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Vincent van Gogh: "Die Kornernte in der Provence", Juni 1888.
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Vincent van Gogh: "Die Kornernte in der Provence", Juni 1888.

Van Gogh in Basel

Der Mann, der springt

Kornfelder wogen im Basler Kunstmuseum: Nie gab es eine Van Gogh-Ausstellung mit Landschaften aus allen Perioden. Das Ergebnis ist nicht überraschend, aber durchschlagend. Von Judith von Sternburg

Im Basler Kunstmuseum wogen und wabern, fluten und flirren, strotzen und strahlen nun allenthalben reife Kornfelder. Es gibt aber einen Saal, in dem das so überhand nimmt, dass dem Betrachter die Augen übergehen.

Andererseits wird er hier darüber ins Bild gesetzt, und weit anschaulicher als im Postkartenformat, wie Vincent van Gogh im Juni 1888 in und um Arles nicht mehr aufhören konnte damit. Und was das für eine Anstrengung sein muss, mit dem Malen gewaltiger (nicht großformatiger und doch gewaltiger) Kornfelder nicht mehr aufhören zu können.

Der Horizont mit Häuschen oder den Fabrikschloten von Arles wandert - wenn man es in der Reihenfolge so sehen will - stets weiter nach oben: immer mehr Kornfeld, die Ähren Punkte, Striche, die Schattierung nach hinten streifenweise verändert. Das entspricht der Wahrnehmung eines realen Kornfelds. Es belegt, dass es sich mit der Zahl der Gelbtöne bei Landwirten kaum anders verhalten dürfte als mit der Vielzahl der Weißtöne bei Arktisbewohnern.

Der Kornfeld-Saal, wie nebenan die Olivenhaine aus dem Jahr danach, demonstriert auch, wie van Gogh in Serien und Variationen dachte. Das Gezeigte ist dabei nur ein Bruchteil seiner Produktion aus dem Juni 1888. Und bietet doch eine einmalige Gelegenheit, selbst etwas von dem vor Augen zu haben, was ihn in genau diesem Monat umgab. Denn die Kornfelder aus dem Juni 1888 demonstrieren ferner, dass jede Van-Gogh-Ausstellung ein Puzzle ist: Sie kommen aus Paris, Winterthur, Zürich, Washington, Jerusalem, Honolulu, von den Privatsammlungen gar nicht zu reden.

Drei Jahre lang haben die Basler die Ausstellung vorbereitet. Sie wird nun noch einige Wochen lang parallel zur Amsterdamer Schau ("Van Gogh und die Farben der Nacht", noch bis 7. Juni) laufen. Erst kürzlich ist die Wiener Schau ("Van Gogh") zu Ende gegangen ist. Es herrscht also kein Mangel. Das Basler Kuratorium aber - Kunstmuseums-Direktor Bernhard Mendes Bürgi, Kuratorin Nina Zimmer und als Berater Walter Feilchenfeldt - hat selbst darüber gestaunt: Noch nie zuvor, stellte es fest, habe eine Ausstellung die Landschaften quer durch alle Perioden beleuchtet.

Das Ergebnis ist nicht überraschend, aber durchschlagend. Erzielt wird es durch eine schlicht chronologische Hängung der 70 ausgestellten Werke. Die Verteilung an weißer Wand ist unprätentiös großzügig (wer van Gogh ausstellt, hat Prätentionen freilich nicht nötig). Eine Raumseite bleibt meistens frei, an der sich demnächst die Besuchermassen entlangschieben können. Und nicht nur sehen, was sie immer zu sehen bekommen. Sondern auch etwa die "Pont de Gleize bei Arles", die aus Japan eingeflogen wurde: ein zartes Stück mit halbdurchsichtigen Wäscherinnen. Aber der Künstler hat es signiert. Am Anfang jeder Lebensstation gibt es alte Fotos (Windmühlen, Heu), die die Kraft der Malerei gnadenlos gegen die Tristesse früher Fotografie ausspielen.

Die Chronologie aber lässt einen keinen Moment vergessen, dass es sich um einen Zeitraum von lediglich sieben Jahren handelt. In Nuenen, wo der 30-Jährige, beruflich bereits mehrfach gescheitert, Zuflucht bei seinen Eltern sucht (der Vater ist hier Pfarrer), entstehen 1883 düstere Kirchturmansichten. Wenn Bilder sprechen könnten, würde sie sagen: Wie sind wir nur hierher geraten.

