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Eine Mitarbeiterin schaut sich die Gemälde „Elvira Resting at a Table“ (1919, l) und „Standing Nude (Elvira)„ von 1918 des italienischen Malers Amedeo Modigliani an. (Archivbild)
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Eine Mitarbeiterin schaut sich die Gemälde „Elvira Resting at a Table“ (1919, l) und „Standing Nude (Elvira)„ von 1918 des italienischen Malers Amedeo Modigliani an. (Archivbild)

Große Ausstellung

Amedeo Modigliani in der Albertina in Wien: Die Entdeckung des Anderen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die große Ausstellung in der Albertina zeigt, wie stark der Maler von afrikanischer Kunst beeinflusst wurde.

Wien - In Wien zeigt die Albertina fast 80 Werke des italienischen Malers Amedeo Modigliani (1884 – 1920). Vorgestellt wird er vom Chef der Albertina als „eines der größten Genies der klassischen Moderne“. „Klappern gehört zum Handwerk“ pflegte meine Mutter bei solchen Gelegenheiten zu sagen.

Der Untertitel der Ausstellung setzt einen überraschenden Akzent: „Revolution des Primitivismus“. Der vor allem durch seine einst skandalösen Akte berühmte Maler, wird hier von einer weniger vertrauten Seite gezeigt. Die Akte sind ja eher für ihre stets an den französischen Salonmaler Alexandre Cabanel erinnernde Glätte bekannt. Also gewissermaßen für das Gegenteil des Primitivismus.

Jeder, der ein wenig von Modiglianis Pariser Bohème-Leben gehört hat, weiß natürlich von seinem Alkohol- und Drogenkonsum, vom Elend seines von der Tuberkulose gezeichneten Lebens. „Zu Lebzeiten“, heißt es meist, „habe er so gut wie nichts verkauft“.

Amedeo Modigliani in Wien: Fokus auf den Arbeiter

Ausstellung und Katalog versuchen, dieses Bild zu korrigieren. Sie lenken den Blick auf den Arbeiter Modigliani, auf den Künstler. Sein Freund, der Maler Chaim Soutine, meinte, Modigliani habe definitiv zu viel getrunken. Blaise Cendrars berichtet von gemeinsamen sich über mehrere Tage erstreckenden Alkoholexzessen. Anna Achmatowa, eine der bedeutendsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, die 1910 und 1911 viel mit Modigliani zusammen war, schreibt dagegen in ihren Memoiren: „Betrunken habe ich ihn nie erlebt. Offenbar fing er erst später damit an. Vom Haschisch dagegen sprach er viel“. Einem Arzt, der ihm riet, sein Leben nicht zu vergeuden und mit dem Trinken aufzuhören, soll Modigliani erklärt haben: „Für ein einziges Werk, das vielleicht bleiben könnte, würde ich mein Leben geben.“

Der aus Livorno stammende Modigliani wurde hineingeboren in eine jüdische Familie. Seine aus Marseille stammende Mutter finanzierte nach dem Bankrott der Firma seines Vaters die Familie als Lehrerin und Übersetzerin. Amedeo Modigliani liebte die Literatur und konnte stundenlang auswendig Gedichte rezitieren: Rimbaud, Baudelaire, d’Annunzio, den seine Mutter ins Französische übersetzt hatte. und Dante. Immer wieder Dante. Einer seiner Brüder wurde Abgeordneter der Sozialisten im römischen Parlament.

Amedeo Modigliani: Lob von Picasso

Modigliani las Nietzsche und Kropotkin. Es gibt einen Brief seiner Mutter, in dem sie über ihren Sohn schreibt, der mit der Schule aufgehört habe und Maler werden wolle. Sie sah, mit welcher Freude er das machte und keine Sekunde schien ihr der Gedanke zu kommen, sich gegen seine Entscheidung zu stellen.

Modigliani wollte dann Bildhauer werden, wohnte eine Weile in der Nähe der Steinbrüche von Carrara. Aber seine schwache Gesundheit ließ das nicht zu.

Als Modigliani 1906 nach Paris fuhr, schickte seine Mutter ihm monatlich 200 Francs. Seine Freunde Chagall und Zadkine lebten 1910 von 120 im Monat.

