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Max Liebermann: Der mit dem „lässigen Strich“

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Von: Ingeborg Ruthe

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Max Liebermann, „Stevenstift in Leiden“ (1. Fassung), 1889/1890. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie
Max Liebermann, „Stevenstift in Leiden“ (1. Fassung), 1889/1890. Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie © Nationalgalerie

Vor 175 Jahren kam Max Liebermann zur Welt. Eine etwas andere Hommage in Berlins Alter Nationalgalerie.

In einer düsteren Bauernkate rupfen Frauen toten Gänsen die weißen Federn aus dem gebrühten Balg. Max Liebermann, Malerei-Student an der Weimarer Kunstschule, wurde – heute würde man sagen – gebasht für diese exzellent beobachtete, jedoch martialische und zugleich ärmliche Sozial-Szene von 1872. Nein, es war nicht die Zeit, um der nachbiedermeierlichen Gesellschaft in Deutschland mit einem solchen Bild zu gefallen.

Hohn und Spott gab es bei der ersten Ausstellung der „Gänserupferinnen“. Trotzdem kaufte der Eisenbahn-Millionär Strousberg das Gemälde. Mit dem Geld konnte Liebermann endlich nach Paris reisen. Dort traf er auf die Impressionisten – und hatte die Initialzündung für seine Malerei mit Licht. „Für mich ist es immer unerhört gewesen, dass Liebermann als 24-jähriger Student diese irre Bild malte“, staunt Martin Faass, der Direktor des Hessischen Landesmuseums Darmstadt.

Seine Gedanken zu dem Motiv sind per App zu erfahren. Der QR-Code fürs Smartphone klebt gleich unter dem Bild. Analoges Sehen und ein digitales Statement – das ist das Besondere an dieser vom Direktor Ralph Gleis initiierten Ausstellung „Mein Liebermann“ in der Alten Nationalgalerie, eine Hommage für den vor 175 Jahren in Berlin geborenen Maler. 22 Gemälde besitzt das Haus auf der Museumsinsel von dem Mann, der Ende des 19. Jahrhunderts den Impressionismus aus Frankreich nach Deutschland brachte. 13 seiner Motive füllen jetzt den Saal. Und zu jeweils einem Bild verraten unterschiedlichste Leute – Schauspieler, Künstlerinnen, Kunsthistoriker, Museumswärter und auch Schulkinder – ihre ganz persönlichen Assoziationen. Ein etwas anderer Weg eben, Kunst aus einer längst vergangenen Zeit auf nichtakademische Weise in die unsrige zu holen, aus völlig individuellen Blickwinkeln. „Ein Experiment“, so Ralph Gleis.

Am 20. Juli vor 175 Jahren kam Liebermann in Berlin in einer aufgeklärten jüdischen Familie zur Welt. Durch die Begegnung mit den französischen Impressionisten fand er zu lichter Farbigkeit und diesem schwungvollen Farbauftrag. Der Maler, der einmal den denkwürdigen Satz niedergeschrieben hat, jeder Künstler sei auch ein Kind seiner Zeit, steht für den Übergang von der Kunst des 19. Jahrhunderts hin zur frühen Moderne. Er überwand den engen Wilhelminismus, ohne die wilden künstlerischen Tänze auf dem Vulkan der Weimarer Republik mitzumachen. Liebermann stärkte als progressiver Präsident die Berliner Secession. Er war mit Käthe Kollwitz, Edvard Munch und Walther Rathenau befreundet, förderte deutsche Impressionisten wie Corinth und Slevogt, ermunterte und beriet den National-Galerie-Direktor Hugo von Tschudi zum Ankauf französischer Impressionisten, obwohl Kaiser Wilhelm II. diesen Stil hasste. Von 1920 bis 1932 war Liebermann Präsident, dann Ehrenpräsident der Preußischen Akademie der Künste. Demonstrativ verließ er die Instanz, als Hitler an die Macht kam. Bis zu seinem Tod 1935 zog er sich zurück, eine Art innerer Emigration.

Theodora und Mathilde gehören zum Kreis der „Kleinen Freunde der Nationalgalerie“. Sie lieben alte und neue Geschichten um die Kunst. Jetzt haben sie mitgemacht beim Projekt der Alten Nationalgalerie. Die Freundinnen suchten sich Liebermanns „Kleinkinderschule in Amsterdam“ von 1880 aus. 13 Knirpse in Schürzenkleidchen sitzen auf einer Bank, stecken die Köpfchen zusammen. Eine gestreng wirkende alte Frau sitzt strickend am Tisch. Die Aufsicht. Kein Vergleich mit den modernen Erzieherinnen und Erziehern mit ihrem Bildungsauftrag in den Kindergärten von heute. Aber immerhin gab es zu dieser Zeit in den Niederlanden Orte, an denen arbeitende Mütter ihre Kinder bewahrt wussten. In Deutschland hatte der Pädagoge Friedrich Fröbel 1840 den ersten Kindergarten gegründet.

„Wenn man länger hinsieht“, so Theodora und Mathilde, „ist es, als wenn man mit in dem Zimmer sitzen und den Kindern zuschauen würde ... .“ Was auffällt: Dieses in der dunklen tristen Stube auftreffende Licht, das der Maler von vorn, aus seiner Perspektive, auf die Kinder fallen ließ.

Mir fällt das Bilderbuch ein, das zu Hause im Regal steht: „Maxe, unser Liebermann“ des Kinderkunstbuch-Autors Arno Neumann, das der DDR-Kinderbuchverlag Berlin 1986 herausbrachte und das bald vergriffen war. Garantiert auch eine Menge Erwachsene holten sich darin etwas Grundwissen über den einzigartigen und mit seiner Stadt eng verbundenen Maler, der zeitloser (trotz der Zeitbezogenheit) nicht sein kann. Er malte Kinderarbeit, auch im 21. Jahrhundert noch Praxis in vielen Teile der Welt. In Liebermanns Hauptwerk „Flachsscheuer in Laren“ von 1887 sind es Frauen und Kinder, die in einer Scheune, wo parallel gemalte Balken und Dielen die Monotonie verstärken, in größter Alltäglichkeit, schicksalsergeben den Flachs spinnen und die Fäden mithilfe von Schwungrädern auf die Spindeln wickeln.

Inka Bertz, Kuratorin am Jüdischen Museum Berlin, nahm das Bildnis Emil Rathenaus, des jüdischen AEG-Gründers, in den Blick und konstatiert per App: „Liebermann macht aus dem Porträt eine Gesichtslandschaft“. Und die Malerin Valerie Favre fasst ihre Exegese des Porträts des legendären Museumsgenerals und Machtmenschen Wilhelm Bode so zusammen: „Das Drama liegt für mich in den Objekten im Bild. Die Verbindung zwischen der Figur, den Farben und dem Hintergrund. Man sieht, er hat lange versucht …“.

Der Schauspieler Tom Schilling hat sich am Motiv „Landhaus in Hilversum“ von 1901 festgeguckt, fühlt sich nicht nur erinnert an die Landhäuser, die schon Manet malte und die Liebermann zu diesem Motiv in einem Park mit alten Bäumen und dem lichtbeschienen Haus anregten. Der junge Ostberliner erzählt in der App auch: „Als ich zum ersten Mal in der Alten Nationalgalerie war – so mit 12 oder 14 –, bin ich an Liebermann kleben geblieben. Seinen Strich fand ich so lässig!“

Alte Nationalgalerie , Berlin: bis 13. November. www.smb.museum/ang

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