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Jackson Pollocks „Blue Poles“ (1952), fast fünf Meter breit, ist der Mittelpunkt der Londoner Ausstellung. The Pollock-Krasner-Foundation / DACS
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Jackson Pollocks „Blue Poles“ (1952), fast fünf Meter breit, ist der Mittelpunkt der Londoner Ausstellung. The Pollock-Krasner-Foundation / DACS

Abstrakter Expressionismus in London

Im Makrokosmos der Kunst

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
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Monumental in jeder Hinsicht: Die Royal Academy London widmet sich in ihrer Herbstausstellung den großen Namen des abstrakten Expressionismus. Imposant, aber die Kritiker vor Ort überzeugt das nicht unbedingt.

Wohin sich zuerst wenden, wo verweilen? Die neue Ausstellung in Londons Royal Academy mit dem lapidaren Titel „Abstrakter Expressionismus“ stellt die Besucher vor eine beinahe unlösbare Aufgabe. Denn bis auf wenige Ausnahmen sind sie wirklich alle, alle versammelt, die wichtigsten Werke der größten Künstler jener Strömung. Mark Rothko, Jackson Pollock, Willem de Kooning, Clyfford Still, Ad Reinhardt – den meisten sind eigene Säle gewidmet, und es ist keine Übertreibung zu sagen: Beinahe jeder Raum würde einen separaten Besuch lohnen.

Vielleicht gilt dies besonders für die zwölf Gemälde des radikalen Außenseiters Still. Elf davon sind Leihgaben aus dem Museum in Denver (Colorado), das seinen Namen trägt und dem 95 Prozent seiner Werke gehören. Diese Konzentration mag ein Paradies darstellen für Eingeweihte. Das breitere Publikum hingegen, das Pilgerreisen in den amerikanischen Westen scheut, wird umso dankbarer sein für die Gelegenheit, einen genauen Blick zu werfen auf diesen Pionier der abstrakten Expression. Still verabschiedete sich schon in den späten 1930er Jahren von der konkreten Malerei, seine wilden Farbzacken übten großen Einfluss aus auf die gesamte Stilrichtung.

Auf Mark Rothko zum Beispiel, dessen unverkennbare Farbflächen, von tiefem Blau und Schwarz bis zum relativ ungewöhnlichen Limonengrün und Ocker, den achteckigen Kuppelsaal der Akademie füllen. Ebenso auf Jackson Pollock. Dem nach seinen berühmten Tropfgemälden (drip paintings) scherzhaft „Jack the Dripper“ genannte Künstler ist der größte Raum der Akademie gewidmet. Von hastiger Farbausschüttung könne keine Rede sein, schwärmt David Anfam, eine Autorität des abstrakten Expressionismus und externer Kurator dieser Ausstellung. Vielmehr müsse man Pollocks Technik als „mikroskopische Kalligraphie“ begreifen: „Aus welcher Perspektive auch immer man auf diese Kunstrichtung schaut, um Pollock kommt man nicht herum.“

Anfam hat den gewaltigen Saal mit einem Raumteiler versehen, um der Gegenüberstellung zweier Werke Pollocks besonderes Gewicht zu verschaffen. Da hängt nun also auf der einen Seite „Mural“ aus der Jahreswende 1943/44, eine monumentale Leinwand (2,5 mal 6 Meter) voll schwungvoller Farbbögen, gemalt für die Eingangshalle im Haus der berühmten New Yorker Kunstförderin Peggy Guggenheim. Und auf der anderen Seite das zwei Meter hohe und fast fünf Meter breite drip painting „Nummer 11, 1952“, besser bekannt als „Blue Poles“. Beim Ankauf für die Nationalgalerie von Canberra verursachte die grandiose Farb-Symphonie 1973 eine Regierungskrise, für die Londoner Schau hat das Bild erst zum zweiten Mal seine Heimat verlassen. Schon wieder eine interkontinentale Pilgerreise gespart.

Die Londoner Kritiker geben sich dennoch tendenziell skeptisch gegenüber der Monumentalausstellung mit 167 Gemälden, darunter 18 de Koonings, 15 Rothkos, aber auch zwölf Stahlskulpturen von David Smith. Die versprochene „Neubewertung“ der hochgeschätzten, wohlbekannten Kunstrichtung sei ausgeblieben, findet Adrian Searle im „Guardian“: „Wir lernen nichts dazu.“ Zudem fehlten wichtige Werke von Künstlerinnen wie Joan Mitchell oder Lee Krasner, der gänzliche Ausschluss von Hedda Sterne sei sogar „pervers“.

Matthew Collings („Evening Standard“) spricht von einem „lausigen Durcheinander“ und moniert fehlende Antworten auf ganz elementare Fragen: Was ist abstrakt? Was definiert Expressionismus?

Die Ausstellungstexte belassen es bei Feststellungen wie dieser: „ein Phänomen, so unterschiedlich und facettenreich wie seine Macher“. Tatsächlich lagen die wesentlichen Protagonisten häufig miteinander im Streit, produzierten Künstler wie Kritiker gelegentlich alberne theoretische Überhöhungen. Kein Zweifel aber, dass der abstrakte Expressionismus auch im Kunstleben die neue Weltmacht USA markierte. Beeinflusst von europäischen Stilformen, geprägt von den Katastrophen der Weltkriege, der Depression, des beginnenden Kalten Krieges reflektierten die vor allem in New York ansässigen Künstler einerseits die Angst des Atomzeitalters, andererseits die ungeheure Vitalität des Nachkriegs-Aufschwungs.

Vielleicht hätte eine Konzentration auf zwei, drei große Namen, dazu eine Neubewertung unbekannterer Künstler(innen) die Ausstellung für echte Kenner spannender gemacht. Interessierte Laien werden ihre Freude haben, auch tagelang.

Royal Academy of Arts, London: bis 2. Januar. www.royalacademy.org.uk

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