Nur zwei Jahre später, inzwischen in Paris, malt der Künstler pointillistische Parkeingänge oder (am "14. Juli in Paris") ein Trikoloremeer aus rabiaten Pinselstrichen. Und wieder zwei Jahre später, inzwischen in Arles, malt van Gogh im Juni 1888 Kornfelder, die jeder Schüler als Kornfelder von van Gogh erkennen würde. Bis er nach seinem Zusammenbruch in der Heilanstalt von St. Rémy (in der Nähe von Arles gelegen) Kornfelder malt, die noch mehr aussehen wie Kornfelder von van Gogh. Der Aufruhr im Himmel und auf der Erde ist jetzt immens. Und der Bauer muss in dieser sommerlich, aber auch apokalyptisch strahlenden Welt der Schnitter Tod sein. Fünfeinhalb Jahre sind seit den trüben Blumenbeeten von Nuenen (unter Beachtung der Komplementärfarben!) vergangen.

Wie in einem Lehrbuch also kann der Besucher van Goghs Sprung miterleben vom Maler, der im Kabinett (Niederländisch, spätes 19. Jahrhundert) sein Dasein fristen würde, zum Ereignis von Weltrang. Die Basler Ausstellung versucht nicht, diesen Sprung zu erklären. Vor aller Augen zeigt sich nur, dass er in Paris stattgefunden haben muss. Dann muss er bis zum Lebensende des Künstlers angehalten haben.

Er erinnert die Leserin des gerade bei Suhrkamp herausgekommenen Prosabandes "Nostalgia" von Mircea Cartarescu an jenen Zufallsmusiker, der immer herrlichere Musik macht und am Ende damit ein neues Universum schafft. Sein Vorteil ist, dass er nicht stirbt. Das aber haben nicht Gott und Natur, sondern nur Schriftsteller im Angebot.

Die Zeit, die van Gogh blieb - selbst für einen natürlichen Menschen bescheiden -, nutzte er weidlich aus. Allein in den letzten 70 Tagen seines Lebens, im nordfranzösischen Auvers, malte er mehr Bilder, als in der Ausstellung zu sehen sind. Den zunehmend panoramaartigen Landschaften gesellen die Basler ausnahmsweise ein hochformatiges Porträt bei: "Mademoiselle Gachet am Klavier", eine Tapete wie ein Mohnblumenfeld, ein Kleid wie eine Wolke. Van Gogh wird zitiert, wie er meint, dass sich Hoch- und Querformat reizvoll nebeneinander machen müssten. Das ist eine sympathisch bodenständige Grafiker-Erkenntnis. Denn blättern Sie mal daraufhin die FR durch.

Auch die atemberaubende Produktivität trug - neben all den echten Fälschungen - Bildern den Vorwurf ein, gefälscht zu sein. So dem Basler "Garten von Daubigny" (Juli 1890) aus der Sammlung Rudolf Staechlin. Rechtzeitig zur Ausstellung ist also auch ein Buch erschienen, das den nicht neuen Vorwurf aufgreift, das Basler Bild sei ein Werk des legendären Van-Gogh-Fälschers, Malers und Kunstkäufers Émile Schuffenecker. Echt sei nur der im japanischen Hiroshima bewahrte "Garten". Das Buch von Benoit Landais und Hanspeter Born heißt "Die verschwundene Katze" (Echtzeit Verlag Basel). Während nämlich über das Basel-Bild eine blaue Katze von links nach rechts läuft, wurde diese auf dem Hiroshima-Bild übermalt.

Ein Mosaikstein der Argumentation: In einer zeitgenössischen Beschreibung des Bildes wird die Katze schwarz genannt, was sie auf dem Basler Bild nicht ist. Die Autoren gehen davon aus, dass Schuffenecker die (schwarze) Katze auf dem Hiroshima-Bild (also dem echten van Gogh) übermalte. In dem Brief heißt es, er habe sie so schlecht gefunden. Aber warum brachte er sie dann (gewiss nicht "gut gemalt") auf seiner Fälschung unter? So kann auch den Nicht-Experten das schmale, für jenen Nicht-Experten an sich interessante Buch stutzig machen.

Experten haben solche Argumente längst verworfen. Bei der PK kanzelte Direktor Bürgi Born kurzerhand ab. Auf den Taschen, die neben Sonnenblumentassen und Provence-Kochbüchern im Shop zu erwerben sind, ist selbstverständlich ein Stück des Rasens von Daubigny zu sehen.

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