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Eine Büste des Künstlers Daniele da Volterra zeigt Michelangelo.

Michelangelo in Bonn

Der menschliche Geist ist in seinem Leib gefangen

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„Der Göttliche – Hommage an Michelangelo“ in der Bundeskunsthalle Bonn geht dem Einfluss einer Großmacht der Künste bis in die feinsten Regungen und Posen seiner Bewunderer nach.

Mehr Bock als Mensch war Michelangelos berühmter „Moses“ in den Augen des britischen Porträtmalers Jonathan Richardson. Und Papst Hadrian fühlte sich in der Sixtinischen Kapelle angesichts der vielen Nackten in ein römisches Dampfbad versetzt. Es gab sie zu allen Zeiten: die Verächter des göttlichen Michelangelo. Sie rümpften die Nase über seine kraftstrotzenden Figuren, mokierten sich über den Geniekult, der um ihn getrieben wurde, und hielten seinem Pathos die feingliedrige Andacht Raffaels entgegen. Blöd nur, dass sich Raffael, nach einer berühmten Anekdote, heimlich in die verrammelte Sixtinische Kapelle geschlichen hatte, um mit eigenen Augen zu sehen, was Michelangelo dort trieb – und als ein anderer wieder herauskam.

Man wird diese Form der Werksspionage kaum als Hommage bezeichnen wollen – und doch zeigt sie ganz wunderbar, warum sich Michelangelo Buonarroti (1475-1564) bis auf den heutigen Tag niemand entziehen kann. So wie man von ihm zu Lebzeiten nichts als Wunderdinge erwartete, so wurde nach seinem Tod alles zur Legende. Michelangelos Leben gab den Stoff her, aus dem Heldengeschichten sind, um alles Weitere kümmerten sich seine Biografen.

Giorgio Vasari, Erfinder der Künstlerbiografie, schmückte aus, erfand hinzu, übertrieb und dürfte der Wahrheit damit doch ziemlich nahe gekommen sein: Michelangelo lebte in einer Epoche, in der Malerei und Bildhauerei, bis dahin geachtete Handwerke, allmählich als der Poesie ebenbürtige Künste Anerkennung fanden. Zunächst profitierte er von diesem Wandel, dann verkörperte er ihn. In der ersten Ausgabe von Vasaris Michelangelo-Biografie fällt der Begriff „göttlich“ rund 20 Mal. Bei der zweiten Auflage musste es schon die doppelte Anzahl sein.

Im Grunde sonnen sich alle Künstler im Ruhme Michelangelos – selbst wenn sie seinem verblüffenden Werk nicht nacheifern. In der Bundeskunsthalle Bonn wird nun unter dem Titel „Der Göttliche – Hommage an Michelangelo“ die Geschichte dieser meist ehrfürchtigen, gelegentlich rivalisierenden, aber nie ganz uneigennützigen Verehrung nacherzählt. Und weil fast alle berühmten Werke des Architekten, Bildhauers und Malers an ihren Ort gebunden sind, ist die Ausstellung zugleich eine kleine Mediengeschichte der Kunst: Bereits zu Lebzeiten Michelangelos zirkulierten Nachzeichnungen seines „David“ oder des „Jüngsten Gerichts“ in den europäischen Metropolen, später kamen verkleinerte Abgüsse, Druckgrafiken und im 19. Jahrhundert Fotografien hinzu. An ihnen schulten und maßen sich die Maler und Bildhauer, sofern sie nicht nach Rom oder wenigstens nach Florenz reisen konnten, um es dem spionierenden Raffael gleichzutun.

Auch in Bonn wird der Besucher vergeblich nach Michelangelos Originalen suchen, sieht man einmal von Candida Höfers Aufnahme des „David“ in der Fluchtlinie des ersten Ausstellungssaales ab. Man muss die Vorbilder für die rund 250, aus halb Europa zusammengetragenen Kopien und Hommagen, also stets im Kopf haben – was vielleicht die sehr vorsichtige Dramaturgie der Ausstellung erklärt. Die Kuratoren haben einen Rundgang entworfen, der Motivgruppen („Die Aktstatue“, „Moses“, „Kämpfer und Sieger“), Orte („Die Skulpturen der Medici-Kapelle“) und Sonstiges („Virtuose Meisterwerke“) aneinanderreiht, was die Sache schön übersichtlich, aber auch etwas beliebig erscheinen lässt. Zudem ergibt sich durch die Gliederung ein Ungleichgewicht: Während sich der Einfluss, den Michelangelos revolutionäre Darstellung des menschlichen Körpers auf die nachfolgenden Künstler hatte, vorzüglich nachvollziehen lässt, ist das zweite große Thema der Michelangelo-Rezeption, die Geburt und das Selbstverständnis des modernen Künstlers, deutlich unterrepräsentiert.

