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Videostill „Kind als Pinsel“ von else (Twin) Gabriel, 2007.

Künstlerinnen

Mal, Weib!

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Vor 100 Jahren ließen die staatlichen Kunstakademien Deutschlands endlich Frauen zu. Im Schloss Biesdorf feiern Künstlerinnen das mit „Klasse Damen!“ 

Bei Preußens Historienmaler Anton von Werner führte für Frauen kein Weg in die ehrwürdigen Studiensäle der Kunst hinein. Den konservativen Direktor der Königlichen Kunstakademie um 1905, der den „Modernismus“ hasste, ließ die Petition von mehr als 200 Künstlerinnen völlig kalt: Auf gar keinen Fall! Keine Zulassung zum Studium!

1919 war der wilhelminische Hofmaler tot, die Monarchie Vergangenheit und das Wahlrecht der Frauen verbrieft. Aber Tausende Künstlerinnen Deutschlands hatten es satt, noch immer herablassend „Malweiber“ genannt und in den sogenannten Damenklassen weniger liberaler Meister oder an zumeist kostspieligen privaten Kunstschulen separat unterrichtet zu werden.

Seit dem 19. Jahrhundert galt eine kreative ästhetische Ausbildung von Frauen als Privileg „höherer Töchter“. Und als Alternative zum Heiraten. Aber unter den Künstlerinnen rumorte der emanzipatorische Wille, das Handwerkszeug einer Malerin, Grafikerin oder Bildhauerin professionell zu erlernen und in gleicher Weise in diesen Berufen tätig zu sein wie ihre männlichen Kollegen. Das Bauhaus Weimar machte den Anfang, die Akademien landesweit folgten, darunter Berlin. Endlich.

Im Foyer von Schloss Biesdorf in Berlin-Marzahn hängt jetzt eine professorale Puppe von der Kuppeldecke, eine recht sarkastische Skulptur der Zeichnerin Petra Lottje. Frack, Zylinder, winzig lugt der Schniedel aus der Hose. Eine bissige Karikatur für den blamierten Männer-Akademismus. Spott über eine politische Situation und gravierende Unterschiede, auch im Kunstbetrieb.

„Klasse Damen!“ nennen Ellen Kobe und Ines Doleschal die von ihnen initiierte und gemeinsam kuratierte Schau. Durch die Schloss-Räume, bis hin zum idyllischen Café, ziehen sich Bilder und Skulpturen etlicher sich damals, vor 100 Jahren, emanzipiert habender Künstlerinnen, von denen heute einige sehr bekannt und andere völlig vergessen sind.

Oder an die man sich nur bei Jubiläen erinnert, wie an die Bauhäuslerin Gunta Stölz, die als erste Frau im sonst rein männlichen Meisterrat des Bauhauses Weberei und Textildesign unterrichtete. Ihr widmet Ines Doleschal die Farbfeld-Collage „Poster for Parity“, eine konstruktive Raumutopie, die sich auf Stölzls unvergleichliche Teppich-Entwürfe bezieht. Und zugleich Kritik daran übt, wie sehr doch Berlins urbanistische Konzepte fast ausschließlich von Männern bestimmt werden.

Die Dadaistin Hannah Höch, deren ironischer „Schutzengel“ von 1927/28 in der Ausstellung hervorsticht, erlangte ihre Collage-Meisterschaft „nur“ durch die von den Akademisten abschätzig bewertete Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin, als Schülerin von Emil Orlik. Die später berühmte Leipziger Holzschneiderin Elisabeth Voigt hingegen durfte ab 1919 bei Karl Hofer und Käthe Kollwitz in Berlin „richtig“ studieren.

Spannend, in den Sälen von Schloss Biesdorf nun die Arbeiten der eben Genannten und all der anderen aus dem vorigen Jahrhundert im Dialog mit den selbstbewussten Künstlerinnen von heute zu sehen, die selbstverständlich an Kunsthochschulen ausgebildet wurden.

Die Bildhauerin Marg Moll (1884–1977) etwa lernte im Berliner „Damenatelier“ von Lovis Corinth. Aber ihre expressiv-kubistische Formensprache entfaltete sich erst nach Paris-Aufenthalten und Begegnungen mit Matisse, viel später auch mit Henry Moore. Welch ein geradezu herausfordernder Kontrast solch edler Formen zu der klaustrophobischen Installation von Gaby Taplick (geboren 1972), die den Avantgarde-Turm Tatlins persifliert und Annette von Droste-Hülshoff zart feministischem Gedicht „Am Turme“ gewidmet ist: eine Turmspitze, in deren vertracktem „Rundgang“ während der Vernissage Kinder fröhlich Versteck spielten und beleibtere Personen steckenblieben.

So intensiv wie humorvoll ist der Dialog der sich ihrer Modernität bewussten Künstlerinnen von heute mit den Werken jener sich damals emanzipierenden Malerinnen und Bildhauerinnen. Ellen Kobe, geboren 1968 in Dresden und ausgebildet an der Kunsthochschule Weißensee, bezieht sich auf die großartige Porträtistin Lotte Laserstein, eine soeben in der Berlinischen Galerie ausgestellte Pionierin von damals, die nach dem neuen Gesetz Studentin der Akademischen Hochschule für Bildende Künste war.

