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"Sonne statt Regen" heißt diese Installation, die der Künstler Olafur Eliasson im Jahr 2006 in München präsentierte (Archiv).
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"Sonne statt Regen" heißt diese Installation, die der Künstler Olafur Eliasson im Jahr 2006 in München präsentierte (Archiv).

Dänemarks wohl aufregendstes Kunstmuseum

Mensch und Regenbogen

  • VonIngeborg Ruthe
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Olafur Eliasson setzt ein Panorama aufs Kunstmuseum im dänischen Aarhus. Der weltbekannte Spezialisten für Kunst, die es mit Physik und Chemie hält, macht das Museum damit zum neuen Wahrzeichen der 300.000-Einwohner-Stadt.

Der Teufel hat Geburtstag, sagen Abergläubische, wenn es regnet und dabei die Sonne scheint. Meist folgt dann ein Phänomen. Am dunkelblauen Himmel wölbt sich ein Bogen aus schwefligem Gelb, Violett, Blau, Grün, Zitronengelb und einem Rot, das Himbeersirup gleicht und Sekunden später so aussieht, als würde einer Campari in den Orangensaft gießen. Das Naturschauspiel hält noch ein bisschen. Dann lässt das Sonnenlicht die flüchtige Schönheit verblassen, verschwinden.

Wer hat sich als Kind nicht gewünscht, durch einen Regenbogen zu laufen. In Aarhus, der zweitgrößten und im Durchschnittsalter jüngsten Stadt Dänemarks, ist dieser Wunsch am Wochenende Realität geworden. Noch steht der riesige Kran, der den Aufbau ermöglichte, neben dem ARoS-Museumsquader. Auf dem Dach des großen, aus roten Backsteinen, Glas und Stahl gebauten Kunsthauses entfaltet für immer ein Regenbogen sein Panorama, gehalten von zwölf Stahlsäulen. 150 Meter im Rund, dreieinhalb Meter breit und ebenso hoch ist der Bogen, für den 150 Tonnen Stahl und 60 Tonnen farbigen Spezialglases verbaut wurden.

Jedermann kann in dem Bogen herumlaufen, den Farbwechsel auf sich wirken lassen, seine Höhentauglichkeit testen, sobald man an den äußeren Rand tritt, was lieber bleiben lassen sollte, wer nicht schwindelfrei ist. Die jütländische 300.000-Einwohner-Stadt wollte ein modernes Wahrzeichen haben. Nun hat sie’s von Olafur Eliasson bekommen, dem in Berlin lebenden weltbekannten Spezialisten für Kunst, die es mit Physik und Chemie hält.

Der 44-jährige Däne mit isländischen Wurzeln scheint Höhenangst nicht zu kennen. Seit einer halben Stunde steht er im Panoramarund, an der Stelle, wo das Gelb zum Rot wird, wenn die Sonne den Kampf gegen die Regenwolken über Jütland mal vorübergehend gewinnt. Ja, er hat rasch Ja gesagt zu diesem Auftrag. Das Regenbogen-Mysterium gehört schon längst zu seinem Skulpturen-Spektrum, es ist sozusagen geradezu ein Leib-und Magenthema dieses Künstlers mit seiner Forscher- und Ingenieursseele. Raum, Zeit, Architektur und Licht, das sind die Ingredienzien seiner Kunst, das erlebte Berlin erst letztes Jahr in Eliassons Schau im Gropius-Bau. Licht, sagt er, habe eine soziale Funktion. Aus Licht könne man Großes, Schönes,Gutes machen. Mühelos balanciert er zwischen Kunst, Architektur, Wissenschaft und Forschung. Er redet über das Potenzial von Kunst im öffentlichen Raum und zeigt hier oben über der Stadt, was er damit meint.

Es gefällt ihm, dass er das Regenbogen-Panorama ausgerechnet für Dänemarks wohl aufregendstes Kunstmuseum machen konnte, das ARoS steht seit 2004, gebaut haben es die dänischen Architekten Schmidt, Hammer und Lassen. Innen ähnelt der Bau frappierend dem New Yorker Guggenheim Museum. Geht es dort auf einer Spirale hoch zu den Werken Kandinskys, zum „Geistigen in der Kunst“, so gelangt man in Aarhus, ebenfalls auf einer Spirale, von ganz unten, aus einem schwarzen Labyrinth der „Neun Räume“ mit internationaler Videokunst, die sich auf Dantes „Göttliche Komödie“ bezieht, gleichsam von der Hölle durch die neun Kreise des Jenseits hoch zum Himmel, zum Licht, zu der Erkenntnis, dass die Welt also doch gut und schön sein kann.

Regebogen für acht Millionen Euro

60 Millionen Dänenkronen, etwa acht Millionen Euro hat eine private Stiftung sich den Regenbogen kosten lassen, und wer nach dem achten Stock hinaus tritt ins Panorama wird belohnt mit der 360-Grad-Aussicht auf die Türme der Stadt, auf den gotischen Dom und die neue gläserne Konzerthalle – das Scandinavia-Center –, auf die Universität und den Hafen, auf die Wohnhäuser und Parks, auf das Jugendstil-Theater, wo links und rechts des Eingangs „Shakespeare“ in Mosaik geschrieben steht. Man schaut bis zum Kattegat mit der Insel Samsø, auf die Mols Bjerge und bis zum jütländischen Seenhochland.

Sein Kunstprinzip, erklärt Eliasson geduldig den in Massen angereisten skandinavischen Presseleuten, könne man als Nachahmung der Natur durch Technik und Wissenschaft bezeichnen. Die Maler schaffen seit uralter Zeit Illusionen von der Welt mit Pinsel und Farbe; er mache es seit Jahren mit Licht, mit Spiegeln, Wasser, Eis und Nebel. In der Turbinenhalle der Tate Modern inszenierte Eliasson den Sonnenaufgang. In die Berliner Galerie Neugerriemschneider setzte er Eisbrocken von bedrohlich schmelzenden Island-Gletschern. Die Krise unseres ökologischen Systems treibt ihn an zu Kunst von magischer Kraft. In New York ließ er Kaskaden von Wasserfällen in den Hudson-River stürzen. Und nun dieser Regenbogen über Aarhus.

Nein, er wollte kein zeitlos monumentales Manifest. „Aarhus ist eine moderne, sehr dynamische Stadt, das ist wohl meist so bei den zweitgrößten Städten in einem Land.“ Panoramen seien in der Kulturgeschichte meist Mittel der Macht gewesen. „Ich wollte hingegen ein demokratisches Zeichen setzen: Man schaut hinunter auf die Stadt. Und die Stadt wiederum schaut auf ihr Kunstmuseum. Es entsteht eine Doppelperspektive. Der Regenboden könnte als Referenzpunkt gesehen werden, vielleicht wie ein Leuchtturm.“

Eliasson sagt, wenn er in seinen Arbeiten die Natur quasi noch einmal erfinde, könne er den Menschen vielleicht ihr eigenes einmaliges Dasein auf dem einzigartigen Planeten bewusst machen. „Ich will das nicht durch apokalyptische Bilder erreichen, vielmehr durch Schönheit.“ Und weil ihn für seine Kunst ganz besonders interessiert, wie das menschliche Auge Licht und Farben wahrnimmt, ließ er diesen künstlichen Regenbogen entstehen. Ganz perfekt aber dürfe eine solche Illusion dann doch nicht sein, schränkt er ein. „Der Betrachter muss schon merken, dass die Sache konstruiert ist, denn erst dann beginnt er ja, über Bekanntes und Gewohntes neu und vor allem kritisch nachzudenken.“

Sieht er für seine Aarhuser Arbeit einen Heimspielvorteil? „Nun die Leute hier sind keineswegs unkritisch, nur weil ich aus Kopenhagen stamme“, sagt Eliasson. „Ich hoffe, dass sich das Verhältnis meiner Arbeit zur Stadt und umgekehrt freundschaftlich entwickelt, Freundschaft ist etwas, das man nicht kaufen kann. Die muss wachsen.“

Ein Regenbogen ist für jeden, der ihn sieht, etwas Kostbares. Und immer etwas Flüchtiges. Es sind kleine Naturwunder. Eliassons Aarhuser Regenbogen aus Glas aber sagt: Die Wunder macht man alle selber. Alle Antworten in dieser Welt existieren bereits. Man muss bloß die richtigen Fragen stellen. Hoffentlich auch die, ob man für immer ein Kind bleiben und trotzdem erwachsen werden kann. Vor der Antwort, ob das denn möglich sein könnte, haben die meisten Leute Angst. Aber sie lautet: Ja.

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