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Aus Michel Campeaus Serie „Darkroom“, hier Niamey, Niger.  

Frankfurt

Michel Campeau im Fotografie Forum: Der magische rote Raum

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„Darkroom Stories“ von Michel Campeau im Fotografie Forum Frankfurt.

Einen belichteten Film bei völliger Dunkelheit in eine Entwicklerdose einfädeln. Einen Kontaktbogen herstellen. Mit der Lupe winziges Bild um winziges Bild ansehen. Negative ins Vergrößerungsgerät einspannen. Ausschnitte wählen. Formate wählen. Das belichtete Fotopapier entwickeln. Fixieren. Trocknen. Sehen, dass es so noch nicht gut ist, der Bildausschnitt nicht perfekt, die Kontraste nicht. Nochmal einen Abzug herstellen.

So lief es noch vor gar nicht so langer Zeit bei Profi- und bei Hobbyfotografen ab; auch die Autorin hatte ihre Abstell- einst zur Dunkelkammer gemacht. Es war mühsam und zeitraubend, Fotoabzüge herzustellen, es erforderte Geduld, Sorgfalt, Genauigkeit. Es war eine zehnmal befriedigendere Tätigkeit, als Bildbearbeitungs-Software einzusetzen.

Dieser Meinung scheint auch der kanadische Fotograf Michel Campeau, Jahrgang 1948, zu sein, der sich in allen seinen Werkserien und als Sammler mit der analogen, sozusagen „guten alten“ Fotografie beschäftigt. Man könnte die ihm gewidmete Ausstellung im Fotografie Forum Frankfurt im Untertitel auch eine Hommage an eine aussterbende Kunst nennen. Sie heißt aber „The Donkey that Became a Zebra: Darkroom Stories“. Auf einer alten Schwarz-weiß-Aufnahme sieht man genau das: einen Esel, dessen Abbild man ziemlich geschickt schwarze Streifen aufgemalt hat.

Es ist keine für das Fotografie Forum typische Ausstellung. In Schaukästen liegt diverses, vorwiegend recht altes fotografisches Zubehör, zur Verfügung gestellt unter anderen von FFF-Chefin Celina Lunsford. In einem Raum stehen eine alte Couch, ein Tischchen mit einem aufgebauten Monopoly-Spiel: Denn ein Mann namens Rudolph Edse und Aufnahmen seiner Familie (etwa beim Monopoly) spielen eine wichtige Rolle. Edse (1913-1989) ist keine Berühmtheit gewesen, aber Michel Campeau hat an ihm fasziniert – nachdem er zufällig auf einige Dias gestoßen war –, dass dieser Amateur Selbstporträts und Familienbilder keineswegs beiläufig, dass er sie geradezu kunstvoll komponierte. Campeau kaufte alle Edse-Bilder, die er finden konnte, was zu dem nun auch in Frankfurt ausgestellten Projekt „Eine unbeabsichtigte Autobiographie“ führte.

„Frances Edse Looking Through the Optical Viewer of a Camera“.  

Man merkt das penible Arrangement von „Ilsedore Edse und ihre Tochter Frances lesen im Wohnzimmer“. Sich selbst hat Edse halb-lässig in einer Dunkelkammer und vor einem Regal mit Reihen von braunen Chemikalien-Fläschchen positioniert: „Rudolph Edse liest ein technisches Buch“. Seine Tochter Frances steht vor tiefblauem Himmel, es muss Sommer sein, und blickt lächelnd auf eine Kamera runter, die sie vor ihrem nackten Bauch hält. Auf einem anderen Bild spielt sie mit ihrem Bruder Peter Monopoly.

„Darkroom“ heißt eine ganz anders geartete Serie, für sie reist(e) Campeau zum Beispiel nach Havanna, Paris, Brüssel, Niamey, um dort Dunkelkammern zu fotografieren. In Niamey, Niger, sieht man einen alten Stuhl und Filmschnipsel. Auf einem anderen Bild kleine, teils löffelartige, an Drähten befestigte Teile zum Abwedeln, um kleine Bildbereiche vor zu viel Belichtung zu schützen. Man sieht an Wäscheleinen, mit Wäscheklammern befestigte Abzüge. Eine große Stoppuhr. Ein Abflussbecken ist durch Chemikalien mit der Zeit rot geworden. „Stranger Things“ heißt eine auf Netflix laufende US-amerikanische Science-Fiction-Mystery-Serie, ein gewisser Jonathan verfügt darin über eine Dunkelkammer. „Er legt das Foto in Wasser und das macht es irgendwie klarer?“, fragte ein verwirrter Fan der Generation digital. Ein anderer wollte wissen, was das ominöse rote Licht bedeutet, es fiel auch das Wort „magisch“.

Michel Campeau hat seine Buchsammlung fotografiert, die dicht an dicht platzierten Rücken bilden ein Muster, unter anderen tauchen die Namen Erich Salomon, Cindy Sherman, Irving Penn, Brassaï, Robert Frank auf. Er hat für die Serie „Industrielle Pracht und Fetischismus“ groß und prächtig einen Belichtungsmesser fotografiert, auch eine „Sinclair Traveller Una“, eine Kamera, unter der jeder Reisende heute stöhnen würde, auch eine Blitzlichtbirne, die „Sylvania Superflash Blue Dot“. Und er hat Gebrauchsanweisungen vergrößert und arrangiert, hinreißende Beschreibungen zu „How to Hold a Camera and Why“: Wie man eine Kamera richtig hält und warum. Das in einer Zeit, in der man ja noch Angst haben musste, das teure Filmmaterial zu verschwenden und auch nicht gleich nachgucken konnte, ob ein Bild was geworden ist.

Es ist auch eine von einem zarten nostalgischen Gefühl getragene Ausstellung, jedenfalls bei der Betrachterin. Ihr Inhalt ist wie aus einer anderen Zeit. Sie lockt Erinnerungen hervor, sie lässt einen überlegen: Wie war das noch mal genau? Jüngere Besucher müssen wohl das ein oder andere nachlesen, siehe oben, aber das kann dann auch ein Augenöffner sein, was die Kunst betrifft, die einst im scheinbar so Einfachen lag.

Termine

Fotografie Forum Frankfurt: bis 22. September. www.fffrankfurt.de

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