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Walter Gircke: Regierungstruppen auf dem Brandenburger Tor während des Spartakusaufstandes im Januar 1919.

Deutsches Historisches Museum Berlin

Die Macht der Pressefotografie

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Noch mehr sehen, alles sehen: Eine fabelhafte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin führt tief ins Ullstein-Archiv zu den Anfängen der Pressefotografie.

Was in Kantinen der Bundeswehr heutzutage undenkbar wäre und auch in zivilen Gemeinschaftsküchen gar nicht oder nur verschämt unterm Kassentisch rausgeht – in Preußens Kasernen anno 1898 wurde Berliner Weiße ausgeschenkt. Ob mit oder ohne Schuss, das lässt sich natürlich nicht sagen. Die Jungs jedenfalls sehen recht, nun sagen wir, lebhaft aus. Außerdem wurde gequalmt, was das Zeug hielt. Der Fotograf Waldemar Titzenthaler hat es festgehalten, und seine Aufnahme wurde in einer der damals zahlreichen Berliner Zeitungen auch veröffentlicht.

Das Foto dieser Kasernen-Kantine, die eher einer Schankstube gleicht, ist jetzt im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen, in der wirklich packenden Ausstellung „Die Erfindung der Pressefotografie. Aus der Sammlung Ullstein 1894-1945“. 345 Bilder werden in Original-Abzügen gezeigt, so gut wie das zeitgeschichtlich Wichtigste und Originellste. Oftmals waren sie in der „Berliner Illustrierten Zeitung“ (BIZ), die zum Ullstein Verlag gehörte, zu sehen. Diese erreichte bis in die dreißiger Jahre eine Auflage von fast zwei Millionen, wurde von breiten Bevölkerungsschichten gelesen. Zur Popularität verhalfen ihr Bilder, die massenhafte Sehgewohnheiten prägten und visuelle Sehnsüchte bedienten.


Und so ist diese Schau auch ein Rückblick auf eine Ära, in der Reiche wie Arme, Entscheidungsträger wie der Mann – oder die Frau – auf der Straße noch begierlich nach Zeitung oder der Zeitschrift griffen, hungrig nach dem Neuesten, im Weltbedeutenden, wie im Kleinklein-Alltäglichen, nach großer Politik wie Klatsch und Tratsch. Sei es der Blick in die Kolonien, mit Tropenhelm vor Trophäen, seien es berühmte Sportler, Künstler, Mimen, Dichter. Oder die ersten Modeschauen. Und auch das zeigt die Schau: Der Beginn der Pressefotografie war zugleich der Beginn der Bildredaktion – eben auch mit allen Formen der Manipulation. Es war die Blütezeit der namhaften Fotografen und Agenturen: Agentur Zander und Labisch, Fotografien von Erich Salomon, den Gebrüdern Haeckel, Nicola Perscheid und eben Titzenthaler. Und Ullstein erlangte mit all diesen Fotos das Monopol.

Die dokumentarischen und erzählenden Aufnahmen hängen in der Pei-Ausstellungshalle des DHM an einer schier endlosen Papierrolle, ganz wie in einer Rotationsmaschine der Zeitungs-Druckereien. Texte zu den Bildern sind auf Zeitungspapier gedruckt. Dazwischen im Raum türmen sich Zeitungsstapel, die die Geschichte des Ullstein-Verlags gleichsam in Skulpturen fassen. Die historischen Pressefotos des Verlages, in Originalabzügen oder als Glasnegative, haben glücklicherweise den Zweiten Weltkrieg überdauert Nicht aber das dazugehörige Papierarchiv. So weiß man leider nichts mehr über die Bildauswahl einst in den Redaktionen, auch nichts über jene Motive, die man lieber nicht veröffentlichen wollte. Warum auch immer.


Damals, 100 Jahre vor der inflationären digitalen Verbreitung und Kannibalisierung in den sozialen Netzwerken, entfalteten die Bilder – vom täglichen Leben in nah und fern, von Kämpfen, Kriegen, Katastrophen, aber auch erfreulichen Dingen wie Entdeckungen, Neuerungen, Sensationen – ihre Magie und Energie noch im Entwicklerbad: Die Pressefotografie erlangte Bedeutung, ja Macht. Wir sehen eines der ersten Paparazzi-Bilder, die Szenen der kaiserlichen Abdankung 1918. Der Fotograf hatte sich in einem Heuwagen versteckt, um mit seiner Kamera über die Parkmauer hinweg Kaiser Wilhelm knipsen zu können. Der hätte die Schmach, auf diesem Wege in die Zeitung zu gelangen, wohl gern noch verhindert, aber das Foto wurde in zahlreichen Blättern abgedruckt. Und auch das Foto mit den Regierungs-Soldaten auf dem Dach des Brandenburger Tores, die Gewehre im Anschlag auf die 1919 revoltierende Masse.

Deutsches Historisches Museum, Berlin, Pei-Ausstellungshalle: bis 31. Oktober. www.dhm.de

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