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Mirjam Völker und ihre Baumhaus-Bilder –Wenn es kein Abenteuer mehr ist

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Von: Ingeborg Ruthe

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Mirjam Völker: „Barrikade“, 2022. Foto: Uwe Walter, Berlin/Galerie Eigen+Art Leipzig/Berlin
Mirjam Völker: „Barrikade“, 2022. Foto: Uwe Walter, Berlin/Galerie Eigen+Art Leipzig/Berlin © Uwe Walter, Berlin/Galerie Eigen+Art Leipzig/Berlin

In den Baumhaus-Bildern der Leipziger Malerin Mirjam Völker kippt das Gleichgewicht der modernen Zivilisation – wie jetzt die Galerie Eigen + Art in Berlin dokumentiert.

Das Baumhaus ist ein Kindertraum: Abenteuerspielplatz, Natur-Versteck, Märchenwelt. Wer einen Garten hat, kann sich eins bauen. Im Baumarkt gibt es, quasi perfektioniert, längst alles, was man dafür braucht. Als ich Kind war, schuf sich unsere zahlenmäßig überschaubare Dorfjugend im kleinen Waldstück neben dem Friedhof so eine windschiefe, wagemutige, aber herrlich abenteuerliche Naturidylle. Dort hatten wir Ruhe vor den Eltern und den Lehrern. Stangen, alte Bretter, Großvaters Heubodenleiter, eine abgenutzte Wäscheleine aus Omas Waschhaus. Und dazu aus Vaters Werkzeugkiste geklaute Nägel. Ein paar daheim ausrangierte Filzdecken dienten als Dämmung gegen den unfreundlichen Erzgebirgswind, und ein großer Fetzen alte Zeltplane als Regenschutz. Wir gruselten uns ein bisschen und fühlten uns zugleich wohlig geborgen vor dem Rest der Welt, halb wie Robinson Crusoe, halb wie der der alte böhmische Räuberhauptmann Karasek.

Viele Jahre später, den Kinderträumen in unserem Dörfchen nahe der tschechischen Grenze schon lange entwachsen und Bewohnerin einer fernbeheizten Wohnung in Berlin, staune ich, wie viel Geld manche längst erwachsenen Abenteuerfans ausgeben, um in angesagten deutschen oder schwedischen Baumhaushotels zu übernachten und sich der Utopie der „wahren Natur“ hinzugeben. Wohl, um genau diese Gefühlsmischung aus Überleben und Geborgenheit zu spüren.

Auf den Bildern der Malerin Mirjam Völker, derzeit in der Berliner Galerie Eigen+Art zu sehen, empfinde ich das große Baumhaus-Adventure eher als dystopische Gemengelage aus Natur- und Albtraum. „Aus heiterem Himmel“ nennt die 1977 in Wiesbaden geborene Meisterschülerin von Neo Rauch an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ihre Acrylfarbenserie solch ambivalenter Behausungen. Allerdings ganz ohne Menschen, nur mit deren bizarren Baumhütten. Bei ihr sind es Metaphern des Unbehausten, der Gefährdung des gewohnten alltäglichen Lebens.

„Aus heiterem Himmel“ ist eine Redewendung, die für etwas Unvorhergesehenes steht; meist für etwas sehr Unangenehmes, ja Schlimmes, das eine jähe Lebenswende bringen kann. Im schlimmsten Fall kommt es zum Verlust aller Gewissheiten – des Zuhauses, der Heimat. So durch Krieg, Flucht und Vertreibung wie gegenwärtig in der Welt alltäglich. Gerade jetzt, seit Putins Krieg in der Ukraine. Und durch den drohenden Klimakollaps.

Mirjam Völker, in der „New Leipzig School“ von 2004 bis 2010 bei Arno Rink und Neo Rauch und dadurch mit den Stilen zwischen Neuromantik und Spätsurrealismus vertraut, fand bald ihre eigene Bildsprache, erzählerisch, aber eben typisch Leipziger Schule. Nämlich rätselhaft bis verschlüsselt metaphorisch. Die Malerin leuchtet ihre tiefen, oft stürzenden Bildräume beinahe fotografisch aus. Sie siedelt ihre Motiv in einer, nennen wir es Zwischenrealität an: formal präzise wie bei der Sachfotografie, zugleich aber durch die Dramaturgie von Licht und Schatten, der Schwerkraft und Perspektive surreal. Es sind Szenen wie aus einem anderen Universum.

Von Menschen gebaute Konstruktionen, schiefe Behausungen aus Brettern, Latten und blauen Plastikfolien wachsen gleichsam symbiotisch auf Bäumen, ihrerseits Konstruktionen der Natur. Das Versprechen eines Fantasy-Spielortes und zugleich eines schützenden Verstecks vor der Welt indes lösen diese Hütten nicht ein. Von ihnen geht etwas Unheimliches aus, denn diese provisorischen Aufbauten scheinen jeden Moment zu kippen.

Da nützen auch keine noch so soliden Bretter, und die blaue Folie wird wohl beim nächsten Sturm reißen. Dann gibt nur noch die Verflechtung der Hütte mit dem winterlich entlaubten und beschnittenen Baum noch etwas Halt. Aber was ist so ein Halt für jemanden, der in solch einer primitiven Hütte nicht das große Abenteuer durchspielt? Der auch nicht sein komfortables Stadtleben für ein paar Urlaubstage von der unbarmherzigen Natur und kargem Obdach trimmen lässt, um sich mal selber zu beweisen, dass er sportlich durchhält. Was, wenn so ein schiefes Baumhaus die letzte Zuflucht ist?

Wer schon mal in Afrika oder Südamerika war, sah die Townships und Favelas, die Blech- und Bretterhütten der Ärmsten. Auch im reichen Japan, in den Parks von Tokio, leuchten die blauen Folien der Hütten der Wohnungslosen. Und nun sind solche Szenarios ganz nahe gerückt. Wir sehen sie immer öfter in Parks oder Grünflächen großer, wohlhabender deutscher Städte. In Hamburg, wo es am schlimmsten ist, in Stuttgart, Frankfurt am Main und in Berlin. Die Hauptstadt hat 10 000 Obdachlose, die Dunkelziffer kennt kein Sozialamt. Seitdem die Bäume ihre Blätter abwerfen, ist die Sicht freier.

Das Schlimmste auf der Welt sei die allgemeine Gleichgültigkeit, schrieb der Dichter Erich Fried, der als Jude die Nazis nur durch Flucht überlebte. Nun, wir haben uns schnell an den Anblick der Obdachlosen unter den Brücken und nun in den Zelten und Hütten in den Parks gewöhnt. Wir fahren oder gehen vorbei, froh, nicht angebettelt zu werden, den Kopf voller eigener Probleme. Wir fragen nicht einmal mehr, warum diese Leute sich aufgemacht haben aus ihrer Heimat, wegen Krieg, Gewalt und Not, wegen zerstörter Natur, in der nichts mehr wächst. Im Westen, dem gelobten Land, gestrandet, aber doch nie angekommen.

Mirjam Völker ist Malerin. Ihr Ausdrucksmittel als Kind ihrer Zeit ist allein die Kunst. Ich empfinde ihre Bilder von Notbauten in malträtierten, aber auch hoffnungsvoll ausschlagenden Bäumen, die weder Abenteuerspielplatz noch humane Behausungen sind, als stumme Mahnung an die moderne Zivilisation im Jahr 2022. Sie muss handeln.

Galerie Eigen+Art , Berlin: bis 17. Dezember. eigen-art.com

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