Maria Lassnig n der Neuen Nationalgalerie Berlin – Ihre bösen Bilder

Die Neue Nationalgalerie Berlin lenkt den Blick in ihrer Präsentation „Zerreißprobe“ auch auf Maria Lassnig und ihre tabulose, bis heute beunruhigende Malerei.
Höchste Zeit, die Lücken in der Kunsterzählung des 20. Jahrhunderts zu füllen. Man muss nicht feministisch sein, um gutzuheißen, dass die Sammlungen der Neuen Nationalgalerie Berlin diesbezüglich aufholen, auch wenn der Ankaufsetat in diesen Sparzeiten dürftig ist. Als der Mies-Tempel 2021 nach der Generalsanierung wiedereröffnete, lag der Anteil an weiblicher Kunst bei beklagenswerten 19 Prozent. Mittlerweile sind es 25 Prozent. Direktor Klaus Biesenbach betont, zur Eröffnung des Museums des 20. Jahrhunderts am Kulturforum müssten es 50 Prozent sein!
Halb als Versprechen, halb als Ermahnung sind quer durch die Schau über die Zerrissenheit der Kunst aus West und Ost im Kalten Krieg neben dem Sammlungsbestand auch markante Leihgaben aus dem Lebenswerk von Künstlerinnen ausgebreitet, die dem Freundeskreis der Nationalgalerie wie anderen großmütigen Sponsoren ins Auge fallen sollten.
Insbesondere an zwei großen Leinwänden kommt man nicht vorbei, ohne gepackt zu werden von in keine Stilschublade passenden Körper-Szenerien. Gemalt hat diese ruppig-schönen, alles Patriarchalische aufspießenden Motive die unvergessene Maria Lassnig, geboren 1919 in Kärnten, gestorben 2014 in Wien. Spät erst galt sie der Alpenrepublik als „große alte Dame“ der Malerei. Sie hat es mit Gelassenheit und charmantem Schmäh noch „ein bisserl“ genossen, gerade bei der jungen Szene so angesagt zu sein für ihre „Knödel und Farbhaufen“, wie sie ihre Bilder selbstironisch nannte.
Die Neue Nationalgalerie könnte Lassnigs „Patriotische Familie“ von 1963 haben. Das Motiv steht wie ein Pinselhieb für den Diskurs über die Rollen der Frau in der geschichtsignorant und männerdominiert nach Wohlstand, Konsum, perfekter Glückserfüllung und heiler Familienwelt strebenden Nachkriegsgesellschaft und deren Kunstbetrieb. Geradezu boshaft, mit groben, zugleich virtuosen Farbzügen und Körper-Konturen malte die einstige Klosterschülerin den Geschlechterkampf auf grüner Wiese, vor blauem Himmel und Wasser. Eine verlogene Paradies-Illusion, in der die picassoartig hingereckt liegenden Weibchen makellos schön und brav bewacht werden von einem sexgesteuerten Musketier in militärischer Camouflage-Kluft.
Rabiat verbeulte Lassnig ihre Figuren, als verachte sie ihre sich dem chauvinistischen Frauenbild anpassenden Geschlechtsgenossinnen – und macht aus dem Macho eine Karikatur. Sich selber indes schonte sie ebenso wenig, wie sie sich als wildes, grobschlächtiges „Selbstporträt als Indianergirl (Self-Portrait as Native American Girl)“ auf einem schmächtigen Pferdchen darstellte. Es ist das zweite Lassnig-Bild, das vakant wäre für Berlin. Die Malerin machte darin ihrem Verdruss Luft, dass die Gleichberechtigung – auch in der Kunstszene der USA, dem „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ – keineswegs gegeben war. Sie hatte Österreich 1969 den Rücken gekehrt in dem Glauben, in Übersee gehe es moderner zu. Aber die Menschen hier fanden ihre Körperbilder hässlich und morbide.
