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Michael Triegels Altarbild soll aus dem Naumburger Dom entfernt werden

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Von: Ingeborg Ruthe

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Michael Triegel vor seinem Werk. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Michael Triegel vor seinem Werk. Foto: Hendrik Schmidt/dpa © Hendrik Schmidt/dpa

Michael Triegels Werk gefährdet angeblich Welterbe-Status des Naumburger Doms

Der neue alte Marienaltar zog magnetisch an, fünf Monate lang. Und die begeisterten Besucher des berühmten Naumburger Doms, die seit Juli zum Bildwerk des Erfurters Michael Triegel pilgerten, ahnten nichts von dem absurden Denkmalschutz-Streit hinter dem Gemäuer des Westchors mit den zwölf Stifterfiguren aus dem 13. Jahrhundert, mittendrin Uta von Naumburg, die „schönste Frau des Mittelalters“.

Nun muss das Bildwerk zum 4. Dezember raus aus dem Chor. Dabei hat der Dom St. Peter und Paul, eins der bedeutendsten Kulturdenkmäler aus der Zeit des europäischen Mittelalters, doch erst seit Sommer den 1541 von den Bilderstürmern zerstörten Altar zurück. Lucas Cranach der Ältere malte ihn 1519. Die Mitteltafel wurde Opfer der Ikonoklasten; die verwaisten Flügel waren über Jahrhunderte eingelagert.

Heiliger Petrus mit Basecap

Lange Zeit wünschten sich die evangelische Domgemeinde und die Stadt Naumburg den Altar zurück, und vor vier Jahren war die Zeit dafür reif. Die Vereinigten Domstifter beauftragten den für seinen altmeisterlichen und hyperrealistischen Stil bekannten Erfurter Maler Michael Triegel mit der Neuschaffung der Mitteltafel. Der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst unter anderem von Werner Tübke beeinflusste Künstler, der auch Papst Benedikt XVI. porträtierte, malte eine Marienszene, die auch Cranach akzeptiert hätte. Sie fügt sich harmonisch ein zwischen die Renaissance-Seitenflügel des Renaissance-Meisters. Für die Madonna saß Triegels sechzehnjährige Tochter Modell. In der Figurengruppe dahinter sind der Heilige Petrus mit Basecap, ein Rabbiner und der Pfarrer und Antifaschist Dietrich Bonhoeffer dargestellt: Die Gemeinde, Kunstkritik und Dombesucherinnen und Dombesucher waren entzückt von Triegels „Sacra Conversazione“.

Die Besucherzahlen des Doms schnellten in nie dagewesene Höhen. Vertreter der ICOMOS – das Denkmalschutz-Entscheidungsgremium für den Unesco-Status – empörten sich, der Altar versperre die Sichtachse zur romanischen Skulptur der Uta. Aber in dieser Achse stand dereinst auch Cranachs Werk, nur störte das im 16. Jahrhundert keinen. ICOMOS- Leute indes stoßen sich daran, dass so viel Publikum nun nicht mehr wegen Uta, sondern wegen des Triegel-Altars komme. Und der ist den „Hütern der reinen Lehre“ zu modern, verletzt in ihren Augen den erst 2018 zugeeigneten (und mit Geldmitteln verbundenen) Welterbe-Status des Doms. Als Drohbeispiel muss die moderne Waldschlösschen-Brücke herhalten, die Dresden den Unesco-Nimbus kostete, wegen des „zerstörten Canaletto-Blicks“.

Am 24. November ist das Schicksal des Triegel-Cranach-Altars Thema bei einem wissenschaftlichen Kolloquium in Naumburg. Aber er muss weg, in Kürze soll er touren, zuerst in eine Paderborner Kirche. Der Denkmalschutz beharrt darauf. Auch wenn alle Welt den Kopf schüttelt.

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