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Gegen halb drei werden die Pumpen abgestellt, nach eineinhalb Stunden ist alles überflutet, dann wird das Grundwasser zum natürlichen Gräberschutz.

Ägypten

„Man muss die Welt besingen, wie sie ist“

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Auch schon vor viertausend Jahren erklärte Gott, er habe eine gute Welt geschaffen, erst der Mensch habe die Ungerechtigkeit hineingebracht. Dietrich Raue berichtet aus dem alten Ägypten.

Herr Raue, gibt es noch viele Schätze aus dem alten Ägypten zu entdecken?
Jede Menge. Aber alles ist sehr gefährdet. Nicht durch Grabräuber oder muslimische Fanatiker. Sondern durchs Bevölkerungswachstum. Deutlich mehr als eine Million Menschen pro Jahr, davon ein großer Teil in Kairo. Stellen Sie sich vor, was da an Wohnungen, Straßen, Schulen, Krankenhäusern und so weiter gebaut werden muss. Jeder Baugrund ist eine Fläche weniger, die ausgegraben werden kann. Aber sprechen Sie bitte nicht von Schätzen! Ich bete täglich, dass dort, wo ich grabe, kein Gold gefunden wird. Dadurch verschiebt sich das öffentliche Interesse sofort aufs Uninteressanteste: das Geld. Es schafft unlösbare Probleme. Wie wollen sie es jemandem verübeln, der gerade mal 40 Dollar im Monat hat, nach „Schätzen“ zu graben? Wie soll man eine Grabungsstätte sichern, auf der ein Tutanchamun-Schatz gefunden wird?

Das war eine Schatzgrabung?
Nein, es war ein Forschungsprojekt. Bei dem schrecklich viel Gold gefunden wurde. Weltweit sehr begehrte Ausstellungsobjekte. Es gibt inzwischen sogar höchst erfolgreiche Ausstellungen mit Repliken. Ein Ergebnis dieses Runs auf die Schätze: Richtig veröffentlicht ist das Ganze noch nicht. Einzelnes schon, aber im Augenblick zum Beispiel arbeitet das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz mit dem Deutschen Archäologischen Institut in Kairo an den Bespannungen und Vergoldungen der Streitwagen des Königs. Seit den 1920er Jahren lagen die zusammengeknüllt im Museum und warteten auf Restaurierung. Das kommt dabei heraus, wenn man sich für die „Schätze“ interessiert statt für den Kontext.

Was ist der Kontext?
Dem König wurde nicht so viel Gold mitgegeben, damit er das im Jenseits zu Geld machen konnte. Mit einer goldenen Hautfarbe – die berühmte Goldmaske – wird er gottgleich, wird er Gott. Darum geht es.

Die Städte des alten Ägypten waren riesig.
Von Memphis, der Landeshauptstadt während vieler Jahrhunderte, ist – schätze ich mal – ein Prozent ausgegraben. Aber auch unter diesen Flächen könnte man weitergraben.

Erst vor wenigen Jahrzehnten kam man dahinter, dass die berühmten Tempelanlagen von Angkor Wat Teil einer Millionenstadt mit einer sanitären Infrastruktur waren, von der man in Europa im 13. Jahrhundert nicht einmal träumte.
Das sind die Fragen, die mich interessieren. Nicht die „Schätze“. Ich bin Kustos des Ägyptischen Museums der Universität Leipzig. Ich kann Ihnen sagen, das sind die Fragen, die auch unsere Besucher interessieren. Sie wollen wissen: Wie baute man eine Pyramide? Wie wurden 50 000 Menschen versorgt? Wie sah die soziale Hierarchie aus?

Mit bloßen Bohrungen ist darüber wenig zu erfahren. Da müssen Sie doch in die Fläche?
Bei unseren Grabungen in Heliopolis sorgt der Grundwasserspiegel dafür, dass sie nicht in der Fläche graben können. Heliopolis liegt altägyptischem Glauben zufolge auf dem Hügel, auf dem die Erde entstand. Das Grundwasser liegt heute viel höher als vor dreitausend Jahren. Es steigt mit dem Nil, der sich mit seinem berühmten Nilschlamm hochsedimentiert. Unsere Bohrungen, durchgeführt vom Belgier Morgan De Dapper, führen acht Meter tief unter das Grundwasser und hinter die frühesten menschlichen Besiedlungen zurück. Da gab es keine Bewässerungsgräben, also nichts als Sumpf.