Für Maria Lassnig war das ein enttäuschendes Déjà-vu. Als junge Kunststudentin in Österreich war sie 1943 von ihrem Lehrer Wilhelm Dachauer aus der Malklasse an der Wiener Kunstakademie hinausgeworfen worden mit der Begründung, sie verderbe mit ihren „entarteten Farben“ seine anderen Studenten und Studentinnen. Gleich nach dem Krieg ging sie nach Paris, traf die Surrealisten um Breton. Der Dichter Paul Celan riet ihr, in die USA zu gehen, eine Empfehlung, die gründlich schiefging. Ein DAAD-Stipendium brachte sie 1978 nach Berlin. Später zog sie nach Wien, dessen konservative Kunstszene vor allem die „Wiener Aktionisten“ um Günter Brus, auch Künstlerinnen wie Valie Export aufgemischt hatten. Auf einmal kam für Lassnig die Anerkennung. 1981 berief der Staat sie als Professorin an die Wiener Akademie. 1997 holte Catherine David ihre Bilder auf die Kasseler Documenta 10.
„Meine bösen Bilder“, sagte Maria Lassnig zu ihrer „Körpermalerei“. Körper zu malen, nicht im Sinne von tadelloser Schönheit, sondern als „physisches Ereignis einer Körperempfindung“, das war ihr Ziel auch noch im hohen Alter, wo das Bezwingen der meterbreiten Bildflächen bestimmt schmerzhafte Kraftakte waren für die zierliche Frau.
Sie wollte immer „etwas erforschen“, die Welt und die eigenen Gefühle. Was da esoterisch erscheinen mag auf ihren Bildern, war zugleich Introspektion, tief hinein in „ungemalte Regionen“. Einem Gefühl Form zu geben sei „wie eine Wolke abzustecken“, beschrieb sie ihre Experimente mit der Unmöglichkeit, aus Mann und Frau eine harmonische Einheit zu machen. Es war dies Existenzielle, das gnadenlos Malträtierende, das sie als Malkunst betrieb. Eine Bildwelt der zurechtgestauchten, abgeschnürten und dennoch einander suchenden Wesen, so nahe denen des britischen Menschengrotesken-Malers Francis Bacon.
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Und im Grunde malte Maria Lassnig sich immer selbst, schonungslos und böse. Die Körperteile baumeln im Nichts, hilflos oder wie manipuliert. Dieser Desillusion entsprang ihre bisweilen „giftige“ Palette: Rosa, Hellblau, Grasgrün, Orange, Gelb, Violett. Das waren ihre „Körpergefühlsfarben“ – Fleischfarben, Schmerzfarben, Streck- und Pressfarben, Farben für Angst und Tod. Totentanz. Lebenstanz.
Der Bildgrund scheint durch auf den Tafeln, alles ist real und surreal zugleich und immer ein Angriff auf den „guten Geschmack“, Pinsel-Attacken auf den eigenen Körper. Da ist sie auch altvorderen Wiener Malern nahe: Kokoschka, Schiele. Oder den Aktionisten der wilden Siebziger: Brus, Schwarzkogler, dem Orgien-Mysterien-Dramatiker Nitsch. Dieser männlichen Kunstgeschichte begegnete sie mit grimmig-sarkastischer Lust.
Maria Lassnig gab der Malerei des späten 20. Jahrhunderts ihre tabulose Stimme. Auf der Venedig-Biennale 2013, ein Jahr vor ihrem Tod, bekam sie den „Goldenen Löwen“ als „Jahrhundertkünstlerin“. Wie paradox: Im Greisenalter traf ihre Malerei so sehr den Zeitgeist, dass man sie wie einen Popstar feierte. Berlin sollte die Chance, zwei Bilder dieser unverwechselbaren Frau zu bekommen, nicht verpassen.
Neue Nationalgalerie, Berlin: die Sammlungspräsentation „Zerreißprobe. Kunst zwischen Politik und Gesellschaft 1945–2000“ ist bis 28. September 2025 zu sehen.