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Franz von Stuck: Adam und Eva, 1920-1926.
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Franz von Stuck: Adam und Eva, 1920-1926.

Frankfurter Städel

Männer in höchster Gefahr

Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ im Frankfurter Städel leuchtet den Kampf um Deutungshoheit aus. Vor allem die Frau wird als „das andere Geschlecht“ bestaunt und sexualisiert.

Der Unmut einiger Eltern lenkt gegenwärtig erst recht den Blick auf ein Plakat zur „Caravaggios Erben“-Ausstellung im Museum Wiesbaden, das den Ausschnitt des berühmtesten Gemäldes von Artemisia Gentileschi zeigt (eine Städel-Leihgabe). Zwei Frauen, von denen man jetzt nur die zupackenden Arme sieht, sind dabei, einem Mann den Kopf abzuschneiden. Die Hauptakteurin – das klärt sich dann in der Schau – ist etwas angeekelt, jedoch bei der Sache. Es ist eine unangenehme Aufgabe, aber sie muss anscheinend getan werden, und wer die (apokryphe) biblische Geschichte von Judith und Holofernes noch kennt, weiß auch, warum.

Interessant ist das in diesem Zusammenhang, weil es daran erinnert, wie stocknüchtern und aufmerksam die Künstlerin einer ganz anderen Zeit (erste Hälfte des 17. Jahrhunderts) den auch aus ihrer Sicht zweifellos entsetzlichen Vorgang darstellte, dies übrigens im Bewusstsein ihrer eigenen persönlichen Gewalterfahrungen durch Männer. Und wie kolossal verändert uns Judith ab heute im Frankfurter Städel entgegentritt, wo die neue Ausstellung „Geschlechterkampf. Von Franz von Stuck bis Frida Kahlo“ das Titelthema stimmungsvoll ausleuchtet. Ein Männer-Thema, wie sich zeigt, gewissermaßen überraschend und mit umso größerer Wucht, als Felicity Korn und Felix Krämer beim sich über fast vier Jahre erstreckenden Vorbereiten auf Parität und Vielseitigkeit achteten.

Es ist aber vor allem in den ersten Abteilungen so, dass die Betrachterin und der Betrachter in finster-furchtsam-angeregte Gefilde der Männerseele herabsteigen – und das nicht nur, weil etwa der Soloraum für Stuck die gefährlichen und gefährlich schönen Frauen auf schwarzer Wand und prächtig bestrahlt fast schon mit einem Dreh ins Ironische in Szene setzt: Medusa, abscheulich schlangenumwickelt, aber koketten Blicks; Salome, die noch vergnügt und selbstverliebt tanzt, während der Kopf des Jochanaan schon von der Seite angereicht wird; Judith, schmalhüftig, nonchalant in ihrer Nacktheit und mit dem auftrumpfenden Lächeln einer „modernen“ Frau, die sich als nächstes eine Zigarette mit eleganter Spitze anstecken könnte. Das – zumal aus der Warte eines betäubten und in jeder Hinsicht erschlafften Mannes – bedrohlich aufgerichtete Schwert belegt, dass sie andere Pläne hat.

Männer haben hier offenbar generell Grund zur Angst, dass ihnen etwas abgeschnitten wird. Dass ihnen überhaupt eine Frau ein Leid antun könnte. Mit dem Symbolismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steigt die weitgehend chronologisch sortierte und beim Surrealismus knapp nach dem Zweiten Weltkrieg endende Ausstellung ja an einem markanten Punkt ein: Das Geschlechtliche beschäftigt und betrifft die Zeitgenossen enorm, das Seelische wird insgesamt komplizierter und rückt auch an den darauf mäßig gut vorbereiteten Mann näher heran, als es die Lektüre der „Gartenlaube“ noch vorsah.

Zugleich bleiben die Künstler als Akteure und selbsternannte Opfer eines Geschlechterkampfs, der sich aus ihrer Sicht nämlich vor allem gegen sie wendet, unter sich. Fabelhaft breitet sich in den Sälen aus, wie die Frau als „das andere Geschlecht“ beäugt, bestaunt, stilisiert, typisiert, sexualisiert wird. Dass sie selbst modisch gern dabei ist und das Männerfantasiekonstrukt der Femme fatale ihr durchaus Behagen bereitet, gehört in den gesellschaftlichen Kontext – ein tragischer Irrtum sozusagen, aber auch ein verständlicher –, über den im Katalog mehr zu erfahren ist.

In der Schau selbst zeigen sich vor allem in den ersten Sälen lediglich reizvolle Konterpunkte. Zusammen mit Gustave Moreaus Sphinxwesen oder einer irr dreinblickenden Klytämnestra des Präraffaeliten John Collier, bei der nicht offen bleibt ob sie persönlich ihren Mann ermordet hat – ja, das hat sie zweifellos –, ist eine Pythia der Bildhauerin Marcello zu sehen: Eine höchst lebendig wirkende Hexe zwischen diesen statuarischen Gestalten.

Am Anfang sind aber Adam und Eva als Paar, so Kuratorin Korn, dessen Geschichte dem heutigen Publikum, anders als die von Samson und Dalila, Salome und Jochanaan oder Judith und Holofernes, noch vertraut sei. Zwischen löckenden Frauen findet sich unerwarteterweise eine, der der Mann womöglich die Hand führt, jedenfalls steckt er, seine Hand an ihrem Gelenk, mit drin in der Sündentat. Die Französin Suzanne Valadon hat das gemalt. Sie selbst ist die nicht gerade unvergnügte Eva, er ist ihr zwanzig Jahre jüngerer Freund, dem die Künstlerin nachträglich Weinlaub (kein keusches Feigenblatt, wie Korn betont) über das Geschlecht malte, um das 1909 entstandene Gemälde ausstellen zu können.

