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Richard Hamilton: „Eight-Self-Portraits“ (Detail).

Foto Ausstellung Städel

„Malerei in der Fotografie“ im Städel Frankfurt

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Sie ist klein, ein bisschen intellektuell und ein bisschen verspielt, mit Bezügen und Wendungen erfreut sie den geneigten Betrachter: Die ambitionierte Ausstellung „Malerei in der Fotografie“ im Frankfurter Städel.

Seit das Städel Museum in diesem Jahr seinen Erweiterungsbau eröffnet hat und hier auch Gegenwartskunst – inklusive der Fotografien der DZ Bank Kunstsammlung – gezeigt wird, ist die Frankfurter Museumssystematik gehörig durcheinander geraten. Niemand kann schlüssig beantworten, warum es in Frankfurt zwei Museen der Moderne gibt oder geben soll.

Das setzt das Städel unter einen gewissen Argumentationsdruck. Darauf hat es jetzt mit der kleinen, aber ambitionierten Ausstellung „Malerei in der Fotografie. Strategien der Aneignung“ reagiert. Die Behauptung ist einfach: Fotografie verwendet seit langem verschiedenste Methoden der Malerei und damit ist sie Bestandteil der langen Geschichte der Bildproduktion (also im Städel wunderbar am Platz). Tatsächlich konvergieren Malerei und Fotografie auch seit Jahrzehnten wieder, nachdem sie die etwa ersten hundert Jahre gemeinsamer Existenz damit zugebracht haben, sich voneinander abzugrenzen.

Deutliches Zeichen dieser Entwicklung sind die Museumsbilder von Thomas Struth, von denen denn auch eines sozusagen programmatisch gleich am Eingang hängt. Die ruhige, zurückhaltende, freundliche Art, mit der bei Struth Gemälde ins Foto kommen, zeugt von Entspannung und friedlicher Koexistenz. Gegenüber hängt ein kleines, höchst trickreiches Foto von Louise Lawler, wo Akt, Bild, Foto, Architektur und Kunstgeschichte auf 21 mal 21 Zentimetern ineinander verschränkt werden.

Das ist typisch für diese Ausstellung. Sie ist klein, ein bisschen intellektuell und ein bisschen verspielt, mit Bezügen und Wendungen erfreut sie den geneigten Betrachter. Wenn Oliver Bobergs Fotos von kleinen Modellen menschenleerer Stadtorte, die viel realistischer wirken, als die Modellfotos seines künstlerischen Counterparts Thomas Demand, direkt gegenüber von fotografischen Stillleben von Luigi Ghirri hängen, dann entsteht eine sanfte Verschränkung von Bildräumen, ein kleiner sophistischer Dialog über Kunst und Wirklichkeit, Abbild und Bild. Ghirri hat im Atelier von Giorgio Morandi dessen berühmte Kannen und Dosen fotografiert und erzielt dabei ähnliche Effekte wie der Maler.

Was ist überhaupt ein Bild?

Überhaupt ist erstaunlich, wie viele Fotografien um die Trompe-l’oeil-Thematik kreisen. Was ist reines Bild, was fotografisches Abbild, wo überlagern sich Bilder, wo täuscht der Eindruck und wie? Das ist und bleibt offenbar eine der Hauptvergnügungen, wenn Fotografen sich mit Malerei – und damit mit der Frage: Was ist ein Bild? – auseinandersetzen.

Es gibt Fotos in der Ausstellung, von William Eggleston etwa oder Jeff Wall, deren Bezug zum Thema sich nicht jedem unbedingt aufdrängen wird, auch wenn Kompositionsprinzipien und Bildthematik an klassische Malerei erinnern. Überzeugend ins Thema passen selbstverständlich Fotos, die nicht durch die Linse ein Abbild auf eine Trägerschicht bannen, sondern wo das Licht selbst malt, wie auf den Arbeiten von John Chamberlain, Otto Steinert, bei Wolfgang Tillmans’ filigranem „Freischwimmer“, sehr früh (ca. 1925) bei László Moholy-Nagy, sehr versiert beim späten Thomas Ruff.

Unbekümmert, direkt, lustig die Variationen des mit Farbe ins Foto hinein Malens, ein Verfahren, das sich größerer Beliebtheit erfreut, etwa bei John Baldessari, Amelie von Wulffen, Richard Hamilton, als man vielleicht zunächst einmal annimmt. Grafisch, abstrakt, gedanklich dagegen die „Friendly Tournaments“ von Annette Kelm, durchlöcherte Zielscheiben, die wenngleich fast überpräsent fotografiert, doch mehr an Jasper Johns als an Schützentreffen erinnern. Das große Foto „Tsukamato 1“ von Georges Rousse dagegen ist nicht nur eine auf Verwirrung angelegte Mehrfachprojektion zwischen Realität und Abstraktion, sondern erinnert wiederum an die Bilder Annette Kelms. Alles sehr ineinander verschränkt und untereinander kommunikativ hier.

Auch programmatische Eckpunkte, Joseph Kosuths abstrakte Begriffsreflektionen, Jeff Walls Antwort auf Manet, „Picture for Women“, fehlen nicht. Dazu kommen – als weitere Höhepunkte für den vorgegebenen Rahmen – Jörg Sasses Auflösung alter Fotografien in vollkommen neue Bilder und Beate Gütschows fotografische Montagen von Landschaften, wie sie typischer Weise auf Gemälden zu finden waren. Sasse geht vielleicht am weitesten darin, einen neuen gemeinsamen Bildraum zu finden: Bilder, die weder Foto noch gemaltes Bild sind.

Das ist es auch, was diese Ausstellung belegt: Malerei und Fotografie befruchten sich nicht mehr, indem sie sich voneinander abgrenzen. Sie arbeiten gemeinsam am Bild, sie verwischen sich ineinander, die eine Gattung stülpt sich sozusagen in die andere hinein und scheint selbst Vergnügen dabei zu empfinden, sich in der anderen aufzulösen. Das ist schön, aber als Argumentationshilfe für die Frankfurter Museumsdiskussion taugt es natürlich nicht.

Städel Museum, Frankfurt: bis 23. September. Der 160-seitige Katalog kostet im Museum 22 Euro.

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