Ellen Kobe, die in ihrer Kunst immer wieder das Abwesende zum Thema macht und das Publikum herrlich verwirrt und herausfordert, schlüpft für die Schau in einer Performance in die Rolle der „Assistentin“ und „Enkelin“ der vor den Nazis nach Schweden geflüchteten Jüdin Lotte Laserstein und erzählt deren Leben erst in Berlin, dann im Exil. Diese kühne Fiktion stellt den Bezug zwischen damals und heute her. Und fragt, sanft provozierend, nach dem „Selbstbild“ von Frauen, nach dem, was die jeweilige Gesellschaft von ihnen erwartet – und was die Künstlerin selber will.

Welche emanzipatorische Zeitspanne liegt zwischen dem lieblich-wachen Porträt „Mädchen mit blaugrünen Augen“ der Malerin Julie Wolfthorn von 1899 und dem metaphorischen Aktbild der 1966 geborenen, oft in Jerusalem lebenden Cornelia Renz. Wolfthorn, damals erfolgreiche Porträtistin, als Jüdin 1944 im NS-Konzentrationslager Theresienstadt ermordet, malte noch ganz im träumerischen Jugendstil. Renz hingegen versieht den expressiv rot linierten nackten Körper einer liegenden Frau mit dem Lanzen-Wundmal des gekreuzigten Christus. Gewalt, Verletzung, auch durch gesellschaftliche Rollenzwänge, werden deutlich.

Diesen Rollenzwängen suchte die Malerin Erna Schmidt Caroll seit den 20er Jahren und bis in die 30er Jahre hinein zu entkommen. Die in Breslau und an der Berliner Kunstgewerbeschule ausgebildete Modezeichnerin erwies sich als scharfe Beobachterin und Porträtistin der Berliner Bohème und der Großstadt-Gestalten jener Zeit. Im ausdrucksstarken Kolorit, den nervös pulsierenden Linien entdeckt man eine starke Wahl-Verwandtschaft zu nach 1933 verfemten Berühmtheiten ihrer Zeit: Jeanne Mammen – und den Männern Otto Dix und George Grosz.

Im Foyer stoßen die Besucher auf ein großes Farbfoto. Zu sehen ist ein Riesenstapel Berliner Zeitungen vom 19. Juni 2018, als Streifenmuster in Blau, Weiß und in der Mitte Rot. Die Konzeptkünstlerin Coco Kühn, an der Hallenser Burg Giebichenstein ausgebildet, hatte neun Wochen lang darauf gewartet, dass auf dem Titel mal eine Frau abgebildet würde. Dann kam der Tag. Es war Angela Merkel und die Kanzlerin trug einen roten Blazer, was nur noch als markanter Streifen im Stapel zu sehen ist. Welch emanzipations-politischer Kommentar.

Muss man sich in dieser Ausstellung von Künstlerinnen einer lange vergangenen und der heutigen Zeit nun fragen, ob „weibliche“ Kunst so anders ist als die männliche? Nun, Klischees taugen nicht. Auch nicht die Anzahl etwa all jener vergessener Künstlerinnen, deren Werke und Lebensgeschichten im Verborgenen Museum Berlin bewahrt und sukzessive öffentlich gemacht werden. In den Biesdorfer Schloss-Sälen gibt jede der Ausstellenden, ob von vor 100 Jahren oder von heute, ihre eigene Antwort.

Ute Weiss-Leder, Jahrgang 1959, die erst die Kunsthochschulen Weißensee, dann Leipzig, schließlich die HdK Charlottenburg besuchte, stellt sich in einer Installation von drei zeitlich getrennten Selbstporträts, umrahmt von Spielkarten, dar: Erstes Semester 1982, geballte Faust, für Selbstvertrauen und Mut, aber auch Wut über die Enge, die Grenzen in der DDR. Vierzig Jahre später steht da eine Frau und alleinerziehende Mutter, die sich für die Kunst entschieden hat. Egal wie die Verhältnisse sind. Träume erfüllten sich, Träume zerplatzten. Diese Arbeit erinnert an jene Kraft des Anfangs, die unaufhörlich vorwärts treibt.

Und was ist das sowieso für eine Welt, in der wir, die Frauen und die Männer, leben wollen? Else (Twin) Gabriel, geboren 1962, Studium an der Dresdner Akademie, heute Professorin an der Kunsthochschule Weißensee, hält uns mit ihrer Foto-Performance den Spiegel vor. Sie selbst gibt in einer teutonischen Trauerhalle das NSU-„Girl“ Beate Zschäpe. Ein manipulatives Rollenspiel: Opfer–Täterin. Weibliche Kunst, die Frauen wie Männern den Atem stocken lässt.

Schloss Biesdorf,Berlin-Mahrzahn: bis zum 13. Oktober.

www.schlossbiesdorf.de

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