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Maria Kulikovska protestiert gegen den Ukraine-Krieg: Das ist kein Leichentuch, darunter schlägt ein Herz

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Von: Ingeborg Ruthe

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Unter der Fahne: Maria Kulikovska 2014 bei ihrer Manifesta-Aktion an der Eremitage in St. Petersburg. Foto: Dana Kosmina
Unter der Fahne: Maria Kulikovska 2014 bei ihrer Manifesta-Aktion an der Eremitage in St. Petersburg. © Dana Kosmina

Maria Kulikovskas achttägige Performance „254“ auf der Terrasse der Neuen Nationalgalerie in Berlin wird ein Kunstprotest gegen Putins Krieg sein.

Still, aber stark wirkt die Symbolik dieses Körpers. Er liegt hingestreckt auf dem Stein, verhüllt von der blau-gelben Flagge der Ukraine. Ein Fanal. Ein Protest. Gegen den Krieg des Aggressors Putin.

In wenigen Stunden werden wir diesen Anblick auch auf der Museumsterrasse vor dem Mies-van-der-Rohe-Bau der Neuen Nationalgalerie in Berlin haben. Die Frühlingstage sind noch kühl, im Schatten oder wenn die Sonne geizt. Maria Kulikovska wird frieren unter dem dünnen Tuch. Aber die 1988 geborene, an der Kiewer Kunstakademie ausgebildete Künstlerin von der Krim – aus Kertsch, einer Landzunge im Osten der Halbinsel und von dort geflohen seit der russischen Annexion im Jahr 2014 – wird kein Gespür haben für Temperaturen. Sie performt. Ihr Körper und die Flagge sind ihr einziges Material. Sie will uns vorführen, dass dieses Banner kein Leichentuch ist. Man sieht deutlich, dass der Körper darunter atmet. Manchmal kommt ihre Hand unter dem Stoff hervor, wie ein Lebenszeichen. Sie lässt wissen, dass unter der Hülle ein leidenschaftliches Herz schlägt.

Maria Kulikovska weiß ja: Kunst ist nicht Waffe. Kunst kann immer nur Symbolik sein, Metapher, Allegorie, Gleichnis, Paraphrase. Ausdruck für Trauer. Oder Ermutigung. Kunst schießt nicht aus Panzerrohren, von Raketenabschussrampen oder aus Gewehren und Pistolen. Kunst zielt auf Geist und Herz, klärt auf, weckt Gedanken und Emotionen. Aber der Krieg gegen ihr Land und die Folgen für Europa und die ganze Welt sind das zentrale Thema ihrer Kunst, schon seit acht Jahren, seit der Krim-Okkupation und den Kämpfen in der Ostukraine, diesem Krieg, den die Welt naiverweise oder aus Gleichgültigkeit so lange nicht wahrhaben wollte.

Kulikovska gibt ihrer Performance die Zahl „254“. Das ist ihre Flüchtlings-Registriernummer, die sie in Kiew bekam, als sie von der Krim geflohen war. Daraufhin gründete sie die internationale Künstlerinnengruppe und offene feministische Plattform Flowers of Democracy und 2017 die School of Political Performance. 2019 initiierte sie mit Uleg Vinnichenko den internationalen nicht-binären Kunstraum GARAGE33 in Kiew, einen Galerie-Schutzraum für zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler.

Als im März die ersten Raketen in Kiew einschlugen, floh sie abermals, diesmal nach Österreich, wo sie ungeduldig auf das Ende des Krieges und auf die Rückkehr in eine unbesiegte Ukraine hofft. Aus Linz kam sie jetzt nach Berlin, mit dieser Performance eingeladen von Klaus Biesenbach, dem Direktor der Neuen Nationalgalerie. Die Aktion ist eine Kooperation zwischen der Neuen Nationalgalerie und dem Gallery Weekend Berlin, um Spenden für Be an Angel e. V. zu sammeln – eine Organisation, die sich für die nachhaltige Integration von Menschen mit Fluchtgeschichte einsetzt.

Nach der Flucht von der Krim 2014 hatten Kiewer Freunde sie aufgenommen. Die Wohnung, erzählt Kulikovska, befindet sich im Zentrum der Stadt, direkt gegenüber dem Rathaus. Seit damals wurden da wer weiß wie oft die Särge in der Ostukraine gefallener Soldaten aufgereiht, bedeckt mit blaugelben Fahnen. Jede der Zeremonien prägte sich ihr tief ein.

Dann fand im selben Jahr in St. Petersburg die internationale Kunstschau Manifesta statt. Dort hat sie sich, eingewickelt in die Flagge ihres von Putins Armee geschundenen Landes, auf die Steinstufen der Eremitage gelegt und gegen die Gewalt protestiert, die das Nachbarland dem ihren antut. Sie lag vor dem Heiligtum der russischen Kultur, die Leute gafften – oder fanden das gut. Aber ihre nicht genehmigte Aktion erregte Anstoß bei Putins Kunstwächtern. Sie wurde verhaftet, in Russland zur Persona non grata erklärt – und ausgewiesen.

Jetzt, acht Jahre später und vor dem Hintergrund des Krieges bekommt die so politisch wie sakral wirkende Körperkunst der Ukrainerin dringlichste Relevanz. Vor den Augen des deutschen Publikums wird sie wie verwundet auf den Platten des Museums liegen. Von Mittwoch an und bis zum 4. Mai. Jeden Tag – mittags, nachmittags, gegen Abend, immer fast eine Stunde lang.

Neue Nationalgalerie, Berlin: vom 27. April bis zum 4. Mai, jeweils um 12, 15 und 17 Uhr.

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