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Marc Chagall in Frankfurt: Der Jude Jesus stirbt in Witebsk

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Von: Judith von Sternburg

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Ausstellung „Chagall – Welt in Aufruhr“ in der Kunsthalle Schirn: Das Gemälde „Einsamkeit“.
Ausstellung „Chagall – Welt in Aufruhr“ in der Kunsthalle Schirn: Das Gemälde „Einsamkeit“. © epd

„Welt in Aufruhr“: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt blickt auf den hellsichtigen, entsetzten und durchaus dokumentarisch arbeitenden Marc Chagall der 30er und 40er Jahre.

Frankfurt am Main – Es ist nicht einfach, über das Werk von Marc Chagall noch etwas Neues zu erzählen. Das Offensichtliche steht neben dem Rätselhaften, das sich nicht auflösen lassen will. Es lohnt sich aber, den Blick wieder einmal zu erweitern, gerade weil es bis heute wenige deutsche Wohnungen gibt, in denen nicht irgendwann und irgendwo, am Kühlschrank, über dem Klavier, eine Braut, ein Jude, eine fiedelnde Ziege und eine Standuhr schwebten oder aktuell schweben, auf Chagall-Blau. Alles so friedlich und sanft und ein bisschen traurig.

Die letzte große Chagall-Ausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt liegt gut 30 Jahre zurück („Die russischen Jahre 1906-1922“, 1991, sechs Jahre nach Chagalls Tod). Wichtig für den jetzigen Zusammenhang war vor allem die große Schau im Jüdischen Museum 2004, „Verehrt und verfemt. Chagall und die Deutschen“. „Welt in Aufruhr“, die neue Ausstellung in der Schirn, konzentriert sich auf einen charakteristischerweise in Deutschland weniger ausgeprägt wahrgenommenen Chagall, der den Untergang der ihm vertrauten Welt seiner Jugend zwar durch glückliche Umstände nicht selbst miterlebte, aber unverblümt zur Kenntnis nahm. Und Bilder malte, auf denen das Schweben ein Fliehen, Verbrennen, Stürzen ist, die Melancholie ein Entsetzen, und im Zentrum stirbt der Jude Jesus am Kreuz.

Marc Chagall in der Schirn: Jude Jesus nackt am Kreuz

Es ist heute hoffentlich allgemein bekannt und anerkannt, dass Jesus Jude war, seinerzeit, das macht die Ausstellung deutlich, war das eine enorme Provokation. Auf der Zeichnung „Apokalypse in Lila“ (und hier muss man sich trotz des Titels einen praktisch farbentzogenen Chagall vorstellen) hängt 1945 der Jude Jesus nackt am Kreuz, ist am Gebetsschal und den Gebetsriemen samt Stirnkapsel als gläubiger Mensch zu erkennen. Unten hantiert ein Scherge, seine gebückte Haltung und ein Rockschoß, der wie ein Schwanz absteht, machen ihn zur Bestie. Das Hakenkreuz an seinem Arm ist zwar falsch gezeichnet, aber vorzüglich zu erkennen.

Oben entschwebt die klassische Chagall’sche Standuhr und hält sich ein Mann mit Thorarolle an einer Frau fest (wird sie ihn mit nach oben ziehen können, zieht er sie nach unten, will er sie festhalten, damit er hier nicht alleine bleiben muss?), unten herrscht das Grauen en miniature. Zusammengetriebene nackte Menschen haben nichts mehr außer einem Judenstern, es brennt, eine Frau umschlingt ein Baby. Die einen sind gehängt, die anderen gekreuzigt, viele erschossen worden. Die einen schon am Boden, die anderen noch auf der Flucht. Der Riesennazi bellt, unten ist ansonsten alles ganz ruhig, kein Mund zum Schrei geöffnet. Die Szene braucht keinen Ton, es ist auch alles zu spät. Ah, da ist auch die Ziege, und dort spielt einer Geige.

Marc Chagall in der Schirn: Nicht auf der Suche nach neuen Motiven

Marc Chagall, seine Frau Bella und die Tochter Ida verlassen Paris, wo sie seit 1923 (erneut) leben, kurz vor dem Einmarsch der Deutschen. Ida Chagall bringt die Gemälde mit einem Taxi aus der Stadt, eine vermutlich surreal wirkende Filmszene aus dem wirklichen Leben. Wie auch Chagall darauf bestand, kein Fantast zu sein, sondern durchaus zu malen, was der Fall ist: ein wesentlicher Punkt dieser Ausstellung, wie die Kuratorin Ilka Voermann hervorhebt. Und wer sich Bild um Bild anschaut, wie nachher Menschen und Orte in Rauch aufgehen, wird in Engeln und fliegenden Juden vielleicht noch einen Traum sehen, aber keine Fantasterei mehr, schon gar keine naive. Und wird mit dem Wort Melancholie zurückhaltender umgehen.