Ähnlich wie Leonardo war Michelangelo vom menschlichen Körper fasziniert. Er sezierte Leichen, malte statt nach Statuen nach lebenden Modellen und studierte den Leib so lange, bis er jede Faser und jede Regung erkundet hatte. Schien eine Heldenpose zu verdreht, spornte ihn dies nur umso stärker an, sie natürlich aussehen zu lassen. So half sein Ehrgeiz, die italienische Hochrenaissance zu vollenden und diese gleichzeitig zu überwinden: In der Schau belegen vier dramatisch abstürzende „Himmelsstürmer“ (1588) von Hendrick Goltzius, dass Michelangelo einer der Väter des Manierismus war.

Gleich neben den „Himmelstürmern“ hängen vier Aktfotos von Robert Mapplethorpe. Auf den nackten „Thomas“ (1987) blicken wir ebenfalls wie durch ein Fernglas, nur dass der kreisrunde Bildausschnitt bei Mapplethorpe so eng gefasst ist, dass er das Modell in immer neue Posen des Aufbegehrens zwingt. Diese Fesselung schließt an Michelangelos „Sklaven“-Skulpturen an und zeigt, wie universell und zeitlos dessen Auffassung des Körpers ist: So wie die Skulptur im Stein gefangen ist, so ist der menschliche Geist in seinem Leib gefangen. Dass es sagenhaft modellierte Leiber sind, gerät auch dem Melancholiker Mapplethorpe zum Trost.

Misslungen ist die Bonner Ausstellung nicht. Sie ist lehrreich, zeigt wunderbare Leihgaben wie Caravaggios „Johannes der Täufer“ (1602) oder eine „Pietà“ (1603) von Annibale Carraci her, bietet manches Kleinod und verfolgt Michelangelos Liebe zum Unfertigen überzeugend bis zum versehrten „Gladiator“ (1971) von Alfred Hrdlicka.

Aber die Hommage schöpft die Bedeutung des Geehrten nicht voll aus. Sie zeigt nur andeutungsweise, etwa in einer Reihe von Michelangelo-Porträts, wie Künstler immer wieder auf sein Vorbild zurückgriffen, um ihr eigenes Selbstverständnis zu inszenieren. Am berühmtesten ist in dieser Hinsicht Eugène Delacroix’ „Dantebarke“ (1822), mit dem er, ein Gedicht Michelangelos und dessen „Jüngstes Gericht“ zitierend, das Programm der modernen Kunst entwirft: Der Maler als Schiffbrüchiger auf dem Todesfluss, verzweifelt um Anerkennung und Vollendung ringend.

Das Fehlen der „Dantebarke“ (sie hängt im Louvre) muss man den Kuratoren vorhalten – und gleichzeitig kommt man sich dabei ein wenig kleinlich vor. Vielleicht wie Vincent van Gogh, der an Michelangelos eigentlich „herrlichen“ Figuren monierte, ihre Beine seien „entschieden zu lang“ und die Hüften und Hinterteile „zu breit“. Immerhin ist in Bonn anstelle der „Dantebarke“ eine etwa 50 Zentimeter hohe, vollständig mit Yves-Klein-Blau überpuderte Kopie des „Sterbenden Sklaven“ zu sehen. Mit dieser halbironischen Geste von 1962 fügte Klein die kunstgeschichtliche Ikone ins eigene Werkverzeichnis ein, so wie er zuvor schon eine Fotografie des Himmels signiert hatte. Auf die Idee, sich als gottgleichen Schöpfer zu inszenieren, wäre der „Göttliche“ nie gekommen. Dafür brauchte es einen modernen Künstler.

Aber welcher moderne Künstler kann schon von sich behaupten, Herrschern abgesagt zu haben, weil ihn ein Papst mit Aufträgen überhäufte. Falls man im Jenseits meißeln und malen könne, ließ Michelangelo den König von Frankreich ausrichten, werde er dort seinen Wunsch gerne erfüllen. Wenn es ein Jenseits gibt, wartet der König dort vielleicht immer noch vergebens. Oder er gibt sich, wie wir, mit den Kränzen zufrieden, die eine dankbare Nachwelt Michelangelo geflochten hat.

Bundeskunsthalle, Bonn: bis 25. Mai. Der Katalog ist im Hirmer-Verlag erschienen. www.bundeskunsthalle.de

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