Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ohne Titel, 2021, Foto: Marc Brandenburg
+
Ohne Titel, 2021,

Zeichnungen

Marc Brandenburg im Städel: Von der Idee des Einhüllens, des sich Versteckens

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
    schließen

Die brillanten Zeichnungen, die jetzt das Städel Museum zeigt, lösen eine Fülle widersprüchlicher Gefühle aus. Von Sandra Danicke

Im ersten Moment wirkt das alles verkehrt. Schwarz ist weiß, und Weiß ist schwarz. Es kommt einem so vor, als stünde die Welt auf dem Kopf, als wären Gewissheiten nicht mehr das, was sie mal gewesen sind. Die Bleistiftzeichnungen von Marc Brandenburg, die jetzt im Städel Museum Frankfurt unter dem Titel „Hirnsturm II“ zu sehen sind, zeigen das, was ist, nur andersherum, als Negativbilder in Schwarz-Weiß. Jetzt müsste man sich eigentlich nur das Helle dunkel und das Dunkle hell vorstellen, denkt man, doch das Gehirn hinkt hinterher. Man kommt völlig durcheinander. Ist dieser Mensch nun ein Schwarzer? Ist er ein Weißer? Oder ist das schlichtweg völlig egal?

Marc Brandenburg selbst sieht nicht gerade aus wie ein typischer Preuße. Seine Haut ist dunkel. Sein Name klingt wie der einer historischen Landschaft im Osten Deutschlands und Westen Polens. Aber Marc Brandenburg schreibt sich mit C. Seine Kindheit verbrachte der Künstler, der eine deutsche Mutter und einen US-amerikanischen Vater hat, größtenteils in Texas; seit er zwölf ist, lebt er in Berlin.

Brandenburg wurde 1965 geboren. Ein Schwarzes Baby war damals in Deutschland noch etwas Kurioses, etwas, dem man im Zweifelsfall mit Argwohn begegnete. Zum Glück hat sich das heute geändert, denkt man. Aber so einfach ist es naturgemäß nicht. Wie Rassismus unser Gedankengut prägt, zeigt sich sehr eindringlich in einer Filmarbeit, durch die man hindurchmuss, bevor man zu den Zeichnungen gelangt. Auf drei Projektionsflächen sieht man Menschen in bunten Strickpullovern agieren. Auch ihre Köpfe und Hände stecken unter einer Strickschicht, die stereotype Erscheinungsformen darstellt: Asiate, Schwarzer, Weißer. Wer sich unter der Wollschicht, die auch als Schutz gedeutet werden kann, verbirgt, weiß man nicht. Es ist nicht einmal klar, ob es sich um Männer oder Frauen handelt. Trotzdem ist man geneigt, den Akteuren (Akteurinnen?) bestimmte klischeehafte Eigenschaften und Verhaltensweisen anzudichten. Brandenburg hat diese Szenen in Zeitlupe aufgenommen, was einerseits einen surrealen Effekt hat, andererseits Details intensiver wirken lässt.

Im nächsten Raum dann die Zeichnungen. Im Städel hängen sie in einem abgedunkelten Foyer, beleuchtet mit Schwarzlicht; eine Wand ist mit Spiegelplättchen bedeckt - eine Arbeit von John Armleder. Man fühlt sich daher ein bisschen wie in einem Club.

Brandenburgs Bildwelten entstammen der Popkultur, seine Vorlagen sind meist selbst erstellte Fotografien, die Freunde zeigen oder ihn selbst, manchmal auch Fremde, Hooligans, Obdachlose, dann wieder Plastikspielzeug oder Schmuck.

Die Art der Darstellung, das Invertieren der Farben, könnte allerdings kaum befremdlicher wirken. Gut möglich, dass diese Technik mit seinen Erfahrungen als Deutscher mit afroamerikanischen Wurzeln zusammenhängt. Aber vielleicht ist das auch zu kurz gegriffen. Zumindest bewirkt sie, dass man genauer hinsieht. Jede Falte, jeder Knick – und davon gibt es viele in diesen so detailliert gearbeiteten Bildern – wirkt auf diese Weise besonders delikat. Spiegelungen, wie sie etwa in einem billigen Panzerkettenarmband mit der Aufschrift „Metallica“ vorkommen, werden zum ästhetischen Genuss.

Dass sich unter den Falten und Blumendekors oftmals Obdachlose in ihren Schlafsäcken verbergen, lässt einen kurz aufschrecken. Der normale, der Straßenimpuls wäre ja, jetzt schnell wegzusehen. Hier aber geht man noch näher heran, erkundet Hubbel und Furchen, Licht und Schatten, Grautöne, die ihrer Farblosigkeit zum Trotz ein enormes Spektrum aufweisen. Man entdeckt also Schönheit und Poesie in dem, was man sonst links liegen lässt. Manchmal, so Brandenburg, schäme er sich auch, weil er in dem, was er da sieht, zunächst vor allem etwas Ästhetisches wahrnehme. Ein anderer Aspekt ist aber womöglich noch wichtiger: „Es geht mir in meinen Zeichnungen immer um ein physisches Gefühl“, so der Künstler im Katalog. „Da ist ganz stark diese Idee des Einhüllens, des Versteckens, des sich Zurückziehens.“ Ein Zustand, der ihm aus seiner Kindheit nur allzu vertraut ist.

Tatsächlich ist es so, dass Brandenburgs Bilder häufig eine Vielfalt einander widersprechender Assoziationen auslösen. Da ist dieses kugelförmige Billigspielzeug aus dem Ein-Euro-Shop, „Stress Reliever“ genannt, das sich auseinanderziehen und zusammenschieben lässt und in Brandenburgs Version zum wertvollen Faszinosum wird. Da ist diese Bank im Wald, auf der „Homo“ gesprüht steht, ein poetisches Bild – wüsste man nicht, dass „Homo“ von manchen Menschen als Schimpfwort für Homosexuelle verwendet wird. Und da ist – immer wieder – dieser seltsame Mann, der mal in BH und Höschen eine Treppe herunterspaziert (und damit ein berühmtes Werk von Marcel Duchamp zitiert) oder sich eine Spielzeugspirale als Halskrause unter den Hut bindet. Einer, der als Bildmotiv fantastisch wirkt, den wir aber, wenn wir ihm auf der Straße begegnen würden, womöglich als Spinner abtäten.

Auch das Hakenkreuz, das derselbe Mann, ein Freund, auf seiner Hand tätowiert hat, bedeute bei ihm keineswegs das, was wir denken, erzählt der Künstler. Er trage dies, „um sich selbst als Produkt einer faschistischen Gesellschaft zu brandmarken“.

Eine weitere Serie von Zeichnungen besteht aus Interieurs, die sich nach rechts und links endlos ausdehnen, wobei die Formen sich zu langen Schlieren verzerren. Die Anregung dafür entstamme den „Batman“-Filmen seiner Kindheit, erklärt Brandenburg. Geschwindigkeit habe man einfach mit einem rasanten Kameraschwenk dargestellt.

Städel Museum Frankfurt: Bis 30. Januar 2022. www.staedelmuseum.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare