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„Der Abend (Selbstbildnis mit den Battenbergs)“, 1916.
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„Der Abend (Selbstbildnis mit den Battenbergs)“, 1916.

Städel

Max Beckmann: Eine Welt kurz vor der Implosion

  • VonSandra Danicke
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„Städels Beckmann/Beckmanns Städel“ nimmt die wechselvolle Geschichte zwischen Künstler und Stadt in den Blick.

Der Schampus schäumt, die Zigarre brennt, der Smoking sitzt. Trotzdem scheint dem Künstler nicht zum Feiern zumute zu sein. Sein Gesichtsausdruck wirkt seltsam verkrampft, die Hand mit der Zigarre ist eigenwillig verdreht. Man könnte das für eine affektierte Geste halten, wäre die Hand nicht so blutleer und grau. Max Beckmanns 1919 entstandenes „Selbstbildnis mit Sektglas“ zeigt den Künstler am Tresen einer Bar. Im Hintergrund sieht man einen lachenden feisten Mann mit teuflisch spitzem Ohr und eine verzerrte Fratze im Spiegel. Der Raum ist extrem beengt.

Tatsächlich sieht es so aus, als sei der Künstler zwischen Theke und Wand, Sektkühler und dickem Mann vollständig eingeklemmt. Von heute aus betrachtet wirkt das Bild fast schon prophetisch: Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, die Goldenen Zwanziger haben nicht einmal begonnen. Trotzdem hat man das Gefühl, als habe der Maler das Scheitern der Weimarer Republik bereits vorausgeahnt.

Das „Selbstbildnis mit Sektglas“ steht im Zentrum einer kleinen, aber feinen Ausstellung im Frankfurter Städel Museum mit dem Titel „Städels Beckmann/ Beckmanns Städel. Die Jahre in Frankfurt“. Grund ist die Erwerbung des Bildes durch das Museum (FR v. 15. Oktober 2020), die einen Anlass bot, die wechselvolle Geschichte zwischen Künstler und Stadt noch einmal in den Blick zu nehmen.

Nach Frankfurt kam Beckmann (1884-1950), der im Ersten Weltkrieg als Sanitätshelfer gedient hatte, 1915, als er wegen eines Nervenzusammenbruchs vom aktiven Kriegsdienst freigestellt wurde. Er blieb bis 1933, als er von den Nationalsozialisten aus seiner Lehrtätigkeit an der Frankfurter Kunstgewerbeschule gedrängt wurde. In dieser Zeit freundete er sich mit dem damaligen Direktor des Städels, Georg Swarzenski, an, der eine ganze Reihe von Beckmann-Werken für das Museum erwarb: 13 Gemälde und mehr als 100 Zeichnungen und Druckgrafiken, die von den Nationalsozialisten 1937 fast vollständig beschlagnahmt wurden.

Die Horrorszenarien

Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb das Museum erneut eine größere Anzahl von Beckmann-Werken. Darunter diverse Selbstbildnisse. Und den ebenfalls 1919 entstandenen Zyklus „Die Hölle“, der zu den Highlights der Ausstellung zählt. Elf Kreidelithografien, in denen der Künstler die Welt nach dem Ersten Weltkrieg zu eindringlichen Horrorszenarien verdichtet und bereits wesentliche Stilmittel virtuos eingesetzt hat: die kantigen Umrisse, perspektivischen Verzerrungen und unkorrekten Maßstäbe hat Beckmann hier in enge Gefüge gepresst, so dass einige dieser Blätter den Eindruck erwecken, sie stünden kurz vor der Implosion.

Es dauert eine Weile, bis man sich in den klaustrophobisch gedrängten Bildräumen zurechtfindet und die komplex verschachtelten Szenen vollständig entschlüsselt hat. Bis man die verstümmelten, verrohten, hungrigen und vergnügungssüchtigen Individuen aus ihren Zusammenhängen gelöst hat, in die sie so eng verkeilt und verstrickt sind. „Noch nie hatte ich Kunst von solcher Giftigkeit, solcher Bitternis gesehen“, resümierte der Berliner Galerist Jsrael Ber Neumann, der den Zyklus nach seiner Fertigstellung umgehend gekauft hatte. Er musste jedoch feststellen, dass die inhaltlich und formal so drastischen Kompositionen sich zunächst überhaupt nicht weiterverkaufen ließen.

Es sind schlaglichtartige Szenen aus einem großstädtischen Alltag, in denen Beckmann eine traumatisierte Gesellschaft porträtiert und den Betrachterinnen und Betrachtern ihre Ängste und Nöte förmlich um die Ohren haut: eine hungrige Familie, die um eine kümmerliche Dose Sardinen herum am Esstisch sitzt, unheimliche Begegnungen und Ereignisse auf offener Straße, ein grausames Verbrechen auf dem Dachboden, eine hektische Tanzszene, die jeglicher Vergnügung entbehrt. Geht man im Anschluss dann noch einmal zum „Selbstporträt mit Sektglas“, erscheint einem der Blick des Künstlers regelrecht diabolisch.

Städel Museum , Frankfurt: bis 29.August. www.staedelmuseum.de

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