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Porträtkopf der Agrippina aus dem Gestein Grauwacke, eine Leihgabe aus Kopenhagen.
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Porträtkopf der Agrippina aus dem Gestein Grauwacke, eine Leihgabe aus Kopenhagen.

Ausstellung

Mächtigste Kölnerin, Mädchen für alles

Nach 2000 Jahren der Zerrissenheit ist die Statue der Agrippina in originaler Überlebensgröße in Köln zu besichtigen. Die kölnische Römerin ist im Bewusstsein der Stadt so präsent wie keine andere Gestalt der Antike.

Von Martin Oehlen

Endlich vereint. Wenn auch nur für kurze Zeit. Nach 2000 Jahren der Zerrissenheit ist Agrippina in originaler Überlebensgröße zu besichtigen. Die Statue der privat wie politisch erstaunlichen Frau war einst von mutmaßlich gotischen Invasoren zerstört worden – mit großem Aufwand, denn Grauwacke ist extrem hart. Während gemeinhin das Haupt der Statue in Kopenhagen und der restaurierte Körper in Rom ausgestellt sind, finden sie nun in Köln zusammen, ausgerechnet in Köln.

Mutmaßlich im Prätorium, über dem sich heute das Rathaus erhebt, wurde sie 15 n. Chr. geboren als Tochter von Feldherr Germanicus und Agrippina der Älteren. Und im Sternzeichen des Skorpions. Nur ihr erstes Lebensjahr hat sie in Köln verbracht – da wurde der Flecken noch als „Oppidum Ubiorum“, als Stadt der Ubier auf den römischen Karten geführt.

Gleichwohl ist die kölnische Römerin im Bewusstsein der Stadt so präsent wie keine andere Gestalt der Antike. Was den vertrauten Grund darin hat, dass sie 50 n. Chr. dafür sorgte, dass die Siedlung offiziell aufgewertet wurde zur „Colonia Claudia Ara Agrippinensium“ – für den Alltag abgekürzt zum CCAA. Keine weitere Stadt des Römischen Reichs wurde je nach einer Frau benannt. So hießen die Kölner von einst Agrippinensier. Und die Kölner von heute wissen, dass sie ihren Namen aus dem Wort „Colonia“ ableiten.

Zuletzt im Jahre 1996 hatte das Römisch-Germanische Museum der Herrscherin, die als Mörderin ihres kaiserlichen Ehemanns Claudius und als Mordopfer ihres kaiserlichen Sohnes Nero berühmt-berüchtigt ist, eine Ausstellung gewidmet: „Tu felix Agrippina“. Damals feierte das Haus auf diese Weise sein 50-jähriges Bestehen. In jener Zeit galt es noch als ausgemacht, dass Agrippina als Gründerin der Stadt anzusehen sei. Doch mittlerweile hat sich nicht nur die Welt, sondern auch die Forschung weitergedreht, so dass diese Ehre nun Kaiser Augustus – dessen Urenkelin Agrippina war – zugesprochen wird. Denn der ließ 19 v. Chr. die Ubier auf der linken Rheinseite ansiedeln und ihnen 7 v. Chr. ein urbanes Zentrum anlegen.

Seine einschlägigen Forschungsergebnisse hat der Althistoriker Werner Eck zuletzt noch kürzlich dargelegt. Da ging es darum, den Geburtstag der Agrippina am 6. November zu feiern. Dass die Kölner Ausstellung den Geburtstagsgruß für die „Stadtmutter“ (nicht Stadtgründerin) etwas verspätet abschickt – Agrippina wird es ihrem Geburtsort nachsehen.

Für pünktliche Lieferung ist die Stadt ja nicht berühmt. Und gerne wüsste man jetzt, ob es hier schon in der Antike immer etwas länger dauerte – etwa bei Bauprojekten. Museumsdirektor Marcus Trier immerhin führt gute Gründe für die Terminierung an: Die Leihverträge und eine Vorgängerschau ließen keine frühere Eröffnung zu.

Nun freut er sich, dass „zusammenkommt, was zusammengehört“. Die Kolossalstatue der Kaiserin steht daher im Zentrum der kleinen, aber intensiven Ausstellung. Dass die Vereinigung zu Köln möglich war, deutet Marcus Trier als „Liebesbeweis“ Italiens. Zumal der Staat die Ausstellung auch finanziell unterstützt habe. Der italienische Botschafter und der Europaminister von NRW sagten bei der Pressekonferenz, dass es sich hier um eine gelungene europäische Kooperation handele.

Kuratorin Friederike Naumann-Steckner hat um die Zentralfigur, die als Betende im dünnen Gewand dargestellt wird, deren Familie versammelt. Wie es ihr als Baby ergangen sein könnte, wird anhand von antikem Holzspielzeug und gläserner Nuckelflasche angedeutet. Schließlich wird die Rezeption der Frau mit der markanten Lockenfrisur gewürdigt – in Alltag, Schrift, Brauchtum, Film.

Nachdem Nero seine Mutter hatte umbringen lassen, sorgte er dafür, dass die Erinnerung an sie überall im Römischen Reich getilgt wurde. Überall? Nein, in Köln rümpfte man nicht die Nase über Agrippina, die ihren Gemahl mit einem Pilzgericht vergiftet hatte. Vielmehr feierte die Nachwelt die Frau, die Köln in die „Champions League der römischen Städte“ (Marcus Trier) erhoben hatte. Plötzlich befand es sich auf einem Level mit dem viel älteren Karthago oder Pompeji: eine Bürgerkolonie nach römischem Recht. So viel Prestige stärkt das Selbstbewusstsein. Das hat sich die Stadt nie mehr nehmen lassen.

Auf der Panoramakarte von Anton Woensam aus dem 16. Jahrhundert schwebt Agrippina göttinnengleich auf einer Wolke über der Stadt. Die Herrscherin sei in Köln zum „Mädchen für alles“ geworden, sagt Trier. In ihrem Namen wirkt ein Versicherungskonzern, gelangen Zigarren in den Handel, wird Karneval gefeiert. Als Jungfrau im „römischen“ Gewand, so das Begleitbuch, sei die „jecke Agrippina“ Teil des Kölner Dreigestirns. Und selbst als Zweitname für Neugeborene scheint sie sich einiger Beliebtheit zu erfreuen.

Der Name der mächtigsten Kölnerin aller Zeiten ist das auf jeden Fall. Eine wie keine. Wer es noch nicht wusste, wird es nach dem Besuch dieses Schnellkursus im Römisch-Germanischen Museum zweifelsfrei wissen.

Römisch-Germanisches Museum, Köln: bis 29. März. Begleitbuch zur Ausstellung, 116 Seiten, 12, 95 Euro.

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