Das anspruchsvolle Adam-und-Eva-Entrée hat auch sonst unorthodoxe Perspektiven zu bieten. Der kaum noch bekannte Däne Julius Paulsen zeigt den erwachenden Adam, vor ihm die frisch erschaffene Eva, immerhin Menschen, die sich zu einem sehr fundamentalen ersten Mal erblicken.

Korn und Krämer betreiben keine Schwarzweißmalerei, suchen keine Belege für vorab gefertigte Theorien, fächern lieber auf. Das unterscheidet sie erquickend von etlichen Protagonisten der Schau. Dass sie sich ausführlich in den Städel-eigenen Beständen bedienen konnten, führt Korn auch darauf zurück, dass die bürgerlich orientierte Sammlung gut auf das Thema vorbereitet sei. Zur Mühsal des Ausleihgeschäfts – im Falle etwa der im Titel genannten Frida Kahlo gegenwärtig praktisch unmöglich, berichtet Korn, so dass lediglich eine kleine Auswahl aus Privatsammlungen zu sehen ist – kam eine regelrechte Spurensuche. Ein Hinweis führte beispielsweise zu frühen farbigen Zeichnungen der Berlinerin Jeanne Mammen, die Korn zufolge noch nie öffentlich gezeigt wurden und uns jetzt entsprechend entgegenstrahlen.

Dass ein Mammen-Mann seinerseits von einer Schlange umwickelt ist – über ihm tropft das Blut seines weiblichen Opfers auf ihn herab –, dokumentiert eine andere, weit seltener ausgeführte Lesart der Geschlechterbeziehungen. Auch der Homme fatal hat hier einen raren Auftritt, während männliche Rollenbilder insgesamt eine untergeordnete Rolle spielen. Vielleicht eine Projektion der Betrachterin, die sich nicht in der Lage sieht, all die Kopflosen als Opfer ernstzunehmen. Der Besuch von „Geschlechterkampf“ ist besonders schwer vom restlichen Leben und Wahrnehmen zu trennen.

Die Ausstellung fächert also auf, aber sie sortiert auch. Dem verschatteten Symbolismus um Stuck herum folgt seine grellere Spielart, in der die weibliche Gewalt karikatureske Züge annimmt. Korn und Krämer haben Arbeiten von Gustav Adolf Mossa aufgetrieben, die etwa eine puppenhafte Sexbombe auf einem Leichenberg zeigen. „Simplicissimus“-Zeichner Thomas Theodor Heine präsentiert sich als Bräutigam auf dem Weg zur Hinrichtung, seine Braut trägt das Schwert – humorvoll ist sonst eher der Blick der Künstlerinnen, betont Korn und zeigt die Schau etwa mit Arbeiten von Lee Miller oder Hannah Höch.

Der „Schock der Realität“ bringt den Symbolismus zurück auf den Boden blutiger Tatsachen, aber auch zu einem spielerischeren, weniger überspannten Blick: Herrliche Beispiele sind Max Liebermanns hauseigenes Gemälde „Samson und Dalilah“ oder Lovis Corinths „Salome II“, auf der die kleinbürgerlich aufgebrezelte Prinzessin dem Kopf des Jochanaan ohne weiteres ein Auge aufklappt, um es besser zu sehen. Der Henker trägt Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart. Rechts wird der Körper fortgeschafft.

Die Weimarer Republik setzt das Thema Lustmord auf die Agenda – in einer so betrachtet grotesken Wendung wird die Frau zwar jetzt ostentativ zum Opfer männlicher Gewalt, aber der Zusammenhang bleibt schaurig-apart. Die Frau ist zudem irgendwie selbst schuld. Auch Maler sind Leser, konsumieren Weininger, Strindberg, Wedekind. Elfriede Lohse-Wächtler malt eine Prostituierte, die Lissy heißt und eine Frau wie du und ich ist.

Unterbrochen werden die Themenabschnitte – die sich noch dem Androgynen widmen werden, bevor sie in den Surrealismus einmünden – durch monografische Räume. Es gibt mehrere Kino-Nischen, teils regelrechte Minikinos, in denen Filmausschnitte Geschlechterbeziehungen in heller Aufregung zeigen: Von Hedy Lamarr in „Ekstase“ (auf Deutsch als „Symphonie der Liebe“!) bis „King Kong“.

Der „Geschlechterkampf“ in der Kunst zwischen 1860 und 1945 ist vor allem einer um Deutungshoheit. Auch wenn im Eingang von den Wänden aktuelle Pressezitate vom Stand männlich-weiblicher Auseinandersetzung zeugen, die kein Thema von gestern ist, wird doch deutlich, dass wir uns mit Betreten der Säle in einer bestimmten historischen Situation befinden. Die nachwirkt, gewiss, die interessiert ohnehin. Man darf schauen, ohne ständig gesagt zu bekommen, was man davon halten soll, wunderbar.

Städelmuseum, Frankfurt: bis 19. März 2017. Der Katalog (Prestel Verlag) kostet im Museum 39,90 Euro.

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