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Mire Lee im Zollamt des MMK: Übergriffe, direkt ins Gehirn

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Von: Sandra Danicke

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Ausstellungsansicht mit Betonmischer. Foto: Axel Schneider
Ausstellungsansicht mit Betonmischer. Foto: Axel Schneider © Axel Schneider, Frankfurt am Main

Mire Lees Installation im Hauptzollamt des Frankfurter MMK wirkt schonungslos auf uns ein.

Hinterher, das sei hier warnend vorweggenommen, kann es sein, dass einem übel ist. Sofern man empfindlich ist, sollte man bei der Ausstellung, die Mire Lee im Zollamt des Frankfurter Museums für Moderne Kunst zeigt, den Toilettenbereich meiden. Dazu später mehr. Zunächst geht man ohnehin in den zentralen Raum, der düster und apokalyptisch wirkt. Vor den Fenstern hängen grau verschmierte Tarnnetze, es rumpelt und dröhnt. Eine Reihe alter Betonmischer verströmt Baustellenflair, es riecht nach Zement und Benzin. Die Mischgeräte gehen abwechselnd an und aus, ein wenig erinnert das an brüllende Tiere.

Eine höhlenartige, betonverschmierte Röhrenstruktur steht in der Raummitte. Sie wirkt gleichzeitig filigran und robust, organisch und industriell. Hohle Kugeln mit großen Öffnungen hängen von der Decke, wie Nester, wie schreiende Münder. An einer Wand stehen Gedichte in mehreren Sprachen, sie wurden mit Beton geschrieben und stammen von der südkoreanischen Dichterin Kim Eon Hee, die bekannt ist für eine explizite, drastische Sprache, in der sie immer wieder Bilder von Exkrementen und Körpern entwirft. Die Anordnung der Worte ist allerdings so, dass man Fragmente liest:

„ich ein lebewesen, das sich jeden moment selbst zerkaut und verschlingt / ein lebewesen das zerkaut und verschlingt bis ihm die kehle platzt / ein lebewesen das mit dem einen loch das andere loch zustopft / du ein lebewesen das verrecken muss um sichtbar zu werden / ein lebewesen das sterben muss um ein (....) verrecken muss / um nach jemandem rufen zu können“

Das alles – die Installation, die Worte – wirkt roh, fast schon brutal. Doch das ist erst der Anfang. Der Titel der Ausstellung, die ein Bestandteil des an Mire Lee verliehenen „Pontopreis MMK 2022“ ist, lautet: „Look, I’m a fountain of filth raving mad with love“ (etwa: Schau, ich bin eine Quelle des Schmutzes, rasend verrückt vor Liebe). Es geht der 1988 geborenen Südkoreanerin Lee also um Körper, Schmutz, Liebe. Um Verbindungen zwischen Industrie und Leib, um Sinnlichkeit innerhalb derber Strukturen.

Wenn Mutter schläft

Eine weitere Komponente - der Film einer schlafenden Frau, der im Foyer gezeigt wird - scheint auf den ersten Blick nicht zu der übrigen Baustellenästhetik zu passen. Es ist die Mutter der Künstlerin, die hier in einem sehr verletzlichen Zustand gezeigt wird. Wer schläft, ist wehrlos, auch harmlos. „Menschen“, so Lee in einem Interview mit MMK-Direktorin Susanne Pfeffer, „verwandeln sich beim Einschlafen quasi sofort in ein bloßes Stück Fleisch. Ich finde das auf der einen Seite etwas traurig, aber gleichzeitig auch niedlich, weil sie zwar körperlich anwesend, aber nicht mehr wirklich zurechnungsfähig sind.“ Ihre Mutter stelle in diesem Moment eine Trägerin dar, erklärt die Künstlerin weiter, „eine Trägerin im metaphorischen Sinne, wie meine Skulpturen es auch sind.“

Eine dritte Komponente der Ausstellung befindet sich in einem kleinen Raum vor den Toiletten, und da wird es für die meisten Besucherinnen und Besucher ernsthaft unangenehm. Zu sehen ist ein Interview-Film mit der österreichischen Pornodarstellerin Veronica Moser, die von einer - ihrer - Leidenschaft erzählt, die sie auch in ihren Filmen praktiziert, eine Art Filme, die sie offenbar selbst erfunden hat. Sie isst Exkremente, im Pornojargon Kaviar genannt. Moser beschreibt dies einerseits so gelassen, als gehe es darum, sich die Nägel zu machen oder einen Kuchen zu backen.

Andererseits ist sie dabei so detailliert, dass sie unwillkürlich Bilder in den Köpfen derer produziert, die das anhören müssen. Sie praktiziere diese Tätigkeit, weil es sie aufgeile, sagt Moser, je älter sie werde (und sie ist offenbar nicht mehr ganz jung), desto mehr. Alle anderen Spielarten der Sexualität habe sie auch ausprobiert. Diese sei für sie die befriedigendste. Es falle ihr auch nichts Drastischeres mehr ein.

Es dürfte wenige geben, die von den exakten Beschreibungen Mosers nicht unangenehm berührt sind, und immerhin einige, die sich hinterher wünschten, sie hätten es nicht gehört.

Es ist der Kontrast zwischen der lässigen Erzählstimme, der scheinbar völlig unspektakulären Wiedergabe von etwas, das die Mehrzahl der Menschen unvorstellbar findet, der einen als Betrachterin überfordert zurücklässt. Entscheidend ist dabei nicht etwa die Tatsache, dass man selbst eine solche Praxis für sich ausschließt. Allein - die evozierten Bilder wirken wie Übergriffe. Böse Übergriffe, direkt ins Gehirn, auf den eigenen Körper.

Konflikte, allgegenwärtig

Worum es Mire Lee dabei geht, bleibt offen. An einer Stelle, im Interview mit Susanne Pfeffer, sagt die Künstlerin, sie sei in einer patriarchalischen Gesellschaft aufgewachsen. „Konflikte sind allgegenwärtig, auch wenn man sie zu verdrängen versucht. Traumatische Erfahrungen durch Demütigung treten oft erst später an die Oberfläche, weil man im eigentlichen Moment nicht bemerkt, wie schlimm das ist, was einem gerade zustößt.“

Dass sie dabei von sich selbst spricht, scheint wahrscheinlich. Dass sie auch über Veronica Moser spricht, liegt immerhin nahe. Dass sie große Teile der Menschheit meint, ja, auch das erscheint möglich.

Zollamt MMK, Frankfurt: bis 4. September. mmk.art

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