Wie funktioniert eine Bohrung?
Eine Bohrstange ist einen Meter lang und hat zehn Zentimeter Durchmesser. Diese Stangen werden aneinandergesteckt. So erhalten sie zehn Zentimeter große Bohrkerne, mit denen sie problemlos die Abfolge der einzelnen Schichten herausbekommen.

Aber damit bekommen Sie nicht die Struktur einer Siedlung?
Nein. Wenn Sie einen Acker haben, dann können Sie alle zehn, alle zwanzig Meter eine Bohrung machen und eine schöne 3-D-Matrix bauen. So können wir nicht verfahren. Unsere Grabungen finden mitten im modernen Kairo statt. Wir können nicht bohren, wo wir wollen. Auch nicht auf unserem Gelände. Durch Bauschutt und Beton können Sie keinen Bohrer jagen. Der geht kaputt. Wir müssen nach Lücken suchen.

„Schade, dass Beton nicht brennt“, das könnte von Ihnen stammen?
Das würde ich jederzeit unterschreiben.

Heliopolis ist der Ort des Urknalls der altägyptischen Kosmologie.
Hier entstand die Welt. In der jüdisch-christlichen Tradition sieht es so aus: Gott ist hier – die Welt ist dort. Die alten Ägypter sahen das in Heliopolis ganz anders. Am Anfang ist alles alles. Atum, der Schöpfergott, heißt „Allessein“. Das Alles differenziert sich. Alles, was ist, ist ein Spaltprodukt davon, dass alles war und ist. Auch jeder Mensch. Die ersten Spaltprodukte sind Licht und Luft. Dann kommen Himmel und Erde, Wasser und Wüste, Fruchtland und Sumpf. Dann Horus, die Verkörperung des Königs. Das aktuelle Herrschaftssystem ist also Produkt der Weltentstehung.

Wo geht in diesem System erstmals die Sonne auf?
Wo der Sonnenball da oben am Himmel herkommt? Wahrscheinlich ist er das ewiglich Bestand habende erste Restprodukt. Die anderen Spaltungsprodukte spalten sich weiter auf. Sie dürfen nicht übersehen, dass diese Geschichten selbst auch eine Geschichte haben. Atum, der zunächst alles war, wird im zweiten Jahrtausend zum Abendstadium des Sonnengottes. Morgens ist er Käfer, mittags der Falkengott und abends Atum. Nachts, wenn die Sonne im Westen bei den Toten ist, hat sie die Gestalt eines Widders. Echnaton wollte diesen Wandel, das Drama, die Metamorphose abschaffen. Bei ihm gibt es die Sonnenscheibe; wenn die da ist, lebt alles. Wenn sie nicht da ist, lebt nichts. Die ungelöste Frage war dann: Wo bleibt der Tod?

Echnatons Gott machte bald wieder den sich ständig verwandelnden Göttern Platz.
Im ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung kommt dann zum Neujahr Gott als Kind auf die Welt.

Gleich, was die Menschen tun?
Man muss die Welt besingen, wie sie ist. Das ist der Sinn des Kultes und der Beginn der Naturwissenschaft. Man beobachtet genau, wann die Flut kommt, wann die verschiedenen Tiere ihre Jungen auf die Welt bringen. Diese Idealtermine, der richtige Ablauf, werden festgehalten auf Reliefs und in Gesängen. Im Kult singen diese Lieder der Welt vor, wie sie richtig funktioniert. Durch das Besingen der perfekten Ordnung will man die perfekte Ordnung herstellen. Die perfekte Ordnung hat man durch Naturbeobachtung herausgefunden.

Sie ist immer gefährdet.
Jede Ordnung hat ihren Feind. Der Feind der ägyptischen Ordnung war Apophis. Er ist kein Teufel, nicht der Böse. Es geht zunächst nicht um Moral. Er ist der Widersacher. Er schlürft die Wasser unter der Sonnenbarke weg. Sie könnte auf eine Sandbank auflaufen. Stillstand – das wäre die ägyptische Apokalypse. Jede Nacht müssen die Gefährten des Sonnengottes ihn gegen die Angriffe des Apophis und dessen Gefährten schützen. In der ägyptischen Philosophie gibt es nicht einmal die Idee, irgendwann wären die Widersacher auf ewig vernichtet.

Gibt es Geschichten darüber, wie Apophis und die Seinen entstanden?
Nein, das ist wie bei uns: Die Genese des Bösen liegt im Dunkeln. Im Sargtext 1130, er ist etwa 4000 Jahre alt, erklärt der Schöpfergott: „Jedermann schuf ich seinem Nächsten gleich; dass sie Ungerechtes tun, befahl ich nicht. Sondern ihre Gesinnung war es, die zerbrach, was ich gesagt hatte.“

Wie alt ist Heliopolis?
Es entstand 3300, 3200 vor unserer Zeitrechnung. Von Anfang an verbunden mit der Idee eines zentralen Königtums. Hier wurde der ägyptische Zentralstaat gefeiert. Der brach in der ägyptischen Geschichte immer wieder zusammen. Und immer an derselben Stelle: im nördlichen Mittelägypten. Und 2400 Jahre lang wird in Heliopolis immer wieder der Zentralstaat als Ziel ausgerufen.

Heute ist Heliopolis ein Stadtteil von Kairo.
2012 unterschrieben wir den Kooperationsvertrag. Wir arbeiten seitdem engstens mit den Ägyptern zusammen. Die ägyptischen Kollegen entscheiden. Sonst ginge das mitten in der Stadt mit den unterschiedlichen Interessen nicht. Zweimal im Jahr sind wir bis zu acht Wochen dort. Bis zu hundert lokale Arbeiter, die den Schutt wegtragen, und dreißig Fachkräfte aus Oberägypten, die mit Hacke und Kelle umzugehen verstehen.

Wie schützen Sie die Grabungsstätte?
Die ägyptischen Sicherheitskräfte kennen die Sicherheitslage sehr genau, und sie bewachen das Gelände sehr gut. Der andere Grabungswächter ist das Grundwasser. Tagsüber arbeiten wir mit Pumpen. Um zwei, halb drei werden die abgestellt. Nach eineinhalb Stunden ist alles überflutet und keiner kommt mehr ran. Nach den sechs Wochen der Grabungskampagne verkippen wir alles. Das funktioniert alles sehr gut.

Das Viertel ist ein Slum?
Nein. Ein Slum sieht anders aus. Es ist ein Armeleuteviertel. Aber niemand hat jemals versucht, das Antikenmagazin mitten in der Siedlung zu plündern. An anderen Ausgrabungsstätten hat es das immer mal wieder gegeben. Bei uns nicht.

Wie lange läuft Ihr Vertrag?
Immer ein Jahr. Wir stellen jedes Jahr im August, September einen neuen Antrag. Aber die ägyptischen Behörden sind bislang zufrieden mit uns. So hatten wir noch nie Schwierigkeiten mit der Verlängerung. Der neue Vertrag gilt dann von Februar bis November.

Eine prekäre Arbeitssituation.
Der ägyptische Staat hat so seine Erfahrungen gemacht mit ausländischen Ausgräbern. Darum nur kurzfristige Verträge, darum im Tal der Könige und in Giza – bei den Pyramiden – vornehmlich nur ägyptische Archäologen.

Was wollen die Ägypter?
Vor allem Fortbildung. Wir sollen bei unseren Grabungen ägyptische Archäologen fortbilden. Das ist ihnen das Wichtigste.

Zur Person

Dietrich Raue, Jg. 1967, unterrichtet am Ägyptologischen Institut der Universität Leipzig. Er ist auch Kustos des dortigen Ägyptischen Museums. Seit 2012 gräbt Raue mit Erfolg an einem zentralen Ort des altägyptischen Selbstverständnisses: Heliopolis. Heute liegt Kairos nordöstlicher Stadtteil Al-Matarija auf dem Gelände.

Das Heliopolisprojekt ist ein ägyptisch-deutsches Grabungs-Joint-Venture, das von Aiman Ashmawy vom Ägyptischen Altertumsministerium und Raue geleitet wird. 

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