Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Breithüftiges Totem: „Charmstone“ von Michael Heizer.
+
Breithüftiges Totem: „Charmstone“ von Michael Heizer.

Michael Heizer Land-Art

Monolithisches Schweigen

  • VonIngeborg Ruthe
    schließen

Und schwebende Masse: Der Land-Art-Bildhauer und Maler Michael Heizer in Berlin.

Charmstone“ ist ein enigmatisches Wesen. Eine schwebende Masse, aus der Natur transformiert in den musealen Raum als ein riesiges Stück indianischen Schamanentums. Ein Totem.

Der dunkle, im Mittelteil gleichsam breithüftige Monolith hängt von der soliden Balkendecke der gründerzeitlichen ersten Halle der Akira Ikeda Gallery im einstigen Brauereigelände Pfefferberg in Berlin. Befestigt ist das gewaltige mystische Zeichen nur durch ein solides Seil, das durch ein hühnergottartiges Loch geführt wird. Aus dem jeweiligen Blickwinkel heraus bildet die aus Zement und Moniereisen geformte Skulptur hinter – oder vor – der Eisensäule in der Raummitte ein merkwürdig schiefes Kreuz. Fast sieht es so aus, als würde diese pathetische Säule dem „Charmstone“, diesem heiligen Symbol, einen gewissen, wenn auch fragilen Halt geben.

Das ist also einer dieser raren Auftritte des in New York lebenden Kaliforniers Michael „Mike“ Heizer außerhalb seiner Heimat, weit weg von Kalifornien, Arizona und Nevada, wo er seit den 1960er Jahren die meisten seiner spektakulären Land-Art-Projekte verwirklicht hat. Spektakulär sind seine Eingriffe in Landschaftsformationen und deren prozesshafte Veränderung durch die Naturgewalten. So kratzte er 1967 ein geometrisches Muster auf den Boden der Mojave-Wüste Für „Double Negative“ ließ er 1969 in der kalifornischen Wüste zwei riesige, aufeinander bezugnehmende Gräben ausheben, parallele 9 Meter breite und 15 Meter tiefe Einschnitte an der Erosionskante einer Hochebene.

Eine Exkursion führte Heizer, Jahrgang 1944, 1969 nach München: Für „Munich Depression“ hob er eine Vertiefung in der Baustelle für das zu jener Zeit komplett neu entstehende und heftig umstrittene Satellitenstadtviertel Neuperlach aus. Das war damals ein erregender und zugleich die aufgeheizte Debatte beruhigender künstlerischer Eingriff in die sozialpolitische Gemengelage in der traditionsversessenen Bayern-Metropole. Eine Denkwürdigkeit also.

Auch das Scheitern spielt bei ihm eine große Rolle: Ende der 60er Jahre wollte er in der Sierra Nevada einen 120-Tonnen Felsbrocken über eine ausgebaggerte Erdspalte eines ausgetrockneten Sees hängen. Der Gewaltakt ging damals gründlich schief, weil der Kran unter der Last zusammenbrach. Aber aufgeschoben hieß nicht aufgehoben.

Vierzig Jahre später hat Heizer sein Werk doch noch vollbracht, mit einem 340-Tonnen-Brocken aus einem Steinbruch bei Los Angeles und auf dem Lacama-Museumsgelände. Das Objekt „Levitated Mass“ hing nun nicht über wüstem Land, in dem einst die Ureinwohner vor der Kolonisierung ein friedliches Dasein im Einklang mit der Natur führten, sondern wie ein heiliger Stein, wie ein drohende Erinnerung über der Stadt. Es war, als wäre auf diese Weise nicht der Prophet zum Berg, sondern der Berg zum Propheten gekommen.

Kraft und Zähigkeit

Heizer, in seiner Passion, seiner unverwüstlichen Kraft und Zähigkeit, ja, auch missionarischen Gigantomanie vielleicht am ehesten mit dem viel älteren New Yorker Verhüllungskünstler und gebürtigen Bulgaren Christo vergleichbar, ist bis heute einer der prominentesten Vertreter der Land Art. Diese naturnahe, zugleich auch mythische Strömung in der Bildenden Kunst war Ende der 1960er Jahre in den USA entstanden und 1968 im Rahmen einer großen New Yorker Galerie-Schau erstmals als „Earth Works“ bezeichnet worden. Ähnlich wie der Minimalismus – kurz zuvor in den Vereinigten Staaten als Gegenbewegung zur Malerei des Abstrakten Expressionismus (Pollock) aufgekommen – zählt die Land Art zu den radikalsten künstlerischen Konzepten jener Zeit. Und sie ist noch immer gegenwärtig – auch in der Architektur und Landschaftsgestaltung für viele eine Inspiration.

Künstler wie Heizer, Teilnehmer der Documenta 6 und der Venedig-Biennale 1998, oder seine namhaften Land-Art-Kollegen Robert Smithson, der bereits verstorben ist, die noch aktiven Aktionisten Richard Long, der heutige Lichtmagier James Turrell, Andy Goldsworth oder David Nash lehnten allerdings schon in den 60ern jede Klassifizierung ab. Sie alle arbeiten parallel in mehreren Kunstrichtungen, oft auch als Maler.

Mit der aufkommenden Ökologiebewegung, mit Ideologie und politischem Aktionismus hatten sie nichts am Hut. „Es geht um Kunst, nicht um Landschaft“, so Heizer. Und es gehe darum, dass Physisches immer zeitlos sei. Vielleicht ist es ja genau das, was dieser wortkarge Bildhauer, der einst mit der Malerei des „Abstract Painting“ am San Francisco Art Institute begann und über die strenge Minimal Art zur Land Art kam, mit seinem monolithischen Schweigen erreichen will: Wahrnehmung von Körpern im (Natur)Raum, von heiligen Formen, von Natur-Phänomenen, die den Menschen nicht brauchen. Letztlich geht es um die Fähigkeit zur Meditation über Ewigkeit. Heizer glaubt an den Erkenntnisgewinn durch seine Kunst. Seit dem Jahr 2009 ist er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences.

Der Japaner Akira Ikeda sammelte schon vor Jahren die nun in der Berliner Galerie ausgestellten, unverkäuflichen Skulpturen aus Zement, geformt um Monierstäbe, krude aufgerissen, als wären es Schrunden alter Meeressäuger oder wie in Jahrmillionen geschliffene Steine im Meerwasser. Mag so manche Form an die Totems der indianischen Ureinwohner erinnern, so lassen andere an Faustkeile, Äxte oder auch fossile Gebilde aus dem Meer, etwa Donnerkeile und Schildkrötenpanzer denken.

Es ist freilich nicht die Nachahmung der Natur, die Michael Heizer da in seinen dunklen Zement-Gebilden betreibt, die an den Galeriewänden von leuchtenden Gouachen und Pastellen ergänzt werden, deren Motive wie aus dem Inneren des glühenden Planeten Erde gerissen wirken. Es sind Interpretationen, auch Parabeln der Natur, geformt mit deren ewigem Vokabular: Erde, Feuer, Wasser, Luft.

Akira Ikeda Gallery, Berlin: bis 23. April. www.akiraikedagallery.com

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare