Schwamm-Anmutung hat; ein Kleid aus dem delikaten Gras Rasen-Schmiele; ein anderes Kleid wie ein Hauch, dieses aus Stängeln und Samenkörbchen der Steinimmortelle.

Viele der von Kurator Johannes Janssen ausgewählten Künstlerinnen kommen aus dem Norden (und es sind diesmal fast nur Frauen vertreten), möglicherweise haben dort der Aufenthalt in und die Auseinandersetzung mit der Natur noch ein größeres Gewicht. Die Finninen Riitta Ikonen, Bildende Künstlerin, und Karoline Hjort, Fotografin, taten sich für die Serie „Eyes as Big as Plates“ zusammen: Ältere Menschen wurden mit natürlichen Kleider-Skulpturen geschmückt, gleichsam mit Erde und Pflanzenwelt verbunden. Und anschließend fotografiert in einem Umhang aus Rhabarberblättern und -stängeln etwa, einem riesigen Kopfputz aus einer Art Sumpfgras, einer wilden Mütze aus dünnen Ästen oder bedeckt mit Moospolstern. Anni Rapinoja formte Pumps aus Seidenpapier, Roggenbrei, außen Heidelbeerblättern, Schuhe und eine Handtasche aus puscheligen, silberglänzenden Weidenkätzchen. Wären sie nicht hinter Glas, man wäre in Versuchung, sie zu streicheln.

Riitta Päiväläinen lässt Kleider vom Flohmarkt in Bäumen und an Zäunen im Wind tanzen als wären sie von Leben erfüllt. Esther Glücks „Shaping Shirts“ aber sind wie um einen nun abwesenden menschlichen Körper erstarrt: Die an Bügeln hängenden Hemd-Skulpturen sind hergestellt aus natürlichen Materialien, geformt auch mit Laub vom jüdischen Friedhof in Augsburg, mit Sand aus der Eger nahe Theresienstadt. Spuren der Asche aus den Öfen mögen noch im Sand sein. Manchmal schwingen die „Shaping Shirts“ ganz leicht im Luftzug.

Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg: bis 12. Februar. www.museum-sinclair-haus.de

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