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Meron Mendel zieht documenta-Bilanz: „Lernwillen konnte ich nicht erkennen“

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Von: Lisa Berins

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In der Videoarbeit „Smashing Monuments“ von Sebastián Díaz Morales und Simon Danang Anggoro sprechen Mitglieder von Ruangrupa mit berühmten Denkmälern in Jakarta.
In der Videoarbeit „Smashing Monuments“ von Sebastián Díaz Morales und Simon Danang Anggoro sprechen Mitglieder von Ruangrupa mit berühmten Denkmälern in Jakarta. Foto: Berins © Berins

Festgefahrene Positionen und verhärtete Fronten: Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, zieht ein Fazit der documenta fifteen in Kassel.

Herr Mendel, am Sonntag endet die documenta fifteen. Welches Fazit ziehen Sie?

Wir hatten es im Grunde mit zwei documentas zu tun: eine documenta der Kunst und eine Skandaldocumenta, die vor allem in den Feuilletons verhandelt wurde. Diese beiden documentas haben nicht miteinander kommuniziert.

Das mit der Kommunikation war ja ein Kernproblem …

Es war sehr prägend; ich habe viel darüber nachgedacht. Fast alle haben sehr früh eine Position eingenommen, und dann versucht, immer weitere Belege für ihre Sichtweise zu finden. Jedes Lager hat sich in seiner Position festgefahren. Diskussionsräume waren nie wirklich vorhanden.

Woran lag das?

An Diskursdynamiken, die in den Medien entstehen. Und an einem Grundkonflikt, der in der Debatte um Antisemitismus bei Achille Mbembe rund um seinen geplanten Auftritt bei der Ruhrtriennale 2020 sichtbar geworden ist. Die Fronten sind fast identisch, nur ist die Lage noch verfahrener als damals. Die eine Seite sieht überall Antisemitismus, äußert undifferenzierte Vorwürfe bis zum Schluss und hat keine Scheu, die gesamte documenta als antisemitische Veranstaltung zu diffamieren. Und die andere Seite sieht nur eine Hexenjagd und Rassismus überall – und erkennt Antisemitismus nur, wenn er aus der rechten Ecke kommt. Die Leidtragenden waren unter anderem Künstlerinnen und Künstler aus Ländern wie etwa Namibia, Kenia, Kuba, die mit diesem Konflikt erst mal nichts zu tun hatten.

documenta in Kassel: „Ruangrupa sind ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden“

Wer trägt die Verantwortung für diese Fehlentwicklung?

Das ist eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Die documenta hat gezeigt, dass es schwierig ist, eine Diskussion zu führen, während die Veranstaltung schon läuft. Ruangrupa sind ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden: Sie haben zwar gesagt, dass alles Lumbung sei und alle mitreden dürften, dass sie hier seien, um zu lernen, aber ihr Verhalten war durchaus autoritär, auch im Umgang mit dem Expertengremium. Wissenschaftliche Kritik als Falschinterpretation herunterzuspielen oder sie gar als Rassismus darzustellen, ist nicht zielführend. Offenheit und Lernwillen konnte ich beim Kuratorenkollektiv nicht erkennen. Es wäre wichtig gewesen, unterschiedliche Lesarten nebeneinander gelten zu lassen. Die Frage, die mich beschäftigt, ist: Wie geht’s weiter?

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. © dpa

documenta in Kassel: Wie mit BDS-Bewegung in Kunst- und Kulturbetrieb umgehen?

Ja, wie?

Ein Projekt kann man nicht in dieser Größe über die Bühne bringen, ohne eine klare Verantwortung und Zuständigkeit zu benennen. Das ist bis zum Schluss der Ausstellung ein großes Problem. Eine Ausstellung, die aus öffentlicher Hand finanziert wird, muss am Ende klare Verantwortliche haben, die Rede und Antwort stehen, für Qualität und Inhalt der Ausstellung Sorge tragen. Aber es war scheinbar niemand für irgendetwas verantwortlich. Das war auch ein Grund, warum ich mich zurückgezogen habe. Das muss für die kommende documenta geklärt werden. Abgesehen davon sollte aufgearbeitet werden, wo die Diskussion schiefgelaufen ist, welche Dynamiken es gab. Dazu starte ich mit dem documenta-Institut eine auf ein Jahr angelegte Diskursstudie. Ziel ist es, eine empirische Basis für eine Analyse zu haben. Vielleicht kann man die Diskussion dann weniger emotional und mehr auf Grundlage von Tatsachen führen. Eines ist auffällig: Alle reden über die documenta, doch jeder redet über etwas anderes. Unter dem Label „Documentaskandal“ werden mehrere Debatten gleichzeitig geführt.

Welche genau?

Neben den Fragen nach dem Verhältnis zu Israel und der deutschen Erinnerungskultur geht es auch um die bisher ungelöste Frage, wie wir mit der BDS-Bewegung im Kunst- und Kulturbetrieb umgehen. Einerseits ist es problematisch, wenn wir uns in den Zwang bringen, jeden Gast, den wir nach Deutschland einladen, vorher zu durchleuchten und genau untersuchen, welche Petitionen er oder sie unterschrieben hat. Auf der anderen Seite kann man auch nicht ignorieren, dass auf der documenta hauptsächlich negative Darstellung von Juden vertreten waren. Zukünftig wird es eine stärkere Selbstreflexion in der Kunst und Kulturszene geben müssen: Vielleicht gibt es doch blinde Flecken in den postkolonialen Ansätzen? Will man eine homogene, verzerrte Darstellung von Israel als Kolonialisierungs- und Schurkenstaat dulden? Bei der documenta fifteen fehlte es definitiv an Pluralität, um diese einseitige Sichtweise herauszufordern. Es gab keine Kunstwerke, die ein differenziertes Bild von Israel gezeichnet hätten. Da frage ich mich natürlich schon, ob es eine ideologische Tendenz gab. Die Kunst ist frei, und man sollte ihr keine Richtung vorgeben. Aber vielleicht sollte man schon fragen, auch bei anderen Kunst- und Kulturfestivals, ob Akteurinnen und Akteure die Plattformen nutzen, um politische Agitation im Schutz der Kunstfreiheit zu betreiben. (Interview: Lisa Berins)

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