Als auch das Vichy-Frankreich immer gefährlicher wird, hilft der berühmte Varian Fry den Chagalls, 1941 über Madrid und Lissabon in die USA zu entkommen. 1944 stirbt Bella Chagall in der neuen Fremde mit Ende 40 überraschend an einer Virusinfektion.

Es ist das schockierende Ende einer großen (und auch groß zelebrierten, aber auch wirklich großen) Liebe, dazu der Abschied vom letzten Stück Heimat von einst. Wie Chagall kam die Autorin Bella Rosenfeld aus Witebsk (heute Belarus), jenem Ort, dessen Dächlein auf wenigen Chagall-Bildern fehlen. Einmal in Frankfurt kommt der Eiffelturm ins Bild. In den USA zeigt sich zwar am Ende der Schau etwas Aufbruchstimmung (dazu eine neue Liebe, auch wenn sie nicht halten wird), aber „Die Kuh mit dem Sonnenschirm“ spaziert über Witebsks Dächern durch die Luft. Chagall ist nicht umgezogen, weil er als Künstler neue Motive suchte.

Marc Chagall in Frankfurt: Viele Bilder kommen von Privatleuten

„Welt in Aufruhr“: Das galt in den 30er, 40er Jahren, auf die sich die Ausstellung konzentriert, also im Großen wie im Kleinen. Rund 60 Arbeiten hat Ilka Voermann zusammengetragen – neben vielen Gemälden auch einige Zeichnungen und Kostüme aus nicht zuletzt finanziell wichtigen Theateraufträgen in den 40er Jahren – und präsentiert sie in sieben Stationen. Eine der eindrücklichsten macht den Auftakt, „Welt in Gefahr“, im Vordergrund hier unvertraute Bilder aus den 30er Jahren. Chagall reist nach Palästina, später nach Vilnius und malt zum Teil studienartige, informative Bilder der Klagemauer und von Synagogenausstattungen.

Etliche dieser Bilder kommen aus Privatsammlungen, überhaupt waren zahlreiche Leihgeber einbezogen. So vertraut Chagall erscheint, so selten sieht man ihn in großer Zahl auf einmal. Die naheliegende Möglichkeit, zum Beispiel andere jüdische Künstler und Künstlerinnen aus dieser Zeit danebenzustellen, fand keine Verwendung. Interessant: Was im ersten Moment wie ein Nachteil wirken mag, ist tatsächlich eine Stärke der hochkonzentrierten Schau.

Marc Chagalls „Apokalypse in Lila“.
Marc Chagalls „Apokalypse in Lila“. © epd

Dass es die große Synagoge im damals polnischen Wilna nicht mehr lange geben wird, kann Chagall nicht wissen. Dass es eine fragile Welt ist, weiß er hingegen schon immer. Mit Antisemitismus ist er seit seiner Kindheit in Russland in unterschiedlich heftigen Formen konfrontiert. Sein Wunsch, als Europäer, Mensch, Künstler wahrgenommen zu werden, geht weder in Paris in Erfüllung – wo es einen mittelgroßen Skandal verursacht, dass ein russischer Jude den Auftrag erhält, Lafontaines Fabeln zu illustrieren – noch später in den USA.

„,Heimat‘ und Zuhause“, so ein weiteres Kapitel, werden zu einer Konstruktion aus seinen Bildern, lange bevor ihm klarwird, dass er nicht nur nicht mehr nach Witebsk zurückkehren wird, sondern dass es Witebsk nicht mehr gibt. Im Zentrum der Schau nun aber „Flucht und Vertreibung“, mit Jesus als jüdischem Märtyrer, mit den entsetzlichen Details, die sich unter den Emigrierten und Geretteten herumsprechen. Man weiß von den systematischen Ermordungen, auch wenn man die Dimension noch nicht kennt.

Die Ausstellung

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 19. Februar. Katalog (Hirmer) in der Ausstellung für 35 Euro. www.schirn.de

Ein eigenes Kapitel bekommt der „Engelsturz“, ein mehrfach umgearbeitetes Hauptwerk, dazu Skizzen. Im jahrelangen Ringen wandelt sich vor allem der Engel selbst nicht nur allmählich in eine Frau, sondern in eine zutiefst erschrockene Frau. Zuletzt hat sie nur noch ein Auge, das uns aus der Mitte des Bildes entgegenstarrt, bis man sich abwendet.

Die Schirn ist mit lockerer Hängung und breiten Wegen auf einen Publikumsansturm vorbereitet. (Judith von Sternburg)

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