Modigliani war von Freunden umgeben, die ihm Geld gaben, wenn er welches brauchte, die seine Bilder kauften, wenn sie Geld übrig hatten. Der junge Italiener wurde in Paris viel bewundert: Er galt als äußerst elegant. Picasso sagte von ihm, es gebe nur einen Mann in Paris, der sich zu kleiden verstehe, das sei Modigliani. Das Maliziöse in diesen Äußerungen darf man nicht überhören. Eleganz mochte für Marcel Proust (1871 – 1922) und seine Freunde eine Kategorie sein, für die Bohème von Montparnasse und Montmartre war sie es nicht und für deren Avantgarde eher noch weniger.

Dass die Zeitgenossen Modigliani nicht wahrnahmen, hatte womöglich damit zu tun, dass sein Platz im Kunstbetrieb bereits besetzt war durch einen Maler, der heute weit hinter ihm rangiert: Kees van Dongen (1877 – 1968). Er kommt, soweit ich sehe, in der Ausstellung nicht vor. Van Dongens Bilder waren denen Modiglianis ähnlich. Aber sie waren bei weitem sozialverträglicher und sein Lebensstil allemal. Unsere Fixierung auf den Weg der Moderne – Kubismus, Fauvismus, Abstraktion – lässt uns Modigliani, der an keiner dieser Richtungen partizipierte, nicht erkennen.

Geradezu brutalistisch wirkt Picasso neben Modigliani

Der so genannte Primitivismus, das Interesse an außereuropäischer Kunst, die Imitation, die Anverwandlung Formen Afrikas und Ozeaniens, ihre Ausnutzung zur Erneuerung europäischer Kunst, war eine der treibenden Kräfte der Moderne. Der Bruch mit der europäischen Kunsttradition wäre ohne diese Aneignung, diese imperialistische Übernahme, nicht möglich gewesen.

Eine Folge von Karyatidenzeichnungen zeigt, wie sehr gerade afrikanische Vorbilder Modigliani beeindruckten. Eindrucksvoll belegen das zwei Hocker aus dem Kongo. Großartig ist, dass die Ausstellung immer auch den Seitenblick auf Picasso und Brancusi, der Modigliani empfahl, weiter auch als Bildhauer zu arbeiten, ermöglicht. Geradezu brutalistisch wirkt Picasso neben Modigliani, den selbst sein „Primitivismus“ seine frühen Vorbilder Giovanni Boldini und John Singer Sargent niemals gänzlich über Bord werfen ließ. Beim Gang durch die Ausstellung entdeckt man, wie unterschiedlich die Reaktionen auf die gleichen Vorbilder waren. Picasso und Modigliani hatten vor denselben Objekten In den ethnologischen Sammlungen im Palais du Trocadero gestanden und jeder hatte Seines daraus gemacht.

Die Ausstellung

Albertina, Wien: Bis 9.Januar 2022. www.albertina.at

Nach dieser Ausstellung kann man Modiglianis Porträts nicht mehr sehen ohne nicht nur an sein Interesse an der Kunst der Kykladen zu registrieren. Man wird auch Masken Ozeaniens in ihnen wiedererkennen. Die Aneignung des Fremden kann Trophäe sein, aber auch uns ein Bild malen von der Einheit des Menschengeschlechts.

Kennern wird es nichts Neues sein, aber Modiglianis Festhalten an alten Maltraditionen, sein Unwille – seine Unfähigkeit – Ernst zu machen mit der Moderne von Kubismus und Abstraktion, haben womöglich nicht unerheblich zu Picassos Wende zu seiner klassischen Periode beigetragen. Nach dem Gang durch die Modigliani-Ausstellung betrachtet man mit anderen Augen, wie Picasso sich abwandte von Analyse und Zerstörung, zurück auf Piero della Francesca und dessen Statuarik schaute, während Modigliani ist, der er ist. Zur Nähe gehört die Konkurrenz, manchmal auch der Wille zu übertrumpfen. Natürlich ist es falsch, diese Konfrontation nur auf die von Picasso und Modigliani zu beziehen, Aber die Nähe der beiden hat sicher dazu beigetragen, die nötige Reibung zu erzeugen.

Die Modigliani-Ausstellung in der Albertina öffnet unsere Augen nicht nur ihren Helden, sondern auch für die Anfänge der Moderne, zu der von Anfang an und immer wieder neu die Entdeckung des Anderen gehört. (Arno Widmann)

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