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Das Mart in Rovereto, ein Hauptwerk des Schweizers Mario Botta. Foto: Jacopo Salvi
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Das Mart in Rovereto, ein Hauptwerk des Schweizers Mario Botta.

Museen

Moderne Kunst in Italien: Es kann ja auch schön sein, dass wir leben

  • VonPeter Iden
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Das Plessi-Museum an der Brenner-Autobahn und das Mart in Rovereto: Zwei ungewöhnliche italienische Häuser für moderne Kunst, die dieser Tage vielleicht auf dem Weg liegen.

Museen für die Kunst der zeitnahen Moderne sind nicht gerade besondere Attraktionen der italienischen Kulturlandschaft. Es gibt sie in Turin, in Mailand, in Prato, mit in Betracht der Bestände eher dürftigen Ansätzen auch in Bergamo und Rom. Aber halt: Wer über den Brenner aus Österreich in Italien einreist, kann sich gleich zweimal von Museen verführen lassen, die beide, wenngleich auf sehr unterschiedliche Weise, jedem Vergleich mit den interessantesten Instituten ihrer Art standhalten.

Schon direkt nach der Grenze überrascht ein Museum, das auch seiner Lage wegen weltweit nicht seinesgleichen hat. Der Venezianer Fabrizio Plessi war längst, auch durch seine Auftritte bei der Kasseler documenta, mit großformatigen Video-Installationen zu internationalem Ruhm gekommen, als es ihm vor acht Jahren gelang, für das von ihm schon anlässlich der Expo 2000 in Hannover entwickelte, mehrteilige Video-Werk zur Feier des Wassers als „Seele der Natur“ ein eigenes Museum bauen zu lassen.

Wesentlich ist Plessi, als Metapher für Natur überhaupt, an der Installation in dem eigens dafür errichteten Bau die Dauer der optisch faszinierenden, ohne Unterlass sich wiederholenden, stürzenden, digital vermittelten Wasserfälle. Der Eindruck ist nachhaltig. Dieser Künstler ist ein Begeisterter. Nicht zu irritieren in seinem Bemühen, die Kräfte der Natur durch technische Mittel sichtbar zu machen. Gelegentlich hatten wir in einem Gespräch mit ihm bemerkt, sollte allerdings der Strom ausfallen, wäre es mit dem fließenden Wasser abrupt vorbei. Da hat er nur gelacht.

Fährt man nach Süden weiter, erreicht die Autobahn nach knapp zwei Stunden Rovereto. Und hier gibt es, seit der Gründung 1987, nun tatsächlich ein italienisches Museum, das jedem Vergleich mit ersten europäischen Häusern standhält. Der Neubau des 2002 eröffneten Museums für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto, Mart, ist ein Hauptwerk des international vielbeschäftigten Schweizer Architekten Mario Botta.

Der Zugang von der Straßenseite aus unterbricht mit einer auf Harmonie bedachten Diskretion eine Zeile älterer Bauten – und erschließt dann das hoch überkuppelte Rondell eines weitläufigen Platzes, von dem aus das eigentliche Entree zu den auf vier Ebenen verteilten 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche erreicht wird. Die Kunstwerke, Gemälde, Skulpturen, Installationen finden in diesem großzügigen Bau viel lichten Raum, die einzelnen Säle können durch non-permanente Wandelemente immer wieder anders strukturiert werden.

Wie das Haus ist auch der Sammlungsbestand ein Glücksfall. Dafür gibt es gute Gründe: Rovereto war der Geburtsort zweier, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr erfolgreicher italienischer Künstler, die beide, Fausto Menotti und der Futurist Fortunato Depero, ihre Nachlässe der Kleinstadt überließen – was dann auch private Spender bewog, sich an der Entwicklung der Sammlung zu beteiligen. Prominenteste Mäzenin war die aus Rumänien stammende, 2007 verstorbene New Yorker Galeristin Ileana Sonnabend, Hauptfigur der Entdeckung und Förderung von Protagonisten des US-amerikanischen abstrakten Expressionismus der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wie etwa Robert Rauschenberg und Franz Kline, die Rovereto eine Reihe von Werken aus ihrem Privatbesitz hinterlassen hat. Derzeit ist der in Italien unter anderem seiner rüden Umgangsformen und der problematischen Freundschaft mit Silvio Berlusconi wegen umstrittene Vittorio Sgarbi Präsident des Mart.

Sgarbi gilt als oberflächlicher Schnellschütze des wirtschaftlich äußerst beengten italienischen Kunstbetriebs. Aber er füllt das Haus, nicht nur an Wochenenden bilden sich lange Besucher-Schlangen, man spürt den Versuch, dem Publikum nach Monaten des Lockdowns so viel als möglich (wenn auch vielleicht zu viel auf einmal ) zu bieten.

Das sind in Rovereto jetzt fünf Ausstellungen gleichzeitig, ein Exzess, kaum ernsthaft zu verkraften. Zu sehen sind: Süßliche Bilder von Giovanni Boldini, einem Maler der Belle Epoque des 19. Jahrhunderts; einige Bilder Botticellis, auf deren Motive sich spätere Maler möglicherweise bezogen haben, ein Wettbewerb, der wenig erbringt, weil die Fähigkeiten und die Formen der Weltnahme etwa von Dalí und Botticelli doch zu unterschiedlich sind; nebenan düstere Interieurs der jungen Tina Sagrò.

Aber dann doch, als Angebote vier und fünf, präsentiert von der Kuratorin Daniela Ferrari, Arbeiten von Leonardo Cremonini und Karl Plattner, die jeder für sich, aber auch durch das vorsichtige Nebeneinander ihrer Bilder an Aufmerksamkeit zurückgewinnen, was drumherum verspielt wird. Es gibt thematisch, etwa hinsichtlich ihrer Schilderungen von Menschen wie ebenso bei den formalen Lösungen eine die beiden verbindende Nähe – jedoch auch Phasen einer deutlichen Distanz.

Karl Plattner war der Ältere, geboren 1919 in Malles, einem Dorf im norditalienischen, alpinen Venosta-Tal. Cremonini, Jahrgang 1925, stammte aus Bologna, er wurde 86 und überlebte Plattner um ein Vierteljahrhundert. Als Studenten der Kunstakademie der Mailänder Brera lernten sie sich in den vierziger Jahren kennen und blieben über viele Jahre in engem Kontakt. Beide erwiesen sich in ihrer Lebensführung als außergewöhnlich flexibel, arbeiteten zwar niemals am gleichen Ort und machten jeder doch, manchmal für mehr als ein Jahr, Station auch in fernen Gegenden, von Paris und New York bis San Paolo und Rio.

„I pittori della solitudine“ (Die Maler der Einsamkeit) – der Titel der Ausstellung jetzt in Rovereto trifft auf Karl Plattner mehr zu als auf Cremonini. Zumal die Reihe liegender weiblicher Akte, entstanden in den sechziger Jahren, die Körper der Frauen erfasst wie unter Zwang und Schmerzen, zeigt Plattners allenthalben auffällige Fähigkeit, dem Abgründigen menschlichen Seins Ausdruck zu geben.

Leonardo Cremonini – vielleicht darf man sagen: seiner Herkunft gemäß, Bologna ist eben nicht, wie Plattners Heimat, ein entlegenes Dorf in einem entlegenen Tal der Alpen – sieht die Einsamkeit auch im bunten Lebensbetrieb. Seine sehr präzise entwickelten Kompositionen, manchmal lassen sie an David Hockney denken, sind heller als die des Freundes, Fenster sind häufig ein Motiv, geben Blicke frei auf lustvolles Treiben, es kann ja auch schön sein, dass wir leben. Für das Abgründige wie für den farbigen Abglanz – es braucht die Künstler und es braucht die Museen, wo wir in ihren Werken ihnen und uns selber begegnen können.

Plessi-Museum, auf der italienischen Seite der Brenner-Autobahn, geöffnet tägl. von 6-22 Uhr. www.autobrennero.it

Mart, Rovereto: Die Ausstellung Plattner und Cremonini läuft noch bis zum 26. September. www.mart.trento.it

Karl Plattner: „La bella addormentata“, 1